Scholem-Alejchem-Vortrag

Laurel und Hardy auf Jiddisch

Der Jiddist Diego Rotman sprach über das Komikerpaar Dzigan und Shumacher

von Ellen Presser  19.05.2021 18:35 Uhr

Foto: PR

Der Jiddist Diego Rotman sprach über das Komikerpaar Dzigan und Shumacher

von Ellen Presser  19.05.2021 18:35 Uhr

Seit zehn Jahren gibt es im Frühsommer einen Scholem-Alejchem-Vortrag, gemein­sam ausgerichtet vom Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Mit dem Namenspatron sind Vortragssprache und Themenkreis vorgegeben, und gleichzeitig wird damit unter Beweis gestellt, dass »Jiddisch immer noch eine lebendige Sprache und Teil der akademischen Analyse« sei, wie der Historiker Michael Brenner in seiner launigen Begrüßung der zahlreichen Zuhörer betonte.

sketche Das Thema, das dieses Mal online im Mittelpunkt stand, geht ihm wie vielen Zuhörern zu Herzen, denn die Sketche von Shimen Dzigan und Isroel Shumacher gehörten in den Haushalten jüdischer DPs ebenso dazu wie Gefilte Fisch zum schabbesdiken Speiseplan.

Brenner wuchs mit den Stimmen des aus Lodz stammenden Komiker-Duos auf; der in Buenos Aires geborene Referent Diego Rotman eher weniger. Seine aus Polen stammenden Eltern »hobn nit gehaltn fun yidish. Nit gezen in dem keyn tsukunft«. Wie Evita Wiecki, Jiddisch-Dozentin am Lehrstuhl, in ihrer Einführung verriet, fand Diego seine Inspiration woanders: »In dem zeydns heym hot er ayngezapt dem yidishn nign.«

Inspiriert und geschult im Diskurs zwischen revolutionären Ideen und neuen theatralen Ausdrucksformen der 20er- und 30er-Jahre in Polen, konnten Dzigan und Shumacher auch hochpolitisch werden.

Im Haus des Großvaters der jiddischen Sprachmelodie verfallen, zog es ihn zum Studium des Jiddischen um die halbe Welt und schließlich an die Hebräische Universität in Jerusalem. Seinen Master erwarb er mit einer Arbeit über »Jiddisches Theater in Israel 1948–2003«, seine Dissertation widmete er der Kunst von Dzigan und Shumacher als Ausdruck einer Kulturkritik. Der Titel seines Vortrags »Di geshikhte fun nisht farbetene gest: Dzigan un Shumacher in Yisroel« sagt alles. Auch Jiddisch galt als ungebetener Gast.

kulturkampf Ein innerisraelischer Kulturkampf darüber, welches die Landessprache werden sollte, ging zugunsten des Hebräischen aus, nicht zuletzt durch Intervention David Ben Gurions. Jiddisch wurde als Hindernis für die offiziell propagierte israelische Kultur betrachtet. Auflagen wie die, ein Drittel des Programms in Iwrit zu bestreiten, sowie die Verhängung von Extrasteuern machten den Künstlern das Leben im Heiligen Land, wohin sie 1950 gezogen waren, schwer. Auf ihren Auslandstourneen dagegen wurde das für seine Doppelconférencen berühmte Duo bejubelt.

Rotman reiht es ein unter Paare wie Abbott und Costello und Laurel und Hardy, wobei der Brillenträger Shumacher den Intellektuellen gab und Dzigan als Widerpart den Einfaltspinsel spielte. Ihr Sketch »Einstein – Weinstein« ist ein geniales Beispiel dafür.

Inspiriert und geschult im Diskurs zwischen revolutionären Ideen und neuen theatralen Ausdrucksformen der 20er- und 30er-Jahre in Polen, konnten Dzigan und Shumacher auch hochpolitisch werden wie in ihrer Adaption des »Dybbuk« mit Dzigan als Braut Lea, einer Breitseite gegen Ben Gurion, oder als Golda Meir, die »israeldike lecher« stopfen will. Shumacher starb bereits 1961, Dzigan brach 75-jährig auf der Bühne zusammen. Was für ein Abgang!

Diego Rotman: »The Yiddish Stage as a Temporary Home. Dzigan and Shumacher’s Satirical Theater (1927–1980). De Gruyter Oldenbourg, Berlin/
Boston 2021, 321 S., 103,95 €

Festakt

»Ein Grund zur Freude und Dankbarkeit«

Zsolt Balla ist in der Leipziger Synagoge feierlich in das Amt des ersten Militärbundesrabbiners eingeführt worden

 21.06.2021 Aktualisiert

Berlin

Schoa-Überlebende Friedländer erhält Jeanette-Wolff-Medaille

Die Auszeichnung wird ihr am Sonntag im Rahmen der Eröffnungsfeier der Berliner »Woche der Brüderlichkeit« verliehen

 21.06.2021

Extremismus

»Es ist eine historische Verantwortung«

Balla wird der erste Militärrabbiner seit 100 Jahren beim deutschen Militär - und meldet sich nun auch politisch zu Wort

 21.06.2021

Interview mit jüdischem Soldaten

»Ein gutes Zeichen an die Gesellschaft«

Hauptbootsmann Konstantin Boyko über Militärrabbiner, seelischen Beistand und Schabbatfeiern

von Katrin Richter  21.06.2021

Brandenburg

Vertrag für neue Synagoge unterzeichnet

Potsdam soll bis 2024 eine neue Synagoge für die jüdischen Gemeinden der Stadt bekommen

 21.06.2021 Aktualisiert

Porträt

Rabbiner mit Bassgitarre

Schon mit seiner Familie lebte Zsolt Balla zeitweise auf Militärbasen in Ungarn, weil sein Vater Oberleutnant war

von Leticia Witte  21.06.2021

Potsdam

Ein weiterer Schritt nach vorn

Heute wird die Vereinbarung zum Bau der neuen Synagoge unterschrieben

 21.06.2021

Jewrovision

Videos und Show

Ein Sonntagnachmittag mit den Vorstellungsclips der Jugendzentren und der Frage: Findet die Jewro 2022 statt?

 20.06.2021

Tempelhof

Kopfsprung in die Geschichte

Das neue Multifunktionsbad im Bezirk soll nach Helene Lewissohn benannt werden – der Besitzerin des ehemaligen Seebads Mariendorf

von Christine Schmitt  20.06.2021