Porträt der Woche

Ideale Kombination

»Ich wuchs säkular auf und entschied mich dann für die Orthodoxie«: Erik Erenbourg (27) lebt in Gießen. Foto: Herlich GbR

Porträt der Woche

Ideale Kombination

Erik Erenbourg koordiniert den deutsch-israelischen Freiwilligendienst und lebt religiös

von Annette Kanis  21.08.2021 21:59 Uhr

Als wir, meine Frau und unser kleiner Sohn, nach meinem Auslandssemester in Heidelberg letzten Herbst zurück nach Israel wollten, wurde unser Flug viermal gecancelt. Corona hat unsere Pläne geändert, wir sind in Deutschland geblieben. Jetzt bin ich seit Mitte Oktober bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) Projektkoordinator des Deutsch-Israelischen Freiwilligendienstes (DIFD) und arbeite auf vielen verschiedenen Ebenen.

Am meisten Spaß machen mir die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen, die Interviews und Gespräche sowie die Vorbereitungs- und Nachbereitungsseminare sowohl für die Incoming-, so nennen wir diejenigen, die aus Israel nach Deutschland kommen, als auch für die Outgoing-Freiwilligen, so nennen wir diejenigen, die aus Deutschland nach Israel kommen.

social media Vor zwei Wochen fand unser erstes Präsenzseminar für die Incomer wieder hier in Frankfurt statt, es ging um jüdisches Leben damals und heute. Außerdem bin ich für Social Media aktiv und versuche, ein paar neue Ideen einzubringen – wie zum Beispiel, die Alumni-Arbeit mit den Ehemaligen auszubauen. Dann arbeite ich mit verschiedenen Bundesministerien und -ämtern zusammen, die unser Projekt fördern.

Auf meiner Hochzeit waren auch arabische Muslime, Christen und Drusen eingeladen.

Ich bin Teil einer typisch jüdischen Familie, die in den 90er-Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam. Aufgewachsen bin ich in Gießen. Meine Mutter ist nicht jüdisch, die komplette Seite meines Vaters ist jüdisch. Ich bin in einem sehr säkularen Haushalt aufgewachsen. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, sind die Eltern meines Vaters, die auch in Deutschland lebten, religiös geworden. Ich hatte sehr viel Bezug zu ihnen während meiner Kindheit, weil meine Eltern beide in Frankfurt gearbeitet haben und ich oft die Nachmittage mit meinen Großeltern verbracht habe. So bekam ich Zugang zum religiösen jüdischen Leben. Halachisch, also vom jüdischen Gesetz her, war ich aber nicht jüdisch.

Nach dem Abitur studierte ich ein Jahr auf Lehramt, entschloss mich aber dann, nach Israel zu gehen. Da ich durch meine Großeltern sehr viel jüdische Tradition erhielt und mich so gut verbunden fühlte mit der Religion, stand für mich fest, dass ich orthodox konvertieren wollte. Ich habe einfach gefühlt, dass ich aus religiöser Sicht nicht komplett jüdisch bin, und wollte Giur machen.

Nachdem klar wurde, dass es in Deutschland kein organisiertes Programm für den Übertritt zum Judentum gab, hat mir mein langjähriger Religionslehrer eine Jeschiwa, eine jüdische Hochschule, in Jerusalem empfohlen, die ein extra Programm hat für Menschen, die konvertieren möchten. Im Sommer 2014 ging ich also nach Israel.

TOURGUIDE Mein Gedanke war zunächst: ein Jahr Jeschiwa und dann wieder zurück nach Deutschland. Aber ich war so überwältigt von Israel, dass ich mich entschloss, Alija zu machen. So kam ich mit 22 Jahren für längere Zeit nach Israel, es wurden insgesamt fünf Jahre. Zunächst noch für ein Jahr Jeschiwa, danach fing ich an zu studieren. Erst Lehramt, dann Internationale Beziehungen.

Der Studienfachwechsel kam dadurch zustande, dass ich als Tourguide in der Knesset gejobbt habe und mich das Thema Politik immer mehr interessiert hat. Im israelischen Parlament habe ich Touren für verschiedene Gruppen auf Englisch, Deutsch und Hebräisch durchgeführt, sowohl für Touristen als auch für offizielle Delegationen mit ausländischen und inländischen Politikern.

