Geburtstag

Kaffee für eine 100-Jährige

Elsbeth Herzberg Foto: Mike Minehan

Geburtstag

Kaffee für eine 100-Jährige

Elsbeth Herzberg kam 1912 in Pommern zur Welt, versteckte sich in Berlin vor den Nazis und überlebte

von Christine Schmitt  08.05.2012 11:42 Uhr

Sie sei ein kleines Energiebündel und habe einen starken Kampfgeist, sagt Georg Reichle über Elsbeth Herzberg, mit der er seit mehr als zwei Jahrzehnten befreundet ist. Charmant sei sie auch – und eine sehr gute aufmerksame Gastgeberin. Kraft hat sie gebraucht, um die Schoa in Berlin zu überleben – und dass sie eher klein und sehr beweglich ist, hat ihr geholfen, wenn sie während der Nazizeit wieder einmal flüchten musste. Denn lange Zeit hatte sie sich verstecken müssen.

Rund um die Droysenstraße in Charlottenburg war sie auch später bis ins hohe Alter unterwegs. Dort kannte sie fast alle Händler in den kleineren Läden, alle kannten sie und nahmen sich gern Zeit für einen Plausch. Gern war Elsbeth Herzberg auch in Cafés, aber das »gute Frühstück«, das nahm sie immer zu Hause ein.

Seniorenzentrum In den vergangenen Monaten allerdings hat es die alte Dame nicht mehr so oft auf einen Kaffee geschafft, denn mittlerweile ist sie körperlich etwas eingeschränkt, weshalb Herzberg ins Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin am Lietzensee gezogen ist. Und dort gab es am gestrigen Mittwoch etwas zu feiern. Denn Elsbeth Herzberg ist 100 Jahre alt geworden. Viele Bekannte und Verwandte sind zu ihr gekommen, um diesen besonderen Tag mit ihr zu verleben.

In einem kleinen Dorf in Pommern kam sie als Elsbeth Rosen auf die Welt. Ihr Vater, der mit Vornamen Adolf – »ausgerechnet«, wie sie sagt, hieß, führte einen großen Gasthof mit dem Namen »Zum Deutschen Haus«. Nach ihrer Schulzeit arbeitete Elsbeth mit, sie kochte und servierte. Das Kochen war eine ihrer Leidenschaften – auch später probierte sie viele Rezepte aus und stand gern am Herd. Als die Nazis an die Macht kamen, beschlossen die Eltern, mit ihren sechs Töchtern nach Berlin zu ziehen, weil sie hofften, dort leichter leben zu können als auf dem Land. Ihre drei Söhne schickten sie nach England. Von dort konnten sie weiter nach Kanada und in die USA emigrieren.

In Berlin fand Elsbeth Rosen eine Anstellung im hauswirtschaftlichen Bereich des Jüdischen Krankenhauses. Später musste sie bei Siemens Zwangsarbeit leisten. Noch heute spricht sie davon, dass es ihr Vorgesetzter gut mit ihr gemeint hatte und dass es ihr dort nicht schlecht ging. Sie verlobte sich mit Hans Herzberg, einem Ingenieur, der versteckt leben musste. Eines Tages wurde er von den Nazis aufgegriffen und kam nie wieder. Später nahm sie seinen Namen an.

Als eine ihrer Schwestern eines Tages vom Einkaufen nach Hause kam, sah sie von Weitem die Gestapo in ihrem Haus. Schnell flüchtete sie in einen Laden, um dort zu telefonieren. »Elsbethchen, komm nicht nach Hause«, warnte sie ihre Schwester. Elsbeth riss sich kurzerhand den gelben Stern ab und versteckte sich in einem Kohlekeller. Anschließend flüchtete sie in kaputte Häuser. Immer im ersten Stock, möglichst in die sogenannte Mädchenkammer, einen kleinen Raum, der für Personal vorgesehen war, sodass sie im Notfall rausspringen konnte.

Serviererin Später erfuhr Elsbeth Herzberg, dass die Gestapo die ganze Nacht auf sie gewartet hatte. Ihre Schwester, die zu ihren Kindern in die Wohnung ging, sah sie nie wieder. Auch ihre andere Schwester verschwand. Bei einem Bekannten, der Polizist war, fand Elsbeth Unterschlupf. Offiziell war sie nun seine Cousine, deren Papiere bei einem Bombenalarm verbrannt waren. Zwei Jahre lebte sie bei ihm – und arbeitete in einem Lokal, in dem die Nazis ein und aus gingen, als Serviererin.

Als der Krieg zu Ende war, bekam sie eine große Fünf-Raum-Wohnung in der Droysenstraße. Keine einzige Fensterscheibe gab es damals, stattdessen war alles abgeklebt und zugenagelt. Für sie fing nun das Warten an. Herzberg hoffte, dass ihre fünf Schwestern mit den Kindern wiederkämen. Es könnte an der Tür klopfen – und sie wären alle wieder da. Deshalb hatte sie immer genug Konfitüre, Brot und Butter bereit. Ihre Mutter war in Theresienstadt an der Ruhr gestorben, ihr Vater überlebte das Konzentrationslager. Die Schoa hatte seelisch ihre Spuren hinterlassen – Herzberg konnte nicht mehr arbeiten.

Wenn sie allerdings mit ihrem Freund aus Jugendtagen, Georg Reichle, zum Einkaufen ging, dann erinnerten sich beide immer an Menschen von früher, die ihnen in der Not geholfen hatten. Wie an den Fischhändler, der mittwochs den Fisch in Zeitungspapier einwickelte und in einem Telefonhäuschen für Juden versteckte. Oder an einen anderen Händler, der ihr Brot schenkte.

Gestern ließ sich Elsbeth Herzberg feiern und bedauerte nur, dass der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, den Termin absagen musste.

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