Nordrhein-Westfalen

Jetzt erst recht!

In Dortmund gibt es Orte, zum Beispiel bestimmte U-Bahn-Strecken, an denen ich meine Kette mit dem Davidstern sicherheitshalber verstecke und keine Kleidung mit hebräischen Buchstaben offen trage», erzählt Elisa Lubarov. Die 21-Jährige kennt nur zu gut das Gefühl drohender Gefahr, wenn sie Zeichen ihrer jüdischen Identität an solchen Orten trägt.

Elisa ist eine der beiden Leiterinnen des jüdischen Jugendzentrums Emuna. Sie weiß, dass sie mit ihren Befürchtungen angesichts eines latent vorhandenen Antisemitismus nicht allein ist. Doch hinnehmen will sie den Zustand nicht.

Zusammen mit zwölf anderen Jüdinnen und Juden der Ruhrgebietsmetropole hat die Studentin beim Projekt «Jetzt erst recht! Stop Antisemitismus!» der Stadt Dortmund und des Online-Magazins «Aviva-Berlin» mitgemacht. Am Sonntag eröffnete eine Ausstellung aus Stellwänden, die großformatige Fotos und prägnante Sätze aus Interviews mit den jüdischen Dortmundern zeigen sowie Informationen zu antisemitischen Vorfällen geben: ein öffentliches Statement gegen Antisemitismus an prominenter Stelle.

ANFEINDUNGEN Die Idee dahinter: Die Ausstellung soll anhand der Erlebnisse von Juden Antisemitismus im Alltag sichtbar machen. Also die Geschehnisse, die in keiner Statistik auftauchen. In den Interviews fragte Initiatorin Sharon Adler von Aviva-Berlin auch danach, ob Juden angesichts von Anfeindungen Solidarität erfahren und wo es in ihrem Umfeld an Zivilcourage fehlt.

Die Stellwände mit ihren großformatigen, zum näheren Betrachten einladenden Porträtfotos vermitteln noch eine andere Botschaft konträr zu den Zerrbildern des Antisemitismus: dass Dortmunder Juden ganz normale Leben führen. Gezeigt werden jüdische Menschen unterschiedlichen Alters mit höchst verschiedenen Biografien, die über ihre Wünsche und Hoffnungen sprechen. Ein Lehrer, eine Abiturientin, Studierende, ein IT-Fachmann, eine Choreografin und ein Sicherheitsbeauftragter kommen unter anderem zu Wort. Es könnte ein zufälliger Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft sein.

Die Ausstellung soll auch Bürger erreichen, die keine Berührungspunkte mit Juden haben.

Dennis Khavkin ist Student der Wirtschaftswissenschaften und erinnert sich noch gut an Sprüche seiner Mitschüler: dass seine Eltern «reich sein müssten, weil sie ja Juden seien». Im Studium sei ihm dann nachgesagt worden, dass er für bestimmte Klausuren nicht zu lernen brauche, da er «als Jude Fächer wie Buchführung quasi im Blut hätte», erzählt der 26-Jährige. Die 18-jährige Abiturientin Melissa Vapner bekam früher zu hören: «Du bist so dünn. Bist du, wie deine Vorfahren, aus dem KZ entflohen?»

POLIZEISCHUTZ Igor Jablunowskij spricht vielen Juden aus der Seele: «Ich habe den Traum, dass wir in Deutschland irgendwann keinen Polizeischutz vor religiösen Einrichtungen brauchen.» Er sei sehr dankbar für den Schutz. «Aber das sollte nie Normalität werden. Polizeischutz ist nur die Folge des Problems. Wir müssen uns mit den Ursachen beschäftigen», sagt der 53-jährige Künstler.

Erreichen soll die Ausstellung gerade auch Bürger, die keine Berührungspunkte mit Juden oder mit dem Thema Antisemitismus haben. Daher stehen die Tafeln nicht in einem Museum oder Gemeindezentrum, sondern in der Berswordt-Halle. Das ist ein überdachter Platz im Zentrum der 587.000-Einwohner-Stadt. Er verbindet gut frequentierte Verwaltungsgebäude miteinander. An die Halle grenzen Arkaden mit Läden und Gastronomie. Kein isolierter Kulturraum also, sondern ein gut genutzter Durchgangsweg.

Alexander Sperling schlägt flächendeckenden Schüleraustausch mit Israel vor.

«Es ist vielleicht das erste Mal, dass in einer Ausstellung so offen gezeigt wird, wie sich Juden in Deutschland fühlen», hebt Alexander Sperling, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe, hervor und fährt fort: «Antisemitismus ist kein jüdisches Problem. Er geht alle deutschen Bürger an. Antisemitismus ist ein Angriff auf unsere gesellschaftlichen Werte und unsere demokratische Grundordnung.»

Besonders indirekter, unterschwelliger Antisemitismus finde kaum Beachtung: «Zu häufig werden verhetzende Aussagen bei Verschwörungsmythen, Schoa-Relativierung und Israel-Bashing nicht als antisemitisch erkannt».

MUT Doch wie kann die Antwort auf latenten Antisemitismus aussehen? Leonid Chraga, Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund, hat seinen Beitrag unter das Motto gestellt: «Zivilcourage und Mut statt Aktionismus und Betroffenheit».

Er sagt: «Ich würde mir wünschen, dass sich unsere Freunde, unsere nichtjüdischen Mitstreiter auf der Arbeit, beim Sport, in der Kneipe an Ort und Stelle solidarisch zeigen und sich nicht erst im Nachhinein, wenn schon etwas passiert ist, zu Mahnwachen aufstellen.»

Sperling setzt auf Investitionen in die Jugend. Er schlägt einen flächendeckenden Schüleraustausch mit Israel vor: «Ideal wäre es, wenn jeder Schüler die Möglichkeit hätte, einmal nach Israel zu reisen». So ließe sich das Gedenken an die Opfer der Schoa in Yad Vashem mit einer «Begegnung mit jungem, schönem und lebendigem Judentum» verbinden. «Eine bessere Impfung gegen Antisemitismus kann kein Arzt verschreiben», so Sperling.

KONZEPT Das Konzept für das Interview- und Fotoprojekt hatte die Fotografin und Publizistin Sharon Adler unter dem Einfluss des Attentats auf die Synagoge in Halle 2019 entworfen. Gestartet ist es 2020, zunächst in Berlin als reines Online-Projekt, gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung. Bei der Stadt Dortmund wurde man bei den Planungen für das Festjahr «1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» auf das Berliner Projekt aufmerksam und fragte, ob sich so etwas nicht auch als Ausstellung im Ruhrgebiet realisieren ließe.

Die künstlerische Leitung der Ausstellung liegt bei Shlomit Lehavi. Sie hat auch das Logo entworfen, einen Davidstern kombiniert mit einem Ausrufezeichen. Die Ausstellung ist noch bis 4. Dezember zu sehen.

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