Antisemitismus

Jetzt erst recht!

Israelische Spezialitäten« steht weithin lesbar auf einer aufgeklappten Holztafel – mitten auf dem Bürgersteig vor dem Restaurant »Feinberg’s« in der Fuggerstraße in Berlin‐Schöneberg. Inhaber Yorai Feinberg sieht keinen Grund, es zu verstecken. Erst recht nicht seit Dienstagnachmittag.

Gegen 14 Uhr hatte ein 60‐jähriger Mann am Dienstag den israelischen Gastronomen minutenlang antisemitisch beschimpft – Feinbergs Freundin hatte die Szene per Handyvideo festgehalten. Nachdem Mike Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, den Clip als Erster gepostet hatte, war er bereits nach vier Stunden mehr als 2000‐mal geteilt – und Delbergs Facebook‐Account für 24 Stunden gesperrt – worden. Der Angreifer sagte unter anderem: »Du bist in meinem Land«, »Was wollt ihr hier nach ‘45«, »Euch wollen wir hier nicht«, »2000 Jahre wollt ihr das nicht kapieren«.

Seine judenfeindlichen Beschimpfungen gipfelten in Bemerkungen wie »Du kriegst deine Rechnung in zehn Jahren, da lebst du nicht mehr« und »Niemand schützt euch« sowie der Drohung »Ihr werdet alle in den Gaskammern landen« – woraufhin Feinberg die Polizei rief und Anzeige erstattete.

Mut Feinbergs Reaktion auf den Angriff zeige, dass die effektivste Art, mit so einer Situation umzugehen, entschlossenes Handeln sei, sagte der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff am Donnerstagvormittag. Zusammen mit dem Gesandten Avraham Nir‐Feldklein sowie dem Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Rogel Rachman, und begleitet von dem Grünen‐Politiker Volker Beck und der Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof‐Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), wollte Issacharoff ein Zeichen der Solidarität setzen und stattete dem »Feinberg’s« einen Besuch ab. Denn genau so wie der Gastronom müsse man auf Antisemitismus reagieren – schnell, nachdrücklich und vehement, sagte Issacharoff. Ausbrüche wie diese dürften nicht durch Zögern noch weiter ermutigt werden.

Der israelische Botschafter lobte den Mut des Restaurantbesitzers, sich dem Angreifer entgegenzustellen und mit dem Vorfall an die Öffentlichkeit zu gehen. »Sie geben damit ein Beispiel dafür, wie jeder Bürger sich in solchen Fällen verhalten sollte«, sagte Issacharoff und forderte »null Toleranz« für Antisemitismus jeglicher Art.

Was derzeit passiere, sei für Juden sehr bedrohlich, sagte Issacharoff. »Ich konnte es nicht glauben, dass Dinge wie diese in den Straßen von Berlin gesagt werden könnten.« Antisemitismus verkleidet als Israelhass empfinde er als ebenso besorgniserregend wie klassischen, offenbar tief verwurzelten Judenhass. Eine gefährliche Mischung aus beidem könne man deutlich in dem Video sehen. Issacharoff lobte in diesem Zusammenhang das schnelle Eingreifen der Polizei – die Beamten hätten unverzüglich und konsequent reagiert und genau das Richtige getan, indem sie den Mann sofort verhaftet hätten.

e‐mails Während Feinberg den Vorfall am Donnerstagvormittag noch einmal im Gespräch mit Issacharoff, Beck, Schöttler und dem Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Mike Delberg, schildert, wirkt er ruhig und gefasst. Das liege nicht nur an dem Besuch des Botschafters und der Politiker, sagt er, sondern auch an den vielen unterstützenden E‐Mails, die er seit Bekanntwerden des Videos erhalten habe. Diese überwältigende Mehrheit der Briefe zeige, dass »auf ein ›Monster‹ 500 Gegenbeweise kommen«.

Die SPD‐Politikerin Angelika Schöttler zeigte sich darüber erleichtert. »Das zeigt doch, dass antisemitische Einstellungen nicht der Mainstream sind«, sagte sie. Sie sei sich aber auch darüber im Klaren, dass Vorfälle wie dieser »keinesfalls Einzelfälle« seien und verwies auf andere derartige Begebenheiten in ihrem Bezirk. »Mir ist es wichtig, darauf eine klare Antwort zu geben, eine klare Botschaft: Das wollen wir nicht«, betonte sie.

Auch der Grünen‐Politiker Volker Beck warnte davor, antisemitische Vorfälle als Einzelfälle abzutun. Er erinnerte daran, dass laut aktueller Umfrage 40 Prozent der Deutschen antisemitische Einstellungen hätten – fast jeder Zweite in der Gesellschaft, und zwar in allen kulturellen und politischen Milieus.

kritik Die schnelle Reaktion der Polizei sei lobenswert, aber »nicht Lösung des Problems«, unterstrich Beck. Vielmehr zeigten Ausbrüche wie dieser, dass »unsere Bildungsarbeit in den Schulen völlig versagt« habe. Ebenso kritisierte Beck die vereinfachte Berichterstattung zu Israel in den Medien. Viel zu selten würden – insbesondere beim Thema Israel – komplexe Zusammenhänge hinterfragt. In dem Video komme sehr deutlich zum Ausdruck, »dass der antiisraelische Antisemitismus das Leben aller Juden und Israelis in der Stadt« beeinträchtige.

Yorai Feinberg sprach Beck damit aus der Seele. Antisemitische Einstellungen erlebt der Gastronom seit Jahren im Alltag, erzählt er. Und er befürchtet, dass sie durch Israelhetze weiter befeuert werden könnten – wie sich in den vergangenen Wochen verstärkt gezeigt habe, sei es bei BDS‐Veranstaltungen oder dem Verbrennen israelischer Fahnen. Auch Mike Delberg berichtete von ähnlichen Befürchtungen aus der Gemeinde. »Es kann doch nicht sein, dass eine Menora im Schaufenster oder ein anders jüdisches Symbol derartige Aggressionen auslöst«, sagte Delberg.

»Was all die Wortbekundungen der Politiker wert sind von ›Das nehmen wir nicht hin‹ bis ›Das dulden wir nicht‹ zeigt sich darin, ob sie dem jetzt aktiv Taten folgen lassen«, sagte Beck. Es sei höchste Zeit, an der Aufklärung zu arbeiten, etwa durch konkrete Programme in den Schulen. »Wenn das nicht passiert, stimmt es nicht, dass wir es nicht dulden – dann dulden wir es und erschrecken uns hin und wieder ein bisschen, wenn es mal knallt.«

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