Familiengeschichte

Ins Bild gesetzt

Sein Blick auf Berlin: Ronny Dotan in der Mommsenstraße 23 Foto: Stephan Pramme

Ronny Dotan setzt sich sofort auf seinen Motorroller und rast durch die Straßen von Tel Aviv, um sich ein Foto anzuschauen. Wenige Minuten zuvor hat ihn seine jüngste Tochter angerufen, um von ihrer Überraschung zu berichten, dass sein Großvater auf einem Bild zu sehen ist – in der Ausstellung »Vom Hekdesch zum Hightech – 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin«, zu diesem Zeitpunkt gerade in Tel Aviv gezeigt wird.

Die Tochter kannte das Foto aus den Familienalben. »Ich stürmte dahin, kam atemlos an, sah das Bild und dann brauchte ich erst einmal einen Tag Ruhe, um mich von diesem Schock und der Überraschung zu erholen«, erinnert sich Ronny Dotan. Wenn er von seinen Erlebnissen in jenen Tagen im Mai 2007 spricht, wirkt er immer noch so aufgewühlt, als ob er erst gestern von diesem Teil seiner Familiengeschichte erfahren hätte. Es dauerte, doch im vergangenen November war das Puzzle zusammengesetzt. Nach dem Ruhetag fuhr er wieder in die Ausstellung.

»Ich widmete ihr einen längeren, aufregenden Besuch«, sagt er heute. Das Foto zeigt seinen Großvater, Kurt Martin Fleischer, im Jahr 1915. Fleischer war damals oberster Militärarzt bei einer Artillerie‐Brigade des Kaisers. Durch dieses Bild fing Ronny Dotan an, sich mit der Vergangenheit seiner Familie in Deutschland auseinanderzusetzen. Oft reiste er nach Berlin und fand in den Archiven Zeugnisse, Briefe von Freunden und berufliche Dokumente.

Stolperstein Jetzt ist Ronny Dotan wieder nach Berlin gekommen. Er hat in seiner Pension Besuch von Jürgen Hardt, dem Vorsitzenden des Fördervereines des Jüdischen Krankenhauses, und Tatjana Ruge, die ehrenamtlich Stolperstein‐Projekte betreut. Alle gemeinsam hatten sich um die Aufklärung der Familiengeschichte bemüht. Nun werden die letzten Details für die Gedenkfeier besprochen.

Am Dienstag konnten dann endlich für die beiden Schwestern von Dotans Großmutter, der Ehefrau Fleischers, Stolpersteine verlegt werden. Bis Mai 2007 wusste Ronny Dotan nur, dass seine Großmutter zwei Schwestern hatte – ihr Schicksal war ihm unbekannt. Das sei nie ein Thema in seiner Familie gewesen, in der ansonsten über alles offen geredet wurde. Auch Jürgen Hardt wurde damals von einem Anruf überrascht. »Die Ausstellung war bereits in den USA gezeigt worden und nun in Israel.

Da rief mich eines Tages jemand an, der behauptete, seinen Großvater auf einem Foto entdeckt zu haben – das hatte es noch nie gegeben«, sagt er. Das könne doch nicht wahr sein, war seine erster Gedanke. Wenig später fuhr Hardt nach Israel und besuchte Ronny Dotan. Seitdem sind sie befreundet. »Früher waren Deutschland und Berlin für mich wichtige touristische Ziele, nun aber änderte sich alles.«

Bücher Bis dahin habe er lediglich gewusst, dass die Familie seines Vaters und Großvaters Deutschland »rechtzeitig« verlassen hatte und so von den Grausamkeiten der Schoa verschont geblieben war. Das sei für ihn, der 1946 im damaligen Palästina – ein Jahr nach dem Tod seines Großvaters – geboren wurde, immer ein Trost gewesen. So konnte er deutsche Bücher lesen und sich mit der deutschen Kultur beschäftigen.

In der Zwischenzeit wurden die Schwestern seiner Großmutter für ihn immer präsenter. Auf einem Foto von 1899 sind sie als Kinder abgebildet. In einer acht Zimmer großen Wohnung lebte die Familie, die sich mit edlem Geschirr, Kristall und Möbeln aus der Biedermeier‐Zeit umgab. Heute stehen etliche der Möbel bei Ronny Dotan.

Ferdinand Friedländer, der Vater der drei Töchter, legte offenbar sehr viel Wert darauf, dass alle drei eine gute Ausbildung erhalten. Lina und Erna Friedländer blieben unverheiratet. Lina, die Musikerin, führte wahrscheinlich ihrer Schwester, einer promovierten Chemikerin und Angestellten der Jüdischen Gemeinde, den Haushalt, sagt Tatjana Ruge, die viel über die Schwestern geforscht hat. Als die Eltern starben, zogen die beiden in eine kleinere Wohnung. So lebten sie in der Joachimstaler Straße, in der Blissestraße und zuletzt in der Mommsenstraße 23, vor deren Haustür die Stolpersteine am Dienstag verlegt worden sind.

Schicksal Julia und Kurt Fleischer hingegen beschlossen 1936, nach Palästina auszuwandern. Wenige Monate zuvor war Kurt Fleischer schon einmal dort hingereist und gab anschließend der CV‐Zeitung ein Interview. »Es ist ein Land der Jugend«, sagte er im Januar 1936. Für Ältere also ungeeignet. Wenig später ließen sie dennoch ihre Möbel in Container packen und emigrierten.

In Palästina versuchten sie, eine neue Existenz aufzubauen – was ihnen sehr schwerfiel. Kurt Fleischer, in Berlin Oberarzt am Jüdischen Krankenhaus und in einer kleiner Privatklinik am Kaiser‐Wilhelm‐Platz, arbeitete erst als Fensterreiniger, bis er wieder in seinem alten Beruf tätig sein durfte. Erna Friedländer kam 1937 ihre Schwester Julia in Tel Aviv besuchen, fuhr aber wieder zurück nach Berlin. Im Oktober 1942 und 1943 wurden die Schwestern deportiert.

»Es gibt sie nicht – Verwandte, die möglicherweise meinen Familienkreis erweitert hätten, die mir, meinen Töchtern und Enkeln die erwünschte Großfamilie, versammelt um den Feiertagstisch, beschert und viele gemeinsame Freuden geschenkt hätten. Das Schicksal war anders, es war grausam«, sagt Ronny Dotan. Aber nun habe er mit den Stolpersteinen wenigstens eine Form des Gedenkens gefunden.

Information
Die Ausstellung »Vom Hekdesch zum Hightech – 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus Berlin« ist ein Projekt des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch‐jüdische Studien in Potsdam und des Jüdischen Krankenhauses Berlin.
Neben der 250‐jährigen Geschichte des Hauses und der Geschichte der Juden in Berlin werden auch medizingeschichtliche Aspekte und die verschiedenen Lebensstationen in Judentum, Christentum und Islam vergleichend dargestellt. Darüber hinaus gewährt die Ausstellung Einblicke in die heutige Arbeit des Jüdischen Krankenhauses im Bezirk Wedding.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 16 Uhr, Jüdisches Krankenhaus, Heinz‐Galinski‐Straße 1. Der Eintritt ist frei.

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