Linguistik

Kein Geld für Mameloschn

Ältestes erhaltenes Zeugnis eines jiddischen Satzes aus dem Wormser Machsor von 1272 Foto: cc

Die Idee eines autobegeisterten Mitarbeiters machte vor einigen Jahren in einem amerikanischen Altersheim das Leben der Bewohner schlagartig schöner: Der Mann hatte die betagten Menschen mitsamt einigen Freunden eines Motorclubs zu Spritztouren in Automodellen ihrer Jugend eingeladen. Der Effekt war verblüffend, denn selbst Leute, die schwer dement waren, konnten sich plötzlich wieder an einige Erlebnisse erinnern.

Den Berliner Psychologen und Linguisten Arnold Groh wundern solche Berichte nicht. In einem von ihm initiierten Jiddischkreis an der TU Berlin hat er Erfahrungen mit der positiven Wirkung von Vertrautem auf traumatisierte Menschen gemacht: »Wir hatten immer wieder Holocaust‐Überlebende zu Gast, die jahrzehntelang über ihre Erlebnisse geschwiegen hatten. Und dann plötzlich, zum Beispiel, wenn jiddische Lieder gesungen wurden, die sie noch aus der Kindheit kannten, dann liefen die Tränen, und auf einmal brach es aus ihnen heraus.«

Kultur Es könne durchaus hilfreich sein, »den Leuten ein Setting zu geben, eine vertraute Umgebung, in der sie sich heimisch fühlen« statt des klassischen Therapie‐Ambientes. »Das ist generalisierbar«, sagt Privatdozent Groh und meint damit, dass es für viele traumatisierte Menschen hilfreich sein kann, sich in alte Zeiten zurückversetzt zu fühlen. Als Beispiel nennt er auch Erfahrungen in afrikanischen Ländern: »Leute, deren Angehörige ermordet wurden, weil sie einer bestimmten Kultur angehörten, blühten auf, als sie die alten Lieder und ihre Muttersprache hörten – sie fühlten sich sicher und aufgehoben, konnten plötzlich über ihre schrecklichen Erfahrungen reden.«

Und so werden wohl auch bei der diesjährigen Langen Nacht der Wissenschaften am 2. Juni die Besucher wieder sehr beeindruckt vom Jiddischkreis sein – zumal ihnen dort dann nicht nur die totgeglaubte Sprache, sondern auch das Judentum nähergebracht wird.

Es könnte jedoch sein, dass es das Angebot bald nicht mehr gibt. Das Büro der SACS (Structural Analysis of Cultural Systems) der der Fakultät 1 Geisteswissenschaften angeschlossenen Stelle zur Erforschung kultureller Systeme, ist am 31. März von der Universitätsleitung geschlossen worden. Nach den erforderlichen Renovierungen soll das nicht mehr benötigte, bisher immer nur angemietete Franklin‐Gebäude zurückgegeben werden. Auch wenn diese Arbeiten noch nicht begonnen haben, muss Groh nun ohne das mit rund 22 Quadratmetern eher kleine Büro zurechtkommen – und ein möglicher Ersatz ist noch nicht in Sicht.

Wörterbuch Das würde ein Projekt erschweren, mit dem Groh und einige Praktikanten gerade beschäftigt sind. Ohne über Geldgeber zu verfügen, wollen sie ein umfassendes Wörterbuch Deutsch‐Jiddisch erstellen. »Viele Menschen sprechen es natürlich heute im Alltag nicht mehr, aber es gibt immer noch etliche – und es ist ganz wichtig, von ihnen zu lernen. Denn eine Sprache, die benutzt wird, ist etwas Anarchisches, sie lässt sich nicht in ein starres Korsett pressen.«

So, wie sich die regionalen Färbungen der deutschen Sprache stark voneinander unterschieden, sei es eben auch mit dem Jiddischen: »Was meinen Sie, wie oft wir schon erlebt haben, dass Muttersprachler miteinander stritten, weil Wörter eben je nach der Herkunftsgegend unterschiedlich ausgesprochen werden«, lacht Groh.

Und daher sei auch das Wörterbuch so wichtig: »Wir wollen ein Wörterbuch schaffen, in dem es eben nicht nur um die deutsch‐jiddische Übersetzung von Worten geht, sondern auch darum, wie sie geschrieben und gesprochen wurden. Noch können wir dabei Hilfe von Muttersprachlern erhalten, aber natürlich werden sie immer älter und sind dann irgendwann gar nicht mehr da.«

Um auch die Lebensumstände im Schtetl zu dokumentieren, hat man zusätzlich 300 Stunden Audiomaterial aufgenommen. »Es gibt das kommunikative und das kollektive Gedächtnis«, erklärt Groh, »das kommunikative Gedächtnis besteht darin, was lebende Menschen miteinander austauschen.«

Das Projekt des Regisseurs Steven Spielberg, der die Erinnerungen von Holocaust‐Überlebenden im Film festhält, sei ein Beispiel dafür wie wichtig dieses kommunikative Gedächtnis sei. »Denn im Gegensatz zum kollektiven Gedächtnis ist es nicht starr und unveränderbar, sondern es kann noch korrigiert werden, eben durch Menschen, die etwas miterlebt haben und ihre Erinnerungen teilen.«

Meinung

Was erlauben Schulz!

Was tun, wenn plötzlich ein AfD-Vertreter vor der Tür steht? Und obendrein noch behauptet, er sei Jude?

von Martin Krauss  26.03.2019

Porträt der Woche

»Eine Reise ins Ungewisse«

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019

Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

Knapper, präziser, jünger – die Jüdischen Kulturtage haben eine Wandlung vollzogen

von Annette Kanis  22.03.2019