Frankfurt

Jüdisches aus dem Hochbunker

Bärbel Schäfer liest aus: »Meine Nachmittage mit Eva«. Foto: Rafael Herlich

Frankfurt

Jüdisches aus dem Hochbunker

Der Fotograf Rafael Herlich und Gemeindesvorstand Niko Deeg aus Hanau präsentieren eine digitale Kulturreihe

von Eugen El  30.07.2020 11:22 Uhr

Familie Zeitband kommt aus einem für immer gezeichneten Ort: Seit 1780 seien sie in der polnischen Stadt Oswiecim ansässig gewesen, berichtet Jakob Zeitband. Er selbst wurde 1955 dort geboren. Neun Jahre später seien sie die letzten Juden gewesen, die die Stadt, in dem das frühere deutsche Vernichtungslager Auschwitz steht, verlassen haben.

Über seine Lebens- und Herkunftsgeschichte sprach Zeitband kürzlich in der Reihe »Kultur aus dem Hochbunker«. Niko Deeg moderierte das auf YouTube veröffentlichte Gespräch. Der Hanauer Kaufmann ist Vorstand der ebendort ansässigen Jüdisch-Chassidischen Kultusgemeinde Breslev Deutschland.

Ausstellung Die Begegnung fand im Hochbunker an der Friedberger Anlage statt, der im Zweiten Weltkrieg errichtet worden war. An seiner Stelle stand die 1907 eröffnete und von den Nazis zerstörte Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft – einst die größte Synagoge Frankfurts. In dem geschichtsträchtigen Bunkergebäude ist mit »Ostend.

Blick in ein jüdisches Viertel« eine Ausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt zu sehen. Überdies zeigt der Verein »Initiative 9. November« die Ausstellungen Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße und Jüdisches Leben in Deutschland heute mit Fotografien von Rafael Herlich.

Wegen der Corona-Pandemie ist der wuchtige Bau derzeit nicht öffentlich zugänglich. Herlich und Deeg sorgen dafür, dass jüdische Kultur und Geschichte dennoch weiterhin ihren Ort im Hochbunker haben – und dass viele daran teilhaben können. Ihr gemeinsames Projekt »Kultur aus dem Hochbunker« sei aus einem Telefonat entstanden, erzählt Niko Deeg.

Er habe Herlich, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbinde, gefragt, ob er ein Videointerview über seine Fotoausstellung führen möchte. Herlich habe angeregt, weitere jüdische Künstler und Persönlichkeiten zu interviewen. Egal, wen er gefragt habe, alle hätten mit großer Freude zugesagt, berichtet Rafael Herlich.

Die Gespräche wurden in der Ausstellung aufgezeichnet. Das erste ging Mitte Juni online.

Die »Initiative 9. November« stellte die Räume im Hochbunker zur Verfügung. Die Beiträge der auf ehrenamtlicher Basis Beteiligten wurden in der Ausstellung aufgezeichnet. Die erste Folge der Reihe ging Mitte Juni online. Zum Auftakt sprach Frankfurts Bürgermeister und Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker.

Der CDU-Politiker geht auf den Ort und seine besondere Atmosphäre ein: »Er vermittelt menschliche Kälte, aber gleichzeitig auch Wärme und Zuversicht, wie sie Rafael Herlich hier hineingebracht hat.« Becker thematisiert auch die Gefahren des zunehmenden Judenhasses: »Der Antisemitismus ist das Gift, das das Miteinander unserer Gesellschaft zerstört.«

Auch ein Schiur des Frankfurter Gemeinderabbiners Avichai Apel ist auf der YouTube-Seite.

Auch ein Schiur des Frankfurter Gemeinderabbiners Avichai Apel ist auf der YouTube-Seite von »Kultur aus dem Hochbunker« abrufbar. In seinem Vortrag geht der Rabbiner unter anderem auf die historische Israelitische Religionsgesellschaft (IRG), eine neo-orthodoxe Austrittsgemeinde, ein, die in der einstigen Synagoge an der Friedberger Anlage ihr Domizil hatte. Der prächtige Bau bot Platz für 1600 Gemeindemitglieder.

lesung Apel würdigt zudem den orthodoxen Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der in der IRG wirkte. In der Kulturreihe tritt auch die Moderatorin und Autorin Bärbel Schäfer auf. Sie liest aus dem Buch Meine Nachmittage mit Eva, das von ihren Begegnungen mit der Schoa-Überlebenden Eva Szepesi erzählt. Barbara Bišický-Ehrlich trägt einige Passagen aus ihrer 2018 erschienenen Familienchronik Sag, dass es dir gut geht vor.

Musikalische Beiträge runden das bereits verfügbare Programm des Online-Kulturformats ab. Gesangsvorträge der Frankfurter Kantoren Daniel Kempin und Yoni Rose sollen noch hinzukommen, ebenso ein Gespräch über Antisemitismus und Rassismus im Fußball, unter anderem mit Makkabi-Präsident Alon Meyer.

Publikum Niko Deeg hofft, dass später auch wieder Veranstaltungen mit Publikum möglich sein werden. Zudem seien Auftritte der beteiligten Künstler in Hanau geplant. Über das Zustandekommen des Projekts äußern sich Deeg und Herlich im Gleichklang: Sie seien sehr stolz.

Kommentar

Ein Weckruf

Der AfD-Erfolg liegt vor allem im Scheitern jener Parteien, die die Bundesrepublik seit Jahrzehnten prägen. Verloren gegangenes Vertrauen muss nun schnellst möglich wieder zurückgewonnen werden

von Josef Schuster  08.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen werde

 08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Sachsen-Anhalt

»Viele haben unsere Sorgen einfach weggewischt«

JSUD-Präsident Ron Dekel über Sachsen-Anhalt, die AfD und die Frage, was die jüdische Gemeinschaft jetzt tun kann

von Leon Stork  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026