Tikkun Olam

Jeden Tag ein bisschen besser

Gemeinsam ein Projekt auf die Beine stellen, die Umwelt schützen oder jüdische Identität stärken: Tikkun Olam kann viele Bedeutungen haben. Foto: Thinkstock

In einem englischen Tikkun-Olam-Song für Kinder heißt es: »Wir helfen der Welt, wenn wir jemand anderem helfen.« »Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, denn jetzt sind wir dran«, lautet der Text in einem anderen Lied. Tikkun Olam – Reparatur der Welt – hat schon viele jüdische Songschreiber beflügelt. So auch die Jugendlichen bei der diesjährigen Jewrovision.

Der Begriff Tikkun Olam hat im Judentum viele Bedeutungen. Eine der gängigsten ist die Verbesserung der Welt. Dabei gibt es jede Menge Spielraum für Auslegungen. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Gedanken, die man mit Tikkun Olam verbindet. In vielen Jugendzentren beschäftigen sich junge Jewrovision-Teilnehmer seit Monaten mit dem Thema, das in diesem Jahr den Schwerpunkt beim Gesangswettbewerb bildet.

Gemeinsam erarbeiten sie Texte, Bühnenshows und Videos, die ihre Vorstellung von Tikkun Olam herüberbringen sollen. Für viele Teilnehmer stehen Gemeinschaft und Zusammenhalt dabei an erster Stelle, aber auch Stärke und Engagement. So wie bei Lion Ternjak (18), Junona Maksumova (15) und Tanja Kokorev (17) vom Jugendzentrum Chai Hannover.

»Tikkun Olam bedeutet für mich, Mitmenschen zu helfen und sie so zu behandeln wie mich selbst«, sagt Tanja. Ihre Mittänzerin Junona fügt hinzu: »Unter Tikkun Olam verstehe ich auch die Aufgabe, andere zu schützen: Menschen, die Schutz brauchen, aber auch die Umwelt.« Außerdem bedeute es, »miteinander voranzukommen und sich ge-meinsame Ziele zu setzen« – das kann auch ein erfolgreicher Auftritt bei der Jew-rovision sein.

Wunsch Ansichten wie diese kann German Djanatliev aus Nürnberg auch von seinen Jewrovision-Schützlingen berichten. Vor allem das Miteinander sei ihnen wichtig, betont der Religionslehrer und Leiter des Jugendzentrums Me-Halev. Einmal wöchentlich diskutiert er mit den Neuntklässlern über Tikkun Olam für ihren bevorstehenden Jewrovision-Auftritt. Was ihm bei den Gesprächen vor allem auffalle, sei der Wunsch, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, Freunde zu treffen, jüdische Identität zu leben.

Er habe das Thema bei verschiedenen Gelegenheiten aufgegriffen, so auch an Tu Bischwat. Die Jugendlichen hätten ähnliche Fragen gestellt wie einst die Weisen vor ihnen, erzählt German Djanatliev stolz: Wozu hat Gott Welt und Natur erschaffen? Wozu braucht er uns? Und was sind die Aufgaben des Menschen in der Welt?

Genau hier komme Tikkun Olam ins Spiel. »Denn mit Verbesserung der Welt meinen wir auch unsere jüdische Identität«, betont der Leiter des Jugendzentrums. Darin sieht Djanatliev das Ziel der Jewrovision – nach vorne zu schauen, den Kindern und Jugendlichen die besten Seiten des Judentums zu zeigen, damit sie, so wie einst Jona, auf die Frage »Wer bist du?« selbstbewusst mit dem Bekenntnis »Ivri anochi« (Ich bin ein Hebräer) antworten können. Denn nur selbstbewusste junge Juden garantieren »blühende jüdische Gemeinden in Deutschland«, ist Djanatliev überzeugt.

Wie sollen wir leben, wie uns verhalten, wie auf Anfeindungen reagieren? Zur Veranschaulichung hat er mit den Jugendlichen zum Beispiel Senioren besucht. »Das gehört zu Tikkun Olam: der älteren Generation zeigen, dass man sie nicht vergessen hat. Das ist ebenso Zusammenhalt wie das Wiedersehen mit Freunden bei der Jewrovision«, meint Djanatliev.

