Tagung

Im Zentrum der Stadtgesellschaft

Moderierte die abschließende Podiumsdiskussion: Doron Kiesel mit Gästen Gila Baumöhl, Harry Schnabel und Sara Soussan (v.l.) Foto: Rafael Herlich

Am Dienstagabend ging in der Frankfurter Goethe-Universität eine hochkarätig und international besetzte Konferenz zu Ende, die sich mit der Geschichte des jüdischen Frankfurt von 1933 bis 1990 beschäftigt hat. Die durchgängig gut besuchte Veranstaltung mit über 20 Vorträgen machte deutlich, dass sich die Mainmetropole trotz der Vernichtung der Gemeinde und fragilen Anfängen nach 1945 heute zu einem der wichtigsten Zentren des Judentums in Deutschland entwickelt hat.

Die Tagung fand im Rahmen des Projekts »Synagogengedenkbuch Hessen« statt und war eine Kooperationsveranstaltung: Beteiligt waren das Fritz Bauer Institut, die Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Universität, das Jüdische Museum Frankfurt, die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden und das Institut für Christlich-Jüdische Studien und Beziehungen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Gefördert wurde die Veranstaltung vom hessischen Kultusministerium.

Bereits am Sonntag hatten die Organisatoren Stefan Vogt (Goethe-Universität Frankfurt) und Tobias Freimüller vom Fritz Bauer Institut eine große Zahl von Interessierten im Casino-Festsaal der Goethe-Universität begrüßt, ebenso wie deren Vizepräsidentin Christiane Thompson und Harry Schnabel von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Intellektuelle Nach einer umfassenden Einführung durch Mirjam Wenzel vom Jüdischen Museum Frankfurt machte der erste Keynote-Vortrag der Veranstaltung deutlich, welche herausragende Stellung Frankfurter Juden in der intellektuellen Welt Deutschlands und weit darüber hinaus vor 1933 einnahmen. In seinem Beitrag »Before the Catastrophe« zeigte der renommierte Historiker Steven E. Aschheim von der Hebräischen Universität Jerusalem auf, dass die Frankfurter Intellektuellen – genannt seien Martin Buber, Franz Rosenzweig und Theodor W. Adorno – ganz unterschiedlichen geistigen Strömungen zuzuordnen sind.

Auf die Frage nach dem »gemeinsamen Nenner« der Intellektuellen antwortete Aschheim mit dem Begriff der »Affinity«, den der Historiker mit »Wahlverwandtschaft« übersetzte. Wesentlich für das Leben und Wirken der Frankfurter jüdischen Intellektuellen vor 1933 sei ihr Netzwerken gewesen, das Aschheim plastisch vorstellte, indem er zeigte, wer wen kannte und über wen jüdische Gelehrte einander kennenlernten.

Wesentlich für die Intellektuellen war ihr Netzwerken.

Der Hauptfokus der Tagung lag allerdings auf der Zeit zwischen 1933 und 1980. Auf die Bedrohung und Zerstörung jüdischen Lebens in der Mainmetropole gingen drei Panels ein: Die Sektion »Verfolgung im Nationalsozialismus« moderierte Gury Schneider-Ludorff (Augustana-Hochschule). In diesem Zusammenhang beleuchtete Heike Drummer (Jüdisches Museum) die Überlieferung und das Erinnern an die Pogrome in Frankfurt. Mit der Verfolgungspraxis und Verfolgungserfahrung am Beispiel jüdischer Kinder und Jugendlicher setzte sich Renate Hebauf auseinander. Die »Arisierung« in Frankfurt nahm Mirjam Schnorr (Fritz Bauer Institut) in den Blick.

lehrhaus Fani Gargova (Goethe-Universität) fragte nach den jüdischen Institutionen im NS-Staat. Während Katharina Rauschenberger (Fritz Bauer Institut) das Wirken der jüdischen Kunsthistoriker Hermann Gundersheimer und Guido Schoenberger am Museum jüdischer Altertümer beleuchtete, stellte Doron Kiesel, der Leiter der Bildungsabteilung, das jüdische Lehrhaus im Nationalsozialismus vor. Mit der Geschichte der Frankfurter jüdischen Gemeinde während des Nationalsozialismus setzte sich Helga Krohn auseinander.

Das dritte, von Mirjam Wenzel moderierte Panel ging den Spuren Frankfurter Jüdinnen und Juden im Exil nach. Liliana Ruth Feierstein (Humboldt-Universität) stellte das Leben Heinreich Lemles zwischen den Welten vor, und Eva-Maria Ziege (Universität Bayreuth) zeichnete die Goldstein-Debatte um die Stellung der Juden in der modernen Gesellschaft nach.

Es wurde deutlich, wie lebendig die Jüdische Gemeinde Frankfurt ist.


Mit dem Neuanfang jüdischen Lebens nach 1945 setzte sich das vierte, von Imanuel Clemens Schmidt (Goethe-Universität) moderierte Panel auseinander. Während Angelika Königseder (Zentrum für Antisemitismusforschung) das Leben im jüdischen DP-Lager Frankfurt-Zeilitzheim von 1945 bis 1946 vorstellte, zeichnete Rachel Heuberger (Goethe-Universität) das Schicksal der Judaika-Sammlung der Frankfurter Universitätsbibliothek in der NS-Zeit und nach 1945 nach. Michael Brenner, aus Washington zugeschaltet, entwarf eine jüdische Nachkriegsgeografie zwischen Föhrenwald, Düsseldorf und Berlin.

zeugen Die Auseinandersetzung mit der Verfolgungsgeschichte moderierte Tobias Freimüller (Fritz Bauer Institut). Während Benno Nietzel (Ruhr-Universität Bochum) die Rückerstattung jüdischer Unternehmen in Frankfurt nach 1945 untersuchte, setzte sich Katharina Stengel (Fritz Bauer Institut) mit den jüdischen Zeugen in den Auschwitz-Prozessen auseinander.

Das von Stefan Vogt moderierte Panel beleuchtete die jüdischen Intellektuellen in Frankfurt. Mit der jüdischen Gelehrsamkeit setzte sich Christian Wiese (Goethe-Universität) auseinander. Yael Kupferberg ging Max Horkheimers jüdischer Existenz als Erfahrung und Philosophie nach, und Sebastian Mueller (Jüdisches Museum Frankfurt) beleuchtete Arno Lustigers Leben in Frankfurt anhand seines Nachlasses.

Mit den Wegen zurück in das Zentrum der Stadtgesellschaft setzte sich das von Erik Riedel moderierte Panel auseinander. Alexandra Klei (Institut für die Geschichte der deutschen Juden) stellte das Wirken des Architekten Hermann Zvi Guttmann vor, und Zarin Aschrafi (Simon Dubnow Institut) machte auf die Bedeutung jüdischer Intellektueller in der Bundesrepublik der 80er-Jahre aufmerksam. Tobias Freimüller (Fritz Bauer Institut) lenkte den Blick auf die Fassbinder-Kontroverse und den Börneplatzkonflikt, und Fritz Backhaus (Deutsches Historisches Museum) beschäftigte sich mit der Gründungsgeschichte des Jüdischen Museums.

Die von Doron Kiesel moderierte Podiumsdiskussion machte deutlich, wie lebendig und offen die Jüdische Gemeinde Frankfurt ist. An dem Gespräch nahmen Sara Soussan (Jüdisches Museum), Gila Baumöhl (Zentralrat) und Harry Schnabel teil. Auf die Zukunft der – wie Soussan es nannte – »jüdischen Blase Frankfurt« darf man auch weiterhin gespannt sein.

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