Schalom Aleikum

Kleine Gesten, große Wirkung

Das Buch zum Dialogprojekt

Schalom Aleikum

Kleine Gesten, große Wirkung

Mit »Mutige Entdecker bleiben« ist der erste Band des jüdisch-muslimischen Dialogprojekts erschienen

von Katrin Richter  11.01.2020 20:04 Uhr

Gefüllte Einkaufstüten vor der Wohnungstür, dieses Bild wird Inessa Goldmann bestimmt nie vergessen. Denn dieser Gruß von den Nachbarn war nicht einfach nur eine nette Geste, sondern echte Hilfe.

Goldmann, die in Lettland aufgewachsen ist und 1991 nach Deutschland kam, wohnte mit ihrer Familie erst seit Kurzem – nach vielen Monaten in einem provisorischen Wohnheim – in einer eigenen Wohnung. In der Goldstraße. Ein Namenszufall, der ihren türkischen Nachbarn auffiel, über den sie miteinander ins Gespräch kamen und mit dem die nachbarschaftliche Hilfe begann.

Migration Inessa Goldmann ist nur eine von zehn Frauen und Männern, die für das Buch Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch zu ihrer Herkunft, ihrer Migration, ihrer Religion und ihrem Leben heute interviewt wurden. Das Kompendium, das auf dem Gemeindetag des Zentralrats im Dezember 2019 vorgestellt wurde, ist Teil der »Schalom Aleikum«-Reihe des Zentralrats der Juden und somit eine gedruckte Erweiterung des gleichnamigen Dialogprojekts, das im Juli 2019 offiziell an den Start ging und Menschen zusammenbringen will.

Nämlich solche, die, wie es Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann und der Projektleiter von »Schalom Aleikum«, Dmitrij Belkin, in ihrem gemeinsamen Vorwort schreiben, »wahrscheinlich sonst nie miteinander in einen Dialog getreten wären«.

Gemeinsamkeiten Vorurteile abbauen, über kulturelle, soziale und religiöse Gemeinsamkeiten sprechen und Themen wie Diskriminierung und Antisemitismus klar benennen – das sind nur wenige Ziele von Schalom Aleikum, die bei den regelmäßig stattfindenden Treffen praktisch angegangen werden. Einem dieser Treffen, dem vom 29. Oktober in Osnabrück, ist dieses Buch gewidmet. Eine Begegnung mit den Menschen, »die zur Entwicklung dieses Landes in den letzten Jahrzehnten wesentlich beigetragen« haben.

Wie zum Beispiel Sefalet Hizarci, die in ihrem sehr berührenden Interview erzählt, wie stark sie von Anfang an für ihre Familie war, wie schwer ihr Mann und sie fast rund um die Uhr arbeiteten, um ihren drei Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, wie groß der Zusammenhalt unter den Nachbarn war und was sie gern an ihre Kinder und Enkel weitergeben würde.

Bergmann Nail Ertas wurde 1963 in Anatolien geboren und kam mit vier Jahren nach Deutschland, lernte nebenbei Deutsch und machte eine Ausbildung zum Bergmann. Seine jahrelange Tätigkeit unter Tage hat ihn geprägt und viel über das Leben gelehrt: »Die Kameradschaft un­ter uns Bergleuten war einmalig, und dafür habe ich diesen Beruf geliebt! Bei uns gab es keine Türken, Polen, Marokkaner, Griechen oder Deutsche – bei uns gab es nur ›den Kumpel‹.« Auch Benno Simoni wurde für das Buch interviewt. 1948 in Berlin geboren, lebte er bis 1987 im Ostteil der Stadt und ging dann mit allem, was in einen Koffer passte, nach West-Berlin.

Er appelliert in seinem Interview vor allem dafür, immer miteinander im Gespräch zu bleiben und den Dialog zu suchen. Und genau dafür möchte Annette Widmann-Mauz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, »nicht nur Repräsentanten der Verbände oder Vereine« gewinnen, sondern »alle Menschen im Land sind dazu eingeladen«, wie sie in ihrem Vorwort zu Mutige Entdecker bleiben betont. Zehn von diesen Mutigen können die Leserinnen und Leser in diesem Buch begegnen. Sie zu treffen, lohnt sich!

»Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch«. Herausgegeben vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019, 80 S., 12,90 €

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