Emmendingen

»Kultur des friedlichen Zusammenlebens«

Den Anstoß gab die wachsende Zahl jüdischer Kontingentflüchtlinge. Anfang der 90er-Jahre kamen sie verstärkt nach Deutschland, auch in den Südwesten – und so wurde vor 20 Jahren in Emmendingen wieder eine Jüdische Gemeinde gegründet. Heute ist sie mit ihrem regen Gemeindeleben »fester Bestandteil des Lebens unserer Stadt geworden«, stellte Oberbürgermeister Stefan Schlatterer anlässlich der Feier des 20. Jahrestages der Wiedergründung am Sonntag fest. 270 Mitglieder, die im Landkreis Emmendingen und in der nördlich angrenzenden Ortenau leben, zählt die Gemeinde.

»Es gibt viele Gründe, weshalb wir feiern sollten«, verweist der badische Landesrabbiner Moshe Flomenmann auf ein mittlerweile sehr weit gefächertes Gemeindeleben. Neben der Sozialarbeit hätten sich Jugend-, Senioren- und kulturelle Arbeit entwickelt, vielfältiges religiöses Leben sei erblüht und die Gemeinde pflege eine rege Öffentlichkeitsarbeit. Im Gespräch mit anderen Religionsgemeinschaften baue sie »an einer Kultur des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen«.

streit
Rabbiner Benjamin Soussan, Landesrabbiner im Gründungsjahr, erinnert daran, dass der Start nicht unumstritten war. Am Tag der Wiedergründung, dem 12. Februar 1995, hatte der damalige Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Badens erklärt, die neue Gemeinde werde nicht anerkannt.

In der Zeit vor dem Staatsvertrag, der die Finanzierung der Gemeinden sicherstellt, hatten ein paar der etablierten Gemeinden wohl die Sorge, den Kuchen auf mehr Gemeinden verteilen zu müssen, erklärt Gründervater Klaus Teschemacher einen der Punkte für die verweigerte Anerkennung. Doch die junge Gemeinde konnte neben Mitgliedsbeiträgen auch auf Zuschüsse der Stadt bauen und so ihr Überleben sichern.

Daran, dass sich auch die politische Gemeinde nicht immer leicht mit den Wünschen und Forderungen der jüdischen Gemeinde tat, erinnert der frühere Oberbürgermeister Ulrich Niemann. »Sehr wohl schwierige Diskussionen« habe es im Gemeinderat um die Rückgabe des historischen Gemeindehauses 1999 gegeben, in dem jetzt Büros, Bibliothek und Festsaal untergebracht sind.

Das heutige Simon-Veit-Haus, benannt nach dem Gemeindevorsitzenden der Jahre 1880 bis 1930, war von der IRG 1954 an die Stadt verkauft worden. Damals, so erklärt Landrat Hanno Hurth, war nicht vorstellbar, dass in Emmendingen und im gleichnamigen Landkreis je wieder jüdisches Leben erblühen werde. Hurth würdigt das soziale Engagement der Gemeinde, die ihren neu ankommenden Mitgliedern »ein Rundum-sorglos-Paket« anbiete. Ehrenamtlich werde geleistet, was der Landkreis, als Träger der sozialen Dienste »so nicht leisten könnte«.

wirklichkeit »Heute ist jüdisches Leben lebendige und gelebte Wirklichkeit, jüdische Kultur wird von den Mitgliedern selbstverständlich und selbstbewusst gelebt«, betont Carola Grasse. Die Vorsitzende des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen, der unter anderem das jüdische Museum in der alten Mikwe unterhält, betont die enge Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde. Gemeinsam tragen Verein und Gemeinde das 2007 gegründete Jüdische Lehrhaus Emmendingen.

»Wir waren damals mit ihnen glücklich, dass die Wunde geschlossen wurde, wenn auch die Narbe noch da ist«, erinnert sich der evangelische Pfarrer Georg Metzger an die Wiedergründung. Gemeinsam mit dem türkisch-islamischen Verein und der christlichen Kirche pflege die Jüdische Gemeinde einen sehr intensiven Austausch, der mit dem ersten Rabbiner der Gemeinde, Moshe Navon, »viel Öffnung erfahren habe« und den sein Nachfolger, Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky, fortsetzen wolle.

Im Trialog der drei Religionsgemeinschaften sei aufgrund einer vertrauensvollen Gesprächskultur ein gemeinsames Mit- und Füreinander gewachsen. Der interreligiöse Gesprächskreis sei »Keimzelle des Gemeinschaftslebens«, so Oberbürgermeister Schlatterer.

weltanschauungen Während die Abgeordneten die Bereicherung des Lebens durch die jüdischen Mitbürger betonen, geht Ulrich Niemann einen Schritt weiter. »Biologische, weltanschauliche oder ethische Monokulturen sind immer lebensfeindlich«, hebt der Oberbürgermeister des Gründungsjahres die unverzichtbare Vielfalt von Religionen und Weltanschauungen hervor. Der jüdischen Gemeinde wünscht er, dass sie, wie alle anderen, endgültig und nie mehr infrage gestellt, zur Vielfalt und damit zur Stabilität der Gesellschaft beiträgt.

Einstimmig, so der Vorsitzende Torsten Rottberger, habe der Vorstand beschlossen, die Lebensleistung von Ute und Klaus Teschemacher, ohne die die Wiedergründung unvorstellbar sei, zu würdigen. Zukünftig soll der Festsaal im Gemeindehaus den Namen »Teschemacher-Saal« tragen.

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