Görlitz

Jugendstil ohne Juden

Der Jugendstil hat ein Farbspiel, das ist grandios.» Schon oft ist Ute Prechel durch das Gebäude gelaufen, meistens, um Probleme zu lösen. Seit 1994 betreut sie die «längste Baustelle der Stadt Görlitz». Jetzt, 26 Jahre später, soll genau dieses Bauwerk aus dem Jugendstil die Schatten hinter sich lassen und neu erstrahlen.

Es ist ein herrlicher Bau in verblüffender Farbigkeit und ein Gebäude von vermutlich hohem Seltenheitswert hierzulande. Käfer, Sonnen, Granatäpfel und Akanthusblätter wechseln sich mit den Ornamenten in Form von Trauben, Blumenknospen und kleinen Tieren ab. Girlanden aus Pflanzen zieren die Säulen am Portal, heute liebevoll und stilecht restauriert.

Blütezeit Das war nicht immer so. Erbaut zwischen 1909 und 1911, einer Zeit, in der auch das Judentum in Görlitz seine Blütezeit erlebte, brauchten Dresdner Architekten gerade einmal drei Jahre für den Bau und setzten Maßstäbe, erklärt Ute Prechel. «Das ist zu seiner Zeit ein sehr moderner Bau gewesen, auch was die Stahlbeton-Konstruktion betrifft – eine riesige Kuppel mit einer Spannweite von etwa 26 Metern.» Damals eine innovative Sensation.

Das Gebäude ist ein Quader mit opulentem Hauptraum samt Turm und Kuppel, einem großzügigen Eingangsbereich und kleineren Nebenräumen. Dort war früher schon eine Wochentagssynagoge untergebracht, und genau eine solche soll jetzt an dieser Stelle auch wieder entstehen. So wünschen es sich Vertreter der jüdischen Gemeinschaft und viele Initiatoren, die das Gebäude seit Jahren begleiten. Zwar gibt es derzeit keine jüdische Gemeinde in der Stadt, doch sollten jemals Juden künftig in dieser Synagoge beten wollen, so sei das möglich und auch vorbereitet.

POGROMNACHT Rabbiner Alexander Nachama hat diese Idee über Jahre kons­truktiv begleitet. Bis 2018 war er zuständig für die Jüdische Gemeinde in Dresden. Er betont, dass auch ihn dieses imposante Gebäude in Görlitz immer wieder beeindruckt hat. Ähnlich wie in der Synagoge in der Berliner Rykestraße bekomme man hier einen Eindruck, «wie Synagogen vor dem Zweiten Weltkrieg waren, wie sie aussahen, welche Atmosphäre es dort gab – das hat mich immer sehr begeistert», sagt Nachama. Der Rabbiner half beim Übersetzen der hebräischen Inschriften und bei der Frage, wie man die sanierten Räume wieder aktiv für jüdisches Leben zugänglich machen kann. Nach mehr als 80 Jahren.

Seit 1963 war das Bethaus unter anderem Lagerhalle für Theaterkulissen.

Dass die Synagoge, die Anfang Dezember als Veranstaltungs- und Begegnungsort samt Betraum eröffnet werden soll, erhalten blieb, ist mutigen Feuerwehleuten zu verdanken. In der Nacht des 9. November 1938 waren die Feuerwehren in Görlitz zum Löscheinsatz geeilt. Der Befehl aus Berlin, nicht zu löschen, habe sie angeblich nicht erreicht. Dass die Synagoge wie so viele andere Gotteshäuser in der Pogromnacht nicht zerstört wurde, könnte aber auch daran gelegen haben, dass sie mitten in einem stark bebauten Villenviertel und nur wenige Meter entfernt von einer Kirche stand.

Über die wahren Gründe kann heute nur spekuliert werden. Fest steht, diesem couragierten Löscheinsatz ist es heute zu verdanken, dass es diese letzte original erhaltene Synagoge in Sachsen gibt – noch dazu im Jugendstil. Dass heute zarte Ornamente so original wie möglich restauriert sind, dass Käfer, Trauben, Blüten und Blätter wieder aus Sandstein geformt oder farbig gemalt sind, darf als Glücksfall betrachtet werden.

«Ich habe manchmal nicht geglaubt, dass die Farben, die der Restaurator auf seinen Karten hatte, dann am Ende zusammenpassen. Es ist immer ein Erlebnis gewesen», sagt Prechel. Denn die Restaurierung sei ein schwieriger, leidvoller Prozess gewesen, der sich über nunmehr 30 Jahre hingezogen hat, sagt Ute Prechel. «Die Synagoge war nach der Wende in einem fürchterlichen Zustand! Sie war vom Einsturz bedroht, und es bedurfte einer gewaltigen Investition.»

URKUNDEN Heute geht man davon aus, dass bereits um 1100 die ersten jüdischen Fernhändler auf der Via Regia, einer im Mittelalter und der frühen Neuzeit wichtigen west-östlich verlaufenden Handels- und Militärstraße, unterwegs und damit auch in der Stadt waren. Urkundlich erwähnt werden jüdische Bürger erst im 14. Jahrhundert, und auch sie erlebten einen beständigen Wechsel zwischen Bleibendürfen und Verfolgtwerden.

Um 1880 gründeten einige Händler in Görlitz ihr Gewerbe und legten damit den Grundstein für manch ein namhaftes, zum Teil bis heute erhaltenes Kaufhaus. Dennoch blieb der Anteil der jüdischen Bürger in der Stadt bei etwa einem Prozent. Die Zahl verringerte sich stetig bis 1933. Lediglich 376 Juden gab es damals noch in der Stadt. Wer nicht fliehen konnte, wurde deportiert, vernichtet oder zur Zwangsarbeit in ein Außenlager des KZs Groß-Rosen gebracht.

Noch heute erzählt der Jüdische Friedhof diese Seite der Geschichte. Die «Stelen der Erinnerung» stehen für jene knapp 150 Menschen, die man noch in den letzten Kriegswochen erschossen hat.

VEREIN «Wo, wenn nicht an dieser Stelle, sollten Menschen zusammenkommen, um gegen Antisemitismus Front zu machen?», fragt Markus Bauer. Er ist nicht nur der Direktor des «Schlesischen Museums» der Stadt, sondern auch seit Jahren im Förderkreis Görlitzer Synagoge aktiv. Ihm und vielen seiner Mitstreiter missfiel, dass die Synagoge der Stadt immer wieder in falsche Hände geriet.

Urkundlich erwähnt werden jüdische Bürger erstmals im 14. Jahrhundert, doch frühere Spuren jüdishcen Lebens gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück.

Seit 1963 ist das Gebäude Eigentum der Stadt und war seitdem unter anderem Lagerhalle für Theaterkulissen. Ein Verein wollte dort ein Bildungs- und Informationszentrum errichten. Aber auch das ging schief. Gebäudeteile im Inneren wurden beschädigt.

«Das war die Situation, in der sich unser Verein gegründet hat», erzählt Bauer. Damals sei die Synagoge wieder verschlossen gewesen. «Unser Ziel war es, in den ersten Jahren öffentlichen Druck zu entfalten, damit wieder Veranstaltungen dort stattfinden können und die Synagoge überhaupt zurückkehren kann in das öffentliche Bewusstsein der Stadt, aus dem sie zu DDR-Zeiten völlig verschwunden war.»

Parallel dazu wurde mit der Zeitzeugenarbeit begonnen. Sie knüpfte an die Arbeit eines bemerkenswerten Einzelgängers und mutigen Archivars aus der DDR-Zeit an.

ZEITZEUGEN Heute kümmert sich Lauren Leiderman um diese Arbeit. Sie kontaktiert sehr intensiv die Nachkommen der letzten Zeitzeugen. Seit einem Jahr lebt die gebürtige Amerikanerin mit ihrem israelischen Mann in Görlitz. Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn sind sie die drei derzeit einzigen Menschen mit jüdischem Hintergrund in der Stadt.

Sie sei sehr dankbar, erzählt Leiderman in einem Café, dass sie vor allem zu amerikanischen und israelischen Nachkommen einen intensiven Kontakt habe aufbauen können. Ein großes Vertrauen sei entstanden, und viele kleine Geschichten habe sie auf diesem Wege zutage gefördert. Auch eine bislang unbekannte Verbindung der Familie von Anne Frank zu einer Görlitzer jüdischen Familie, die rechtzeitig fliehen konnte, ist jetzt bekannt.

Viele jüdische Familien sind bis heute mit der Stadt verbunden und hoffen, dass ihre Spuren nicht vergessen werden.

Lauren Leiderman erzählt von vielen jüdischen Familien und deren bis heute tiefer Verbindung zur Stadt, verbunden mit dem Bedürfnis, man möge ihre Spuren nicht vergessen. Gerade in dieser Zeit.

Auch Markus Bauer, der viel zu dem Thema publiziert hat, ist sich dessen bewusst, dass längst noch nicht alles erforscht ist. «Wir bekommen oft Anfragen von Nachkommen Görlitzer Juden, die etwas wissen wollen über die Schicksale von einzelnen Personen. Oft müssen wir passen, weil es noch nicht wirklich gut aufgearbeitet ist, muss man sagen. Wir stehen noch am Anfang mit dieser Arbeit.»

BEDENKEN Warum ausgerechnet jetzt die Frage aufkommt, ob man einen Davidstern auf der Kuppel der neu sanierten Synagoge haben darf oder nicht, dürfte auch mit der politischen Situation zu tun haben. Seit einem Jahr regiert Octavian Ursu (CDU) als Oberbürgermeister die Stadt. Doch seine Partei hat keineswegs die Mehrheit, die hat die AfD – mit 13 Sitzen im Stadtparlament. Die Zeiten seien komplizierter geworden, sagt Ursu, es gebe keine politischen Mehrheiten. Man einige sich themenbezogen. Und genau das dürfte schwierig werden in den kommenden Wochen.

Die AfD hat die Mehrheit im Stadtparlament.

Davidstern auf der Kuppel: ja oder nein? Der Oberbürgermeister spricht sich explizit dafür aus. Für ihn gehört dieses Symbol zum Gebäude dazu. Am Geld solle es nicht scheitern, ließ er wissen. Aber was sagt der Stadtrat? In den kommenden Wochen will Octavian Ursu diese unbequeme Debatte führen. Denn der Förderkreis um Markus Bauer hat vor einigen Wochen die Diskussion angestoßen.

Ob auch die Mehrheit der Bevölkerung diesen Wunsch teilt? Die Meinungen gehen auseinander. Viele sollen Bedenken haben, ob ein Davidstern Antisemitismus und Vandalismus nicht erst provozieren und neues Zerstörungspotenzial wecken könnte. Hinter vorgehaltener Hand macht sich Skepsis breit. Auch, weil man das Gebäude ab jetzt an Kulturveranstalter oder sonstige Interessenten vermieten möchte. Es wird Seminarräume geben, Platz für Workshops, für Konzerte und Konferenzen, aber auch eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Hauses.

STADTGESELLSCHAFT Die Stadtgesellschaft wird dieses Thema jetzt klären müssen und vermutlich auch das Sicherheitskonzept dazu. Derzeit wird auch technisch geprüft, ob die Konstruk-tion des Daches tragfähig genug für einen neuen Stern ist. Eines steht fest: Die großen Bemühungen aller, auch der privaten Sponsoren, und die Finanzierung durch Bund und Land haben diese Sanierung nach 75 Jahren erst möglich gemacht.

Und genau dieses Engagement könnte sich jetzt auszahlen, auch wenn es heute keine geweihte Synagoge mehr ist. Der großzügige Jugendstilbau erinnert mit seiner detailreichen Schönheit an die Baukunst einer vergessenen Zeit und an glückliche Tage einer ganz normalen jüdischen Gemeinde mit Geschäftsleuten, Händlern, Lehrern, Fleischern, Ärzten und Künstlern.

«Ich denke», sagt Markus Bauer, «die Synagoge muss immer ein Ort sein, an dem sich Leute treffen und verständigen, die Front machen wollen gegen Antisemitismus.» Darin sieht er künftig die Hauptaufgabe des Vereins – besonders dann, wenn die prachtvolle Synagoge im Dezember ihre Türen öffnet.

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