Lörrach

Kleiner Grenzverkehr

Der 1. Dezember war für die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Lörrach ein großer Tag: Es gab einiges zu feiern in Deutschlands südlichster jüdischer Gemeinde. Nur ein paar Hundert Meter von der Schweizer Grenze entfernt, galt es zum einen, die fünfte Channukkakerze zu entzünden, und zum anderem den fünften Geburtstag der neu errichteten Lörracher Synagoge zu begehen.

Und genau fünf Jahre nach ihrer feierlichen Eröffnung 2008 wurde diese Synagoge jetzt von der baden‐württembergischen Architektenkammer als eines von insgesamt 23 Gebäuden im Land für »beispielhafte Architektur« mit einer Plakette ausgezeichnet. Überreicht wurde sie von Jürgen Moser, dem Vorsitzenden der Kammergruppe.

In seiner Dankesrede betonte Rabbiner Mosche Flomenmann, wie das Licht durch die großen Fenster des Gotteshauses von innen nach außen scheint. Das Glas lasse aber auch das Licht von außen in die Räume dringen. Somit seien die Fenster »ein gutes Beispiel dafür, dass wir als Gemeinde uns nicht verschließen, sondern mit unserer Umwelt den Kontakt suchen«. Rabbiner Flomenmann hatte selbst ebenfalls Grund zum Feiern: Seit zehn Jahren amtiert er in Deutschland als Rabbiner, die vergangenen Jahre in Lörrach.

Basel Teilgenommen an der Feier hatte auch eine Delegation der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB). Die Basler erwiderten damit einen Besuch der Lörracher einige Wochen zuvor. Im Rahmen des »Mitzvah Day«, der in ganz Deutschland Mitte November begangen worden war, hatte eine große Lörracher Delegation, bestehend vor allem aus Musikern, die Schweizer Nachbarstadt Basel besucht und dort ein vielbeachtetes Konzert gegeben.

Diese »Besuchs‐Diplomatie« ist Teil eines Vorhabens; der Idee nämlich, die Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz zu verstärken. Vor allem und zunächst wollen die beiden Gemeinden von Basel und Lörrach kooperieren.

Dafür setzt sich besonders Ralph Eichin ein. Der Kaufmann, der selbst aus der badischen Nachbarschaft Basels stammt, ist sowohl Mitglied der Baseler als auch der Lörracher Gemeinde und leitet eine gemeinsame Kommission. »Wir versuchen, auszuloten, wo wir zusammenarbeiten könnten, wo sich eine Kooperation aufdrängt und wo nicht.«

Ganz so einfach ist das nicht, denn in Basel sind die Strukturen in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten gewachsen. In der erst in den 90er‐Jahren neu gegründeten Lörracher Gemeinde, die wie viele andere jüdische Gemeinden in Deutschland von einer russischen Einwanderung profitieren konnte, musste hingegen vieles improvisiert und erst wieder neu erstritten werden.

Erziehung Auf beiden Seiten ist man daher vorsichtig, wenn es um die konkreten Möglichkeiten des Teamworkings geht. »Anbieten würde sich eine Zusammenarbeit im Erziehungsbereich«, sagt Ralph Eichin. Die jüdische Grundschule in Basel leidet seit Jahren unter zu wenigen Kindern und sinkenden Schülerzahlen.

Dafür verantwortlich sei die Konkurrenz durch die staatlichen Schulen einerseits und die Grundschule der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft Basels (IRG) andererseits. Lörrach stecke bei solchen Dingen noch in den Kinderschuhen und denke beispielsweise über die Gründung eines Ganon, einer Vorstufe zum Kindergarten, nach, betont Rabbiner Flomenmann im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Genügend Kinder hätten wir schon, aber es bedarf natürlich noch mehr.«

Ob hier, oder auch auf Grundschul‐Ebene, ein Austausch zwischen den beiden Gemeinden praktikabel ist, ist jedoch angesichts des unterschiedlichen Schulsystems der beiden Länder unwahrscheinlich. Schon eher sieht Rabbiner Flomenmann die Möglichkeit, die Jugendlichen von Basel und Lörrach zu gemeinsamen Schabbaton oder anderen Events zusammenzubringen. »Ich denke, hier gibt es viel Potenzial.« Man wolle nun erst einmal versuchen, einen gemeinsamen Event‐Kalender aufzustellen, so der Rabbiner.

Chewra Kadischa Ein starkes Interesse seitens Lörrach besteht aber auch an einer Institution, die sich mit dem Ende des Lebens auseinandersetzt: der Beerdigungsbruderschaft »Chewra Kadischa«. Sollte man daran denken, in der Grenzstadt eine Chewra Kadischa zu etablieren, würden die Deutschen gerne von der jahrhundertelangen Basler Erfahrung profitieren. Das sei, so räumt der Lörracher Rabbiner ein, allerdings ein Projekt für die Zukunft.

Auf einem anderen Gebiet könnte umgekehrt dafür Lörrach für Basel sehr attraktiv sein. In einigen Städten Baden‐Württembergs sei das Projekt schon verwirklicht worden. Zur Zeit sei man auch in Lörrach mit einigen Einzelhandelsgeschäften im Gespräch, erzählt Rabbiner Flomenmann, um sie zu ermutigen, eine Ecke mit koscheren Lebensmitteln einzurichten. Eine Idee, die angesichts des ungebrochenen Schweizer Einkaufstourismus ins nördliche Nachbarland nicht zuletzt für die Basler Gemeindemitglieder sehr attraktiv werden könnte.

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