Dresden

Judentum zum Anfassen

Aha, die ›Schiefe Synagoge von Dresden‹», ruft Elena überrascht aus. Die Zwölfjährige steht zusammen mit sechs Mitschülern im jüdischen Bethaus der Elbestadt und lässt sich die Architektur des im Jahre 2001 eröffneten Gebäudes erklären. Dazu nimmt Gunda Ulbricht vom Verein Hatikva (Bildungs- und Begegnungsstätte für jüdische Geschichte und Kultur Sachsen) einen bunten «Zauberwürfel» zu Hilfe, um den Sechstklässlern anschaulich zu machen, wie und warum der quaderförmige Bau so verdreht ist. Gunda Ulbricht spricht ruhig und mit einfachen Worten.

Die Schulklasse, die sich zur Synagogenführung angemeldet hat, gehört zum Förderzentrum «Clemens Winkler» Brand-Erbisdorf. Dort werden Kinder unterrichtet, die aufgrund von Verhaltens
auffälligkeiten oder -störungen eine besondere Unterstützung der emotionalen und sozialen Entwicklung benötigen. Hatikva ist die Kooperation mit Förderschulen ein besonderes Anliegen.

Was ist, wenn 
beim Stromausfall das Ewige Licht ausgeht?

Lebenspraxis «Alle haben das Recht auf Wissen über die Vergangenheit», betont Bildungsreferentin Ulbricht. Bei Hatikva gibt es deshalb ein Projekt zur inklusiven historischen Bildung. Es setzt auf Elementares und Lebenspraktisches. Zum Beispiel gibt es drei von der «Aktion Mensch» geförderte Geocaching-Angebote. Damit können Kinder und Jugendliche per Smartphone den Spuren jüdischen Lebens folgen und dabei spielerisch lernen.

Doch viele Lehrer von Förderschulen trauen sich selbst und ihren Schülern die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Zusammenhängen und der jüdischen Religion nicht zu. Ein Fehler, findet das Team von Hatikva, denn fast immer überraschen die Kinder mit großem Interesse und Hintergrundwissen.

So auch die sechste Klasse aus Brand-Erbisdorf. Stellt Gunda Ulbricht eine Frage, schnellen fast alle Finger in die Höhe – jeder möchte antworten. Schulleiterin Ute Schnabel, die die Klasse begleitet, kann stolz sein. Offenbar haben die Kinder im Ethikunterricht gut zugehört, als es um das Judentum und die anderen Weltreligionen ging. Oft sei sie selbst erstaunt, welche Schlüsse die Kinder von alleine ziehen, sagt Schnabel – etwa die Feststellung, dass Jesus als Jude geboren wurde.

Während der Synagogenführung stellen die Kinder geradezu philosophische Fragen, über die auch Rabbiner lange diskutieren könnten. Zum Beispiel: Was passiert, wenn bei einem Stromausfall das Ewige Licht ausgeht? «Denkt Gott dann: ›Die haben mich ausgeknipst?‹», fragt ein Schüler besorgt. Und wieso wurde die 1938 zerstörte Synagoge nicht originalgetreu wiederaufgebaut, so wie die Dresdner Frauenkirche, nur ein paar Hundert Meter entfernt? «Das war ja eine schlimme Zeit damals. Vielleicht wollten die alten Leute nicht ständig daran erinnert werden», sagt ein Junge voller Mitgefühl.

«Die Kinder finden das Projekt cool», weiß die Schulleiterin. Die Eltern sind manchmal nicht so leicht zu überzeugen.

Gunda Ulbricht stellt sich auf die Bedürfnisse der Förderklassen ein. Sie weiß zum Beispiel, dass Jahreszahlen zu abstrakt sind und die Kinder damit nichts anfangen können. Daher unterteilt sie die zeitlichen Abläufe grob in die Jahre vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kinder sind oft sprunghaft, können nicht allzu lange bei einem Thema verweilen, denken aber über das Gehörte noch lange nach. So kommen zu vielen Themen noch Fragen, wenn Gunda Ulbricht schon längst eine ganz andere Sache erklärt.

Kerzenzünden Besonders begeistert sind die Kinder von den Exponaten, die sie anfassen dürfen: Mit dem Zeigestab ein Gebet lesen, ein Stück des goldenen Kettenvorhangs durch die Hände gleiten lassen, einen Gebetsschal umlegen. Elena, das einzige Mädchen in der Gruppe, ist schwer enttäuscht, dass sie das nicht auch darf. Sie wird aber dadurch versöhnt, dass Frauen die Kerzen anzünden dürfen.

