Ausstellung

Kombinat in Marzahn

Die dünnen Papierstränge winden sich von Stockwerk zu Stockwerk, von der Decke des Lichthofs bis hin zum Boden des Foyers. Ein ständiges »Ich bin, wer ich bin« steht da in schwarzen Pinselstrichen, in kantigen hebräischen und geschwungenen arabischen Schriftzeichen. Ein kabbalistisches Mantra, eine Wiederholung, die sich durch die grünen Zierpflanzen und vorbei an den Treppengeländern des Alten Rathauses Marzahn‐Hellersdorf schlängelt.

Die mehrstöckige Installation ist eines der Werke der israelischen Künstlerin Ella Ponizovsky Bergelson und Teil der Ausstellung »Kombinat – Israeli Artists out of Context«. Zum achten Mal und bis Januar 2018 bespielen damit die Kunstfreunde Marzahn‐Hellersdorf unter der kuratorischen Leitung von Michael Wiedemann das historische Gebäude am Helene‐Weigel‐Platz.

»Zu Beginn stand der Ausstellungstitel ›Shalömchen‹ im Raum«, berichtet die gebürtige Moskauerin Ponizovsky Bergelson und lächelt. »Das fanden wir aber albern.« Der Ausdruck »Kombinat« sei da schon treffender: Im Hebräischen sei »Kombina« ein Slangwort, mit dem unkonventionelle Lösungen beschrieben werden.

kontext Im ursprünglich aus dem Russischen abgeleiteten sozialistischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff eine Zusammenarbeit von verschiedenen Betrieben, die die Produktivität verbessern soll. Kombina trifft also auf Kombinat und neun israelische Künstler auf denkmalgeschützten Backstein in Ost‐Berlin.

»Sage und schreibe 30.000 Israelis leben nun in unserer Hauptstadt«, verkündete Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, stolz in ihrer Rede anlässlich der Vernissage Ende September. »Vor allem viele junge Kreative haben den Weg nach Berlin gefunden.« Kultur und Kunst seien »noch immer die verlässlichsten Kommunikationsmittel, um gegenseitiges Verständnis zu erarbeiten«, betont die Kulturstaatsministerin.

In der Tat haben die meisten der israelischen Wahlberliner eher selten Berührungspunkte mit den östlichen Randbezirken Marzahn und Hellersdorf. Manche von ihnen haben anlässlich der Ausstellung sogar zum ersten Mal die S‐Bahn in diesen Stadtteil genommen, wurden buchstäblich aus ihrem gewohnten Kontext gerissen.

österreich »Es ist auf jeden Fall ein sehr besonderer Ort für uns«, bestätigt Ponizovsky Bergelson und wirft einen Blick auf ihre eigene Arbeit, fast als wäre sie selbst verwundert, sie hier zu sehen. Sanft bewegt sich der transparente Stoff derweil im Treppenaufgang – fein ineinander gewebt, werden die getuschten Buchstaben zu Kunstobjekten selbst. Ein Stockwerk höher unterhält sich die Künstlerin Hadas Tapouchi mit Besuchern über ihre Arbeit.

Sie ist auf Spurensuche gegangen, hat »Stolpersteine der neuen Art« gefunden und sie mit der Kamera eingefangen. »Europas Tatorte des Zweiten Weltkriegs« nennt die Israelin ihre aktuelle Serie, die in einer Künstlerresidenz in Österreich entstanden ist. Da ist ein grünes Dickicht, irgendwo im ländlichen Polen, hinter dem sich die Infrastruktur eines ehemaligen Kriegsgefängnisses befindet.

Daneben sieht man ein Bild von Fußball spielenden Kindern. »Sie haben keine Ahnung, dass sie vor einem damaligen Arbeitslager spielen«, merkt Tapouchi an. Darüber erkennt man einen idyllischen See in Österreich, der ursprünglich von Nationalsozialisten angelegt wurde; darunter eine Bierfabrik, die irgendwann einmal als Waffenlager diente.

schnittfläche Tapouchi verwebt das Gedächtnis der Orte mit gegenwärtig gelebter Realität. »Ich glaube fest daran, dass wir unsere Art, wie wir als Gesellschaft mit kollektiver Erinnerung umgehen, überdenken müssen«, findet die Künstlerin. »Ich will eine Aussage machen«, fügt sie hinzu und wiederholt diesen Satz dreimal.

Bewegt sich Tapouchi in der Schnittfläche zwischen Kunst und Debatte, zwischen Entwicklermilch und Kontroverse, eröffnen die analogen Schwarzweiß‐Fotografien von Lea Fabrikant einen sehr persönlichen Einblick in die Gefühlswelt der Künstlerin.
Auf den Bildern biegt und dehnt sich eine Frau im nächtlichen Berliner Winterwald, die Silhouette verwaschen, fast ausgefranst.

Wie zufällig scheinen sich die Kunstwerke nebeneinander angesiedelt zu haben, fast verwundert hängen diese Selbstporträts neben der Kalligrafie Ponizovskys. Der öffentlich zugängliche Raum des ehemaligen Rathauses heißt jedes Genre willkommen. Typografie besteht hier neben Malerei, Hieroglyphen neben Fotografie. Auf eine strikte Kuration wurde verzichtet. Vielmehr wurden die Ausstellenden dazu angeregt, weitere Künstler ihrer Wahl einzuladen. Das Ergebnis: Kein hierarchisch auferlegter roter Faden, sondern eine fragmentarische, teilweise sogar improvisierte Teilnahme ist die Folge.

Auch Fabrikant will sich nicht festlegen: »Ich mache alles. Von Video bis Audio bis Fotografie.« Nur politisch, das sei sie im Vergleich zu den anderen hier nicht. Sie hält kurz inne und fährt sich mit einer Hand durch den Bürstenschnitt. »Nur im persönlichen Ausdruck habe ich das Gefühl, zu wissen, wovon ich rede.«

debatte Doch dann trifft plötzlich internationale Diplomatie auf Ostberliner Bürgersaal und schwarzes Brett: Die Ankunft des neuen israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff – für viele Künstler ein willkommener Ritterschlag – löst im Kombinat‐Kollektiv eher Unbehagen aus.

»Von Anfang an haben wir ausdrücklich klargestellt, dass wir hier nicht als Repräsentanten Israels stehen wollen«, erklärt Ponizovsky Bergelson. Der neue Botschafter wartet derweil vergeblich auf seinen Einsatz – eine unangenehme Situation für alle Beteiligten.

»Ich war mir dieser Kontroverse nicht genug bewusst«, sagt Kurator Wiedemann betroffen. Letztendlich habe man sich aber nach den Wünschen der Künstler richten müssen. Das Rathaus Marzahn‐Hellersdorf ist Aufregung dieser Art gar nicht gewohnt. Angestoßen wird trotzdem, schließlich hat vor Kurzem ein neues Jahr begonnen. Bewegung ist im Raum. Und das wird auch bis Januar so bleiben.

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