In Jerusalem habe ich in einer WG gewohnt und Ende 2017 meine jetzige Frau kennengelernt. Mitte 2018 haben wir geheiratet. Meine Frau ist in Israel in einer religiösen Familie aufgewachsen. Sie hat damals Biologie studiert. Im Sommer 2019 wurde ich für ein Auslandssemester in Heidelberg angenommen, hier wurde im Oktober dann unser Sohn geboren.

Nach dem Semester wollten wir im Februar 2020 eigentlich zurück nach Israel. Dann kam Corona, und nichts ging mehr. Unser Plan war, ein weiteres halbes Jahr in Heidelberg zu bleiben, aber als wir dann wieder nicht zurück konnten, beschlossen wir, in Deutschland Arbeit zu suchen. Also sind wir zu meinem Vater nach Gießen gezogen.

SPRACHEN Durch einen Zufall bin ich dann auf die Stelle bei der ZWST gestoßen. Vor meinem Studium hat mich Politik nur wenig interessiert, aber während der Zeit in der Knesset wuchs das Interesse. Ich habe mich wohlgefühlt in diesem Bereich von Mehrsprachigkeit und Internationalität. Mein Wunsch war, zu jüdisch-deutschen Themen zu arbeiten oder zu Deutschland-Israel-Beziehungen.

In dem Projekt, das ich jetzt verantworte, kommt alles zusammen. Und ich kann auch alle meine drei Sprachen – Deutsch, Englisch, Hebräisch – einbringen. Die Arbeit ist super interessant, manchmal super intensiv, aber macht sehr viel Spaß.

Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich eher israelisch als deutsch.

In Israel war es einfacher als religiös lebender Jude. Ich hatte in meinem Leben immer diesen Drang, mich wohler als Jude in meiner Umgebung zu fühlen, ohne Probleme, mit der Kippa rauszugehen und überall eine Synagoge, überall koscheres Essen zu haben. Dafür sind die Strukturen in Israel vorhanden. Ich habe mich dort einfach wohlgefühlt. Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, fühle ich mich eher israelisch als deutsch.

KIPPA Die Mentalität und die jüdische Umgebung reizen mich weiterhin an Israel. Es klappt natürlich auch in Deutschland, als religiöse jüdische Familie zu leben, aber es gibt auf jeden Fall mehr Herausforderungen. Zum Beispiel, andere religiöse Familien in unserem Alter kennenzulernen oder religiöse jüdische Bildung zu finden.

Ich meine jetzt noch nicht einmal Antisemitismus, eher dieses Gefühl, in Deutschland Teil einer Minderheit zu sein, die immer noch nicht so akzeptiert wird, wie sie eigentlich akzeptiert werden sollte. Ich kann nicht überall draußen mit der Kippa herumlaufen, ich trage eine Mütze darüber, das riskiere ich nicht. In Israel bist du als Jude Teil der Mehrheit und fühlst dich einfach frei. Du kannst der säkularste, aber auch der allerreligiöseste Jude sein, es spielt keine Rolle. Keiner wird komisch auf dich gucken, wenn du dort eine Kippa trägst.

Ich bin glücklicherweise ohne antisemitische Vorfälle aufgewachsen. Meine Mitschüler auf der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe wussten alle, dass ich jüdisch bin, ich habe mich nicht versteckt und hatte nie irgendwelche konkreten oder auch gewalttätigen Angriffe.

Sprüche sind schon ab und zu gefallen, aber ich habe dann einfach nicht darauf reagiert. In den Medien bekomme ich natürlich viel mit über Antisemitismus in Deutschland.

GESELLSCHAFT Als ich in der Knesset als Tourguide gearbeitet habe, habe ich die israelische Gesellschaft sehr gut kennengelernt. Vorher in der Jeschiwa war das Leben wie in einer Blase. Und dann kam ich an einen Ort, der alle Gesellschaftsschichten vereint.

Unter den Mitarbeitern gab es arabisch-muslimