Porträt der Woche

»In Europa fühle ich mich frei«

Madelaine Linden ist künstlerische Autodidaktin und wuchs in Argentinien auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  27.12.2020 08:57 Uhr

Selbstporträt: Madelaine Linden (66) lebt in Stuttgart. Foto: Madelaine Linden

Madelaine Linden ist künstlerische Autodidaktin und wuchs in Argentinien auf

von Gerhard Haase-Hindenberg  27.12.2020 08:57 Uhr

Über einen Zeitraum von 32 Jahren habe ich an der Geschichte meiner Familie geknabbert. Währenddessen habe ich an einem Buch gearbeitet – mit Briefen, die meine Urgroßmutter Anna Hess aus Nazi-Deutschland an ihre Tochter in Argenti-nien geschrieben hat. Dann wurde sie mit 88 Jahren nach Theresienstadt deportiert und ist dort umgekommen.

Obgleich Anna in ihren Briefen ganz deutlich schreibt, dass sie nie im Leben mit in die Emigration gegangen wäre, blieb dennoch bei meinem Vater und seiner Mutter ein Schuldgefühl, sie in Hamburg zurückgelassen zu haben. Annas Tochter, meine Großmutter, hat sich schließlich das Leben genommen. Dies also war das Trauma meiner Familie, das sich auch auf mich übertragen hat.

Meine Eltern waren jeweils mit ihren Eltern nach Argentinien emigriert: mütterlicherseits erst 1938, väterlicherseits schon vorher. Mein Vater ist als Angestellter in die Getreidebranche gegangen. Meine Mutter hat er auf einer Party in Buenos Aires kennengelernt. Sie heirateten, obgleich meine Großmutter mütterlicherseits gegen diese Hochzeit war, weil mein Vater nicht beschnitten gewesen ist.

Wenn man das später erzählt hat, haben wir uns immer gefragt, woher sie das gewusst hat. Diese Großmutter war schwierig, hat sich immer darum gesorgt, was andere Leute sagen könnten. Schließlich hat eine richtige jüdische Hochzeit meiner Eltern mit einem Rabbiner unter einer Chuppa stattgefunden. Darauf hatte meine Großmutter bestanden. Sie war zwar kaum religiöser als die Familie des Bräutigams, aber es ging ihr eben um die äußere Form.

Als Kind fühlte ich mich nirgends wohl – außer zu Hause und im jüdischen Ferienheim.

Als im Jahr 1946 in Argentinien Juan Perón an die Macht kam, emigrierten meine Eltern ins benachbarte Uruguay. Dort, in Montevideo, wurde ich im Jahr 1954 geboren. Nach Peróns Sturz sind wir zurück nach Buenos Aires gezogen, wo ich zunächst die englische St. Catherine’s Moorlands School besuchte.

Eines Tages wurden alle nicht-katholischen Kinder gebeten, die Schule zu verlassen. So kam ich an die deutsche Pestalozzi-Schule, wo viele jüdische Kinder lernten. Allein in meiner Klasse gab es nur drei Mitschüler, die keine Juden waren. In meiner Schulzeit hatte ich keine wirklichen Freunde. Entweder bin ich mit meinen Eltern zusammen gewesen, oder ich war allein.

WURSTBROT Allerdings verbrachte ich die Sommer immer zwei Monate lang in einem jüdischen Ferienheim in der Nähe von Córdoba in den Bergen. Der Leiter, ein Herr Kälbermann, war ein toller Kerl mit einer ungeheuren Präsenz und stahlblauen Augen. Das Personal waren Indios aus der Region, und die haben für uns koscher gekocht.

Einmal wurde ich von Frau Kälbermann bei unkoscherem Essen erwischt, wobei mir das zunächst gar nicht klar war. Es gab einen Kühlraum, in dem das Essen aufbewahrt wurde. Ich bin dorthin gegangen, um mir ein Brot mit Butter und Wurst zu schmieren. Ein Butterbrot mit Käse wäre okay gewesen, erfuhr ich, auch ein Wurstbrot ohne Butter. Ein Brot mit Butter und Wurst aber war streng verboten.

In diesem Ferienheim habe ich schließlich alles gelernt, was man als Kind über das Judentum lernen konnte, wie zum Beispiel das Prinzip »Gam su letova!«. Da wurden Geschichten erzählt, in denen irgendetwas Schlimmes passiert ist, aber nur durch dieses negative Ereignis konnte etwas neues Wunderbares geschehen, das sonst nicht geschehen wäre. »Gam su letova« heißt auf Deutsch »Auch dies ist zum Guten«. Dieses Prinzip hat mich immer geleitet in meinem Leben.

Als Kind fühlte ich mich nirgends wohl – außer zu Hause und in diesem Kinderheim. Ob das etwas mit dem jüdischen Leben dort zu tun hatte, vermag ich nicht zu sagen. Es war schön, die Ferien dort zu verleben, aber zu Hause habe ich das jüdische Leben nicht vermisst.

KULTURSCHOCK Schon vor dem Abitur bin ich zweimal mit meinen Eltern in Europa gewesen. Viele Bauten und Kunstwerke, die wir in der Schule durchgenommen hatten, waren da plötzlich wirklich zu sehen. Ich war auch hin und weg von der Freiheit der Frauen, wie ich sie hier beobachten konnte. Da wusste ich, dass ich aus Argentinien wegmusste, sobald ich das konnte. Ich hätte gern in Wien die Schauspielschule besucht, aber mein Vater bestand darauf, dass ich erst einmal einen Beruf erlernen sollte, mit dem man immer auf eigenen Beinen stehen kann.

So besuchte ich in Lausanne die Hotelfachschule und erlebte einen Kulturschock, weil dort alles so sauber war. Zum ersten Mal lief ich alleine auf der Straße, erstmalig nahm ich allein den Bus. Das war ich ja gar nicht gewöhnt. Dabei war ich immerhin schon 19 Jahre alt. In der Schweiz hatte ich für kurze Zeit das Gefühl der individuellen Freiheit.

Dann kamen meine Eltern zu Besuch, und in dieser Zeit ist nach so vielen Jahren Perón noch einmal zum Präsidenten gewählt worden. Mein Vater entschied, in der Schweiz zu bleiben. Nun musste ich wieder zu ihnen ziehen. Dabei war ich doch aus Argentinien weggegangen, um selbstständig leben zu können, was schwer genug war, da ich immer sehr viel Angst hatte. Das war auch kein Wunder, da ich von meiner Mutter immer damit überschüttet wurde. Meine eigene Welt fand ich in der freien Zeit auf dem Dach des Hotels, wo ich malte.

SPRACHEN Das Ausbildungshotel hat mich übernommen, aber bald merkte ich, dass das Hotelfach nicht wirklich meine Welt ist. Nach einer Weile fühlte ich mich stark genug, um meinem Leben eine andere Richtung zu geben. Eine Freundin aus der Hotelfachschule wohnte inzwischen in Brüssel und lud mich ein. Dort habe ich einen Job bei einer Unternehmensberatung bekommen.

Nach anderthalb Jahren wechselte ich als Sekretärin zu einer PR-Agentur. Ich konnte zwar nicht tippen, aber ich konnte neben Deutsch, Spanisch und Englisch mittlerweile auch Französisch, Italienisch und Portugiesisch. Ich bin eben irgendwie sprachbegabt.

Es war meine Zeit des Sturm und Drang, in der ich auch nicht gemalt habe, sondern die Welt entdeckte. Und irgendwann kam Alexandra David Néel in mein Leben, eine französische Schriftstellerin, die im 19. Jahrhundert als erste westliche Frau nach Tibet gereist ist. Ich habe alles von ihr gelesen, und es hat mein Leben verändert, weil mich der tibetanische Buddhismus so fasziniert hat. Es war aufregend, zu sehen, wie diese Menschen leben, wie sie lernen, loszulassen und keine Angst zu haben.

BRIEFE Während eines Besuchs bei meinen Eltern in der Schweiz sagte mein Vater, man müsse sich um die Briefe seiner Großmutter kümmern. So fing ich an, mich intensiv mit meiner Familiengeschichte zu beschäftigen. Um mir ein bisschen die Schwere jener Briefe zu nehmen, habe ich wieder angefangen zu malen. Ich habe nämlich gespürt, wie sehr mir die Briefe jener Frau zusetzten, die meine Urgroßmutter gewesen ist. Fortan lebte ich in zwei gegensätzlichen Welten. Hier war die bunte Welt meiner Bilder, dort die düstere Welt in den Briefen der Anna Hess, die deren Geschichte erzählten.

Zunächst wollte kein Verlag dieses Buch mit den Briefen herausbringen. Den einen war es zu unpolitisch, den anderen zu politisch. Über das Internet habe ich schließlich den Verleger Andreas von Stedman gefunden – er hat den Wert dieser Briefe erkannt. Er war sofort angetan von dieser sehr besonderen, leisen und humorvollen Frau, die hinter diesen Briefen steckt.

AUsstellung Als Malerin bin ich absolute Autodidaktin. Von meinem Vater war ich ein wenig an die Collage herangeführt worden, weil er völlig vernarrt in Kurt Schwitters war, und von meiner Mutter ans Zeichnen, das sie an der Kunst- und Gewerbeschule in Basel gelernt hatte. Ich hingegen war immer sehr technikaffin und habe schon früh entdeckt, dass man auch mit dem Computer zeichnen kann. Ich fing an, mit Maus und Bildschirm zu experimentieren. Seither ist das mein Medium. Mir gefällt daran, dass man in Schichten arbeiten, Geschichten erzählen und tief in eine Sache hineinblicken kann.

Man fängt an zu schauen, und man entdeckt so vieles, was in Worten gar nicht auszudrücken ist. In meinen Bildern zum Thema Schoa, von denen vor Corona einige in Hamburg ausgestellt waren, gibt es immer einen Funken Hoffnung. Meine letzte Ausstellung vor Corona von Oktober bis November in der Hauptkirche St. Nicolai trug den Titel »Jedes Dasein«. Sie war nach dem Buch mit den Briefen meiner Urgroßmutter ein thematischer Schlusspunkt.

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