Bike4Dignity

»Jeder kann etwas tun«

Udi Lehavi Foto: privat

Herr Lehavi, Ihre Mutter hatte sich dem Aufstand im Warschauer Ghetto angeschlossen und wurde nach dessen Niederschlagung von Warschau nach Majdanek deportiert. Warum haben Sie sich gerade für diese Strecke als letzte Etappe von »Bike4Dignity« entschieden?
Bei meiner ersten Tour von »Bike4Dignity« in Amerika konnten Menschen und Gemeinden Holocaust-Überlebenden einzelne Etappen widmen. Das war mir sehr wichtig, denn die Menschen sollen sich schließlich mit dem Thema befassen. Die erste Etappe widmete ich damals meiner Mutter, und ich wollte die letzte auch so beenden. Sie hat damals die Deportation von Warschau nach Majdanek überlebt, also wollte ich die Strecke ihr zu Ehren fahren.

Mit waghalsigen Fahrradtouren sammeln Sie Spenden, um Holocaust-Überlebenden einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen. Inwiefern ist die körperliche Anstrengung auch ein Weg für Sie persönlich, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?
Mir geht es nicht nur um die körperliche Anstrengung, vielmehr um das Mentale. Ich versuche zu zeigen, dass jeder, egal ob groß oder klein, etwas tun kann. Denn es geht darum, den Schwächeren zu helfen. Die körperliche Anstrengung ist ein guter Weg, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Von meiner Mutter, die immer wieder von ihrem Leidensweg berichtete, habe ich gelernt, mich für andere einzusetzen.

Wie kann man sich solch eine, sicherlich herausfordernde, Radtour vorstellen – bereitet Ihnen jeder Kilometer Schmerz, oder ist das Radfahren auch eine Befreiung?
Sowohl als auch! Es gibt natürlich immer wieder Tage, die anstrengend sind, mental und körperlich. In Amerika fuhr ich mit einer Gruppe, in der nur ich die jüdische Seite repräsentierte, das hat mich natürlich angetrieben. Die drei Tage von Warschau nach Majdanek war ich allein unterwegs. Aber da hatte ich das Ziel fest vor Augen, ich wusste, am Montagfrüh bin ich da.

Was haben Sie empfunden, als Sie in Majdanek ankamen?
Es war eine Kombination aus innerer Leere und tiefer Trauer. Als ich sah, wie nah die Stadt an dem Todeslager lag, fragte ich mich, wieso es damals keinen Aufschrei der Bevölkerung gab. Wir sind doch alle Menschen! Wir, unsere Eltern, die dort waren, aber eben auch die Bewohner der Stadt. Als ich später in Majdanek ein Monument sah, den »Berg der Erinnerung«, gebaut mit der Asche aus den Krematorien, wurde ich sehr traurig.

Inwiefern beeinflusst die Lebensgeschichte Ihrer Mutter Ihren eigenen Alltag?
Sie begleitet mich immer. Meine Mutter war ein offenherziger Mensch ohne Berührungsängste, der stets die Pflicht fühlte zu erzählen. Sie hoffte, jungen Menschen ins Bewusstsein zu bringen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Und genau das ist auch Teil meiner Arbeit. Dafür zu sorgen, dass Menschen in Deutschland vor Antisemitismus nicht die Augen verschließen. Unsere Pflicht ist es aber auch, hinzusehen, wenn andere Minderheiten angegriffen werden. Meine Mutter hat mich das gelehrt, und es begleitet mich tagtäglich.

Fühlen Sie sich denn als Teil der sogenannten »Second Generation«?
Das ist sehr schwer zu sagen, denn jeder Überlebende hat etwas anderes an seine Kinder weitergegeben. In Warschau habe ich eine Gruppe von erwachsenen Israelis getroffen, die weder Majdanek noch Auschwitz besuchen wollten. Ich glaube, sie wollten sich mit dem Thema Holocaust überhaupt nicht auseinandersetzen. Es gibt auch Menschen in Israel, die heute noch immer nicht nach Deutschland reisen wollen und es nicht übers Herz bringen, deutsche Produkte zu kaufen. So ist das, der eine kann es, der andere nicht. Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Persönlich finde ich jedoch, dass wir die Chance nutzen müssen, gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten. Das ist unsere Aufgabe, ansonsten sind wir verloren.

Sie wissen sicher aus eigener Erfahrung, dass auch die Kinder von Holocaust-Überlebenden Unterstützung brauchen, um sich mit der Biografie ihrer Eltern und der eigenen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen. Können Sie sich vorstellen, sich in Zukunft auch für die zweite oder sogar die dritte Generation einzusetzen?
Ich habe mich auch schon für andere Projekte von Keren Hayesod engagiert, für krebskranke Menschen zum Beispiel. Ich schließe also nicht aus, mich irgendwann auch für die »Second Generation« einzusetzen, obwohl ich mich mit dem Thema zweite und dritte Generation bisher erst wenig auseinandergesetzt habe. Momentan geht es mir in erster Linie darum, Holocaust-Überlebenden in Israel einen würdevollen Lebensabend zu sichern. Das ist ein sehr aktuelles Thema und die Pflicht der zweiten und dritten Generation. Unsere Zeit wird noch kommen.

Mit dem Repräsentanten von Keren Hayesod Deutschland sprach Naomi Bader.

Udi Lehavi ist seit 2004 Repräsentant von KH Deutschland. Als Sohn einer Holocaust-Überlebenden und einem aus Wien geflüchtetem Vater wuchs er im Kibbuz Gan Shmuel bei Hadera in Israel auf. Im Rahmen des »Bike4Dignity«- Programms von Keren Hayesod fuhr er seit März mit dem Fahrrad bis zu 100 Kilometer pro Tag von der Ost- bis zur Westküste Amerikas. Zum Abschluss legte Lehavi vom 3. bis zum 5. Oktober 200 Kilometer von Warschau nach Majdanek zurück.

www.bike4dignity.com

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