Europäischer Tag der jüdischen Kultur

In allen Facetten

Der »Europäische Tag der jüdischen Kultur« (EDJC) wird bereits zum 18. Mal veranstaltet. Foto: imago

Der »Europäische Tag der jüdischen Kultur« (EDJC) wird am kommenden Sonntag schon zum 18. Mal veranstaltet. Begonnen hatte er mit einer Idee von B’nai B’rith Strasbourg. Gemeinsam mit dem Tourismusamt des niederrheinischen Département Bas‐Rhin wurde am 5. September 1996 ein jüdischer Kulturtag mit reichhaltigem Programm begangen – auch als Reaktion auf die Anregungen zahlreicher Touristen, die gern mehr über die Geschichte der Juden im Elsass erfahren wollten.

Schnell wurde aus der lokalen Veranstaltung, die zahlreiche Besucher anlockte, links und dann auch rechts des Rheins, ein europäisches Event, das immer am ersten Sonntag im September stattfindet. Im Jahr 2016 nahmen schon mehr als 324 Städte in 33, nicht nur in der Europäischen Union organisierten, Ländern am Kulturtag teil, insgesamt nutzten rund 170.000 Menschen die 887 Angebote.

Und das soll noch lange nicht alles sein, wie François Moyse, ehemaliger Präsident der jüdischen Gemeinschaft in Luxemburg und heutiger Vorsitzender der Europäischen Vereinigung für die Bewahrung und Förderung von Kultur und Erbe des Judentums (AEPJ), kürzlich betonte: »Die geografische Expansion ist noch nicht vorbei.« Die bislang fehlenden EU‐Mitgliedstaaten, unter anderem Finnland und Ungarn, »werden hoffentlich bald auch teilnehmen«, so Moyse.

Man habe außerdem damit begonnen, über eine Ausweitung des jüdischen Kulturtages über Europa hinaus zu diskutieren, sagt Moyse. Man werde »jede Möglichkeit dazu nutzen«. Das Interesse am jüdischen Erbe sei heute jedenfalls viel größer als in den vergangenen Jahrzehnten, »und das sowohl bei Juden als auch bei Nichtjuden«.

Sefardim Die »European Association for the Preservation and Promotion of Jewish Culture and Heritage«, wie die AEPJ international heißt, koordiniert und organisiert die Tage vom spanischen Girona aus und besteht aus sechs Institutionen. Neben B’nai B’rith Europe sind dies unter anderem »Red de Juderías de España«, das Netzwerk jüdischer Städte in Spanien, das sich besonders mit sefardischen Migrationswegen beschäftigt, sowie der französische Fonds Social Juif Unifié. Für die verschiedenen Teilnehmerländer sind dort spezielle Koordinatoren zuständig, die die Landessprache sprechen und sich mit den Gegebenheiten vor Ort auskennen.

Der Kulturtag findet seit 2001 jedes Jahr unter einem anderen Motto statt – wohl auch, damit das Programm sich nicht auf Konzerte von Klezmer‐Bands und Synagogenführungen beschränkt, sondern Interessierte nach und nach mit allen Facetten des Judentums bekannt macht.

Seither treffen sich die Verantwortlichen alljährlich in einem anderen europäischen Land, um unter anderem das Motto des folgenden Events festzulegen. 2001 lautete es »Judentum und Kunst«. Es folgten Themen wie »Der jüdische Kalender«, »Pessach«, »Das Erbe jüdischen Kochens« oder 2014 »Frauen im Judentum«. In diesem Jahr ist es »Diaspora«.

Dauerausstellung In Deutschland wird der Tag offiziell erst seit zwei Jahren begangen, aber inoffiziell hatten zuvor schon Veranstaltungen an diesem ersten Septembersonntag stattgefunden. Bereits 2009 hatte der Landschaftsverband Rheinland im Rahmen des jüdischen Kulturtages das »Kulturhaus Landsynagoge Rödingen« eröffnet, wo seither unter anderem eine Dauerausstellung über jüdisches Leben in Nordrhein‐Westfalen gezeigt wird. In Hamburg hatten die dortige jüdische Gemeinde und das »Kunsthaus Finkels, Jüdischer Kulturverein« sich damals ebenfalls zum ersten Mal am »International Day of Jewish Culture« beteiligt.

Acht Jahre später findet das europäische Event bereits in mehr als 70 deutschen Städten und Ortschaften statt – Schwerpunkt mit mehr als der Hälfte der Veranstaltungen ist Baden‐Württemberg, in Zusammenarbeit mit der dortigen Landeszentrale für politische Bildung. Von A wie Altenstadt (Schwaben), wo am 3. September unter anderem ein Vortrag zum Thema »Der gute Ort – Heimat in der Diaspora« stattfindet, bis W wie Wiesloch sind es vor allem kleine deutsche Städte, in denen der Kulturtag begangen wird – allerdings nicht immer mit jüdischer Beteiligung.

Neben vielen jüdischen Museen, Begegnungsstätten und ehemaligen Synagogen beteiligen sich die Gemeinden in Baden‐Baden, Emmendingen, Esslingen, Heidelberg, Karlsruhe, Lörrach, Pforzheim, Stuttgart und Ulm direkt an den Veranstaltungen und stellen Räume zur Verfügung.

Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Köln bieten hingegen keine Veranstaltungen an, im Gegensatz zu München, wo gleich vier Angebote gemacht werden, unter anderem ein großer Floh‐ und Informationsmarkt im Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde.

Jubiläen Oft wird der Kulturtag in den Teilnehmerländern auch mit besonderen Jubiläen verbunden, wie dieses Jahr in Großbritannien, wo im Herbst der 100. Jahrestag der »Balfour Declaration« gefeiert wird, die letztlich die Schaffung des Staates Israel ermöglichte. Zahlreiche Veranstaltungen werden an diesem 3. September nun auch an dieses Datum erinnern.

Aber nicht nur in den großen europäischen Ländern, in denen viele Juden leben, wird der Kulturtag begangen: In diesem Jahr ist beispielsweise Rumänien zum ersten Mal dabei. Und damit auch die Kleinstadt Moinesti, in der 1899 die Hälfte der Einwohner Juden waren und in der es von Gebetshäusern über eine Mikwe bis hin zu Schulen für Jungen und Mädchen eine funktionierende jüdische Infrastruktur gab.

Über Kleinstädte wie Moinesti sagte der Rabbiner Solomon Sapira einst: »Diese kleinen Schtetl im Fürstentum Moldau, von Gott vergessen, waren immer ein Brunnen der Kultur.« Nun präsentiert man dort am Kulturtag stolz die 2014 restaurierte Synagoge, und es werden Lesungen von Texten lokaler jüdischer Autoren veranstaltet. Im schottischen Inverness wird ein Vortrag über die kleinen schottisch‐jüdischen Communities angeboten, inklusive koscherem Büffet. Im serbischen Novi Sad lädt die örtliche Synagoge zum Konzert, in Slowenien finden gleich in sechs Städten Ausstellungen, Lesungen und Vorträge statt.

Oslo Besondere Mühe hat man sich in Oslo gegeben, wo bewusst eine eher untypische Stadtführung angeboten wird, bei der weder die Synagoge noch der jüdische Friedhof besucht werden. Stattdessen wird die Geschichte der norwegischen Juden in der Diaspora während eines Spaziergangs »på Karl Johan« erklärt und nachvollzogen, also mitten auf der Karl‐Johans‐Gate, der zum königlichen Schloss führenden Flaniermeile des Landes. Namensgeber des Boulevards ist der schwedische und norwegische König Karl XIV. Johan.

Als Jean Baptiste Bernadotte in Frankreich geboren und 1818 zum König beider Länder gekrönt, hatte der ehemalige General 1838 alle Gesetze, die Juden diskriminierten, aufgehoben und dafür gesorgt, dass sie offiziell »als schwedische Bürger mosaischen Glaubens« bezeichnet wurden. Für die Führung geworben wird mit einem Bild, auf dem die Osloer Statue des Königs neben der israelischen Fahne zu sehen ist.

Das Interesse, auch einen Beitrag zu den jüdischen Kulturtagen zu leisten, wird in Deutschland vermutlich immer größer werden. Zumal das Mitmachen ausgesprochen einfach ist: Beteiligen kann sich jede jüdische Gemeinde und Einrichtung. Aber auch interessierte nichtjüdische Institutionen sowie Museen, Städte und Dörfer werden vom EDJC explizit aufgefordert, sich unter der E‐Mail‐Adresse edjc@jewishheritage.org zu melden, um unter anderem Hilfestellung bei der Planung eines passenden Programms zu erhalten.

Durch die Kooperation mit der israelischen Nationalbibliothek kann eine zum jeweiligen Thema passende multimediale Ausstellung mit Videos sowie Abbildungen historischer Gemälde, Fotos und Dokumente angeboten werden – zwar auf Englisch, aber Interessenten bekommen die Texte vorab, um sie in ihre jeweiligen Landessprachen zu übersetzen.

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