Engagement Zuhören. Geben. All das ist Tikkun Olam. Aus Lucia Kotikovas Sicht beginnt all das bei jedem selbst. Zusammen etwas schaffen könne man nur, wenn man zuerst einen anderen Schritt gehe: »Erst wenn jeder Einzelne seine Haltung anderen Menschen gegenüber ändert und lernt, niemanden für sein Aussehen, seine Religion, Denkweise oder Kultur zu verurteilen, können wir als Gemeinschaft unsere Welt zu einem besseren und friedvolleren Ort machen«, sagt die junge Dortmunderin vom Jugendzentrum Emunah.

»Es ist nicht wichtig, wer du bist, sondern was du tust. Jede Handlung kann eine Richtung vorgeben, in der sich die Welt verändert«, meint auch Beata Berlin (26). Zu-sammen mit dem Jewrovision-Team vom Frankfurter Jugendzentrum Amichai hat sich die Madricha viele Gedanken gemacht. Für Alex Klauz (20) bedeutet Tikkun Olam, nachhaltig zu leben, für Hanna Morgenstern (17) Respekt gegenüber den Mitmenschen und für Ben Tober (22) Verbundenheit mit der Natur und Israel.

Auch die Münchner Jewrovision-Teilnehmer vom Jugendzentrum Neshama haben sich intensiv mit dem Thema des Wettbewerbs beschäftigt. Diverse Projekte, der Mitzvah Day sowie Besuche bei Senioren und Flüchtlingen hätten dabei im Fokus gestanden – schon lange vor der eigentlichen Bühnenshow.

»Was da bei den Jugendlichen passiert, ist ein Prozess«, sagt Jugendzentrums-Chef Benjamin Vamosi. Wie kann man Freunden, Bekannten und Bedürftigen helfen, auch ohne Geld? Wie können wir uns als Jugendliche in die Gesellschaft einbringen? Diese Fragen hätten seine »Neshumniks« ins Video mit eingeflochten.

Projekte Die Jewrovision rücke Tikkun Olam stärker ins Bewusstsein – durch die Projekte im Vorfeld, aber auch durch Gesang, Tanz und Proben, sagt Vamosi. Insofern seien die Jugendlichen nun umso mehr für das Thema sensibilisiert. »Was hängen bleibt, ist das prägende Gefühl, ein kleines Stück dazu beigetragen zu haben, die Welt zu verbessern. Das nehmen sie auch mit auf die Bühne«, sagt der Leiter des Jugendzentrums stolz.

Artem Goncharov aus Recklinghausen ist ein Jewrovison-Veteran – und das mit gerade einmal 16 Jahren. In diesem Jahr ist ihm die Vorbereitung besonders nahegegangen. Denn Tikkun Olam ist für den Schüler eine Lebenseinstellung. »Jeder kann die Welt ein bisschen besser machen. Denn sie ist viel bunter, als man denkt, auch in Recklinghausen«, sagt der Schüler.

Die Botschaft ihres Videos ist direkt: Wir sind alle gleich und dennoch unterschiedlich. Mit dem Begriff Tikkun Olam setzen sich die Recklinghäuser vom Jugendzentrum Agada seit Monaten auseinander. »In unserem Act geht es vor allem darum, offen zu sein – für andere Menschen, für die Welt, für die Frage: Wie kann ich helfen, wo werde ich gebraucht?«, beschreibt Gregor Roytberg das Ergebnis. Am meisten freut sich der 15-Jährige auf die Gemeinschaft, die bei der Jewrovision unter den Jugendlichen entsteht.

Vision Gemeinschaft bedeutet für Jacob Hirschberg (17) aus Frankfurt auch, andere Juden zu einer Vision von einer besseren Zukunft zu bewegen, sei es das Malen eines Bildes, das die Menschheit berührt, ein neues Politikmodell, das Stabilität gewährleistet, oder eben ein Lied, das die Welt mit Liebe füllt. Jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, mit Tikkun Olam anzufangen, findet Liyel Baron (18), ebenfalls aus Frankfurt. »Denn wenn nicht jetzt, wann dann?«

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