Porträt

Keramiker aus Leidenschaft

Chaim Grosser im Atelier: Die rote und die blau-weiße Vase sind Ausstellungsstücke der Leo-Trepp-Kollektion. Foto: Stephan Pramme

Sein größter Wunsch, zur 300-Jahrfeier der Porzellanmanufaktur Meißen 2010 ausstellen zu dürfen, wurde ihm nicht erfüllt. Das hat Harald Chaim Grosser zurückgeworfen. Heute sagt er: »Ich glaube, ich könnte denen etwas von der künstlerischen Tiefe geben.« Nach der Enttäuschung im vergangenen Jahr hat sich Grosser wieder erholt.

Am 27. Juni wird nun doch eine Austellung mit seinen Werken im Jüdischen Gemeindehaus Fasanenstraße eröffnet. Am meisten freut ihn, dass Gunda Wöbken-Ekert, die Witwe des von ihm verehrten Rabbiners Leo Trepp zur Eröffnung kommen will.

Das bedeutet ihm viel. Sein Leben lang hat Chaim Grosser um die Anerkennung als Künstler und als Jude gekämpft. Und das, obwohl er die Judenverfolgung als Kleinkind selbst erleben musste und noch heute von ihr gezeichnet ist. Nach einem Treffen der Child-Survivors (Holocaustüberlebende, die die Verfolgung im Kindesalter erlebten) im Februar dieses Jahres und den Schicksalen, die dort erzählt wurden, hatte er einen furchtbaren Traum. »Ich saß versteckt in einem Schrank, ohne Beine, ohne Arme und ohne Worte, das Haus wurde durchsucht und plötzlich riss jemand die Schranktür auf. Da erwachte ich, das Gesicht tränenüberströmt.«

Versteckt Ein seelischer Rückgriff auf ein frühes Kindheitserlebnis, sagten Fachleute. In Wirklichkeit wurde der Schrank, in dem der zweijährige Harald damals von seiner Mutter versteckt worden war, nicht von den Schergen aufgerissen. Das Trauma aber blieb – auch wenn sich Chaim Grosser an schöne innige Momenten mit seiner Mutter erinnert. Etwa wenn die Eisenbahn an ihrem Fenster vorbeidonnerte und die Mutter ihre Laute nahm und sang, so lange bis der letzte Waggon vorbeigerollt war und sie wieder still sein mussten.

»Als Kind habe ich seltsamerweise immer am liebsten Verstecken gespielt und man hätte mich auch nicht gefunden, wenn mein kleiner Bruder mich nicht verraten hätte«, erzählt Grosser. Obwohl doch gerade das lautlose Verharren dem Kind eher hätte verhasst sein müssen. »Nein«, sagt Grosser, »ich habe auch immer sehr leise gesprochen.« Bedächtig ist die Stimme des Mannes mit der Igelfrisur und dem grauen Vollbart immer noch. Das Stillhalten war ihm zur Natur geworden.

Immer wieder kam Grosser in Situationen, wo ihm nach lautem Aufbegehren vielleicht eher Gehör geschenkt worden wäre. Er saß vieles aus, lang, still und beharrlich, und sucht auch heute noch gern Situationen, die er geheim halten kann. »Und wenn ich dann den Mund einmal nicht halten konnte, als es um die Ausbürgerung von Wolf Biermann ging«, brachte ihm das seine sofortige Entlassung ein.

Eher aus der Not geboren hat der im Februar 1941 in Meißen zur Welt Gekommene mehrere Berufe. Die Porzellanmanufaktur in Meißen bildete ihn als Porzellankunstdreher aus. Nachdem er aber von Meißen nicht übernommen wurde und aufgrund einer Krankheit körperlich nicht mehr belastbar war, studierte er Medizin – bis zum Physikum.

Er wechselte das Fach und wurde Kulturwissenschaftler. Er arbeitete als Soziologe beim Rundfunk und erstellte Mediaanalysen und Hörerstatistiken, entwarf Musikprogramme und -quiz. Grosser arbeitete beim Progress Filmverleih und hielt Vorlesungen übers Kino. Als eine Planstelle gestrichen wurde, hatte er keinen Job mehr und war drei Jahre Krankenpfleger und danach Leiter eines Alters- und Krankenpflegeheimes.

werkstatt Doch seine Sehnsucht zur Keramik blieb bestehen, und schließlich war es sein Bruder, der mit ihm zusammen den Traum einer eigenen Werkstatt 1988 verwirklichte. »Ich mache das körperlich Schwere, du das Künstlerische«, hatte der ihn ermuntert.

Für eine Verkaufsgenehmigung mussten sie aber ein Meisterbetrieb sein, also setzte sich Harald Grosser zu den 20 Jahre jüngeren Berufsschülern und ließ sich zum Keramikmaler ausbilden. So wurde er viele Jahre, nach denen er Meißen verlassen hatte, Meister als Porzellanmaler- und Dekorierhandwerker.

Damit hatte sich endgültig ein Familienkreis geschlossen. Sein Ururgroßvater, dessen Namen er nun nicht mehr weiß, hatte für die Porzellanmanufaktur gearbeitet. Dessen Sohn Bruno Stange war Porzellanmaler, dessen Tochter Gertrud und Ehemann Emil Grosser übten ebenfalls dieses Handwerk aus. Ihr Sohn Werner war Einrichter und goss Modellformen. Mit diesem Onkel zusammen feierte Chaim Grosser 1960 das 250-jährige Bestehen der Porzellanmanufaktur Meißen.

Unterricht Heute gibt Chaim Grosser sein Können und Wissen unter anderen an Grundschüler weiter. In Marzahn unterrichtet er im Fach Lebenskunde. Die Kinder haben sich das Thema »Harry Potter und die Kammer des Schreckens« ausgesucht und bilden Harry Potter, Hermine, Ron, Professor Dumbledore und das fliegende Auto nach. »Diese Bücher vermitteln Empathieempfinden«, sagt Grosser. Seine beruflichen Erfahrungen helfen Grosser bei seiner Arbeit mit Kindern, geistig Behinderten und Erwachsenen. Er lässt sie gewähren und gibt nur Tipps, wenn er gefragt wird.

Donnerstags bietet er in seinem Atelier im Kulturverein Prenzlauer Berg die offene Keramikwerkstatt an. Ein anderer Abend ist der Gruppe jüdischer Frauen vorbehalten. »Hier wird über jüdische Themen gesprochen, ohne dass jemand daran Anstoß nehmen würde.« Sein Atelier hat er in Erinnerung an seine Mutter Yad Chana, Erinnerung an Hanna genannt. Der Kulturverein fördert viele jüdische Projekte oder Feiern zu Lag BaOmer und Sukkot und ermöglichte ihm, den Schriftverkehr für die Child-Survivors zu führen.

Hände und Vasen Die eigenen Keramiken des heute 70-Jährigen sind monumental und schwer. Vasen, Gefäße gern mit Händen verziert, die etwas halten, biblische Gestalten. Die Vasen, die er jetzt in der Fasanenstraße ausstellen wird, enthalten jeweils Teile des Achtzehnbittengebets, der Amida, des Hauptgebets im jüdischen Gottesdienst. Grosser wird sie alle verschenken. Eine Vase ist der Synagoge Bad Sobernheim versprochen. Vielleicht wird auch Gunda Wöbken-Ekert eine erhalten.

Für Chaim Grosser ist diese »Leo-Trepp-Kollektion« auch ein Dankeschön an den liberalen Rabbiner, zu dessen Jahrzeit im September sie erstellt wird. Als Trepp vor sieben Jahren bei einer Ausstellung in der jüdischen Galerie Keramiken von Grosser sah, habe er ihm gesagt: »Die Arbeiten zeigen, in welchem starken Maße Sie zu uns gehören.« Für Chaim Grosser so etwas wie ein Ritterschlag als Künstler und als Jude.

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