Das Judentum ist nicht nur Teil des Ethikunterrichts im Förderzentrum «Cle
mens Winkler». Zusätzlich gibt es das freiwillige Nachmittagsangebot «Was geht mich die Geschichte an?». Darin behandeln die Kinder den Nationalsozialismus vor allem anhand des Geschehens in ihrer Region. «Es geht darum, den sechs Millionen Opfern ein Gesicht zu geben. Die Schüler sollen wissen: Die Verfolgung betraf konkret diese Familie, die in jener Straße gelebt hat», erklärt Ute Schnabel.

Das Förderzentrum arbeitet mit einem Freiberger Historiker zusammen, mit dessen Hilfe sie in dem knapp 40 Kilometer südwestlich von Dresden gelegenen Ort die «Stolpersteine» aufsuchen, die der Künstler Gunter Demnig vor den Wohnhäusern deportierter Juden verlegt hat. Außerdem hat Schuldirektorin Schnabel im vergangenen Jahr Material aus Yad Vashem mitgebracht. Die Kinder recherchieren auch selbst in der Datenbank der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte nach ehemaligen jüdischen Bürgern aus Freiberg und Umgebung, nach Menschen, die einst bei ihnen «um die Ecke» gewohnt haben.

Kinderschicksale Emotional angesprochen fühlen sich die Kinder von den Schicksalen Gleichaltriger, vergleichen ihre eigenen Lebensläufe mit denen eines jüdischen Kindes, das in den 30er-Jahren gelebt hat, vielleicht sogar im selben Ort, in derselben Straße. Die Pädagogen machen Geschichte begreiflich, wenn sie Lebensmittelrationen abwiegen, die damals den Gefangenen in den Lagern zur Verfügung standen. Was die heutigen Schüler für eine knappe Tagesration halten, musste den Menschen damals eine Woche zum Überleben reichen.

Seit es das Geschichtsprojekt gibt, sind die antisemitischen Vorfälle zurückgegangen.

Die Förderschule entschloss sich auch aus aktuellem Anlass, das Geschichtsprojekt anzubieten. «Es gab an unserer Schule antisemitische Vorfälle: Beschimpfungen und Hakenkreuzschmierereien», berichtet die Schulleiterin. Wurden die verantwortlichen Schüler zur Rede gestellt, kam dabei meist nicht mehr heraus als ein Achselzucken. Durch Nachfragen stellten die Pädagogen fest, dass die Kinder meist die antisemitischen Hintergründe nicht kannten. Wurden sie ihnen erklärt, kam ein kleinlautes «So hab’ ich das ja nicht gemeint.»

Die Schule entschied, den Kindern ein Angebot zu machen, bei dem sie unbefangen alle Fragen zum Nationalsozialismus und Rechtsradikalismus loswerden können. «Wir erklären alles, auch die aktuelle strafrechtliche Relevanz von antisemitischen Zeichen und Äußerungen. Wenn die Kinder dann Bescheid wissen, gilt: null Toleranz.» Mit dem freiwilligen Nachmittagsangebot erreiche man tatsächlich die Schüler, die es betrifft, betont Schnabel.

diskussionen «Sie finden das Projekt sogar cool», weiß die Schulleiterin. Die Erziehungsberechtigten sind hingegen manchmal nicht so leicht zu überzeugen. Es gab in der Vergangenheit wiederholt Diskussionen mit rechtsextrem und fremdenfeindlich orientierten Eltern. 2015 beschloss die Schule, ein Zeichen zu setzen, und erhielt vom Trägerverein «Aktion Courage» den Titel «Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage». Ein entsprechendes Schild steht im Eingangsbereich. «Dann wissen auch die Eltern gleich, welche Regeln in unserem Haus gelten», betont die Schulleiterin.

Auch über ihre eigene Haltung denken die Pädagogen nach. «Wir Erwachsenen sind manchmal viel zu verkopft», sagt Schnabel. So sorgt sie sich vor Synagogenbesuchen jedes Mal, ob auch alle Jungen die Kippa aufsetzen werden. Doch in der Synagoge ist dann alles völlig unkompliziert. Die Jungen legen sogar ihre eigenen Basecaps ab und greifen zu den bereitgestellten Kippot. Selbst die Mädchen setzen gerne eine Kopfbedeckung auf.

Antisemitische Vorfälle gab es an der Förderschule übrigens nicht mehr, seit man sich dort mit jüdischer Geschichte beschäftigt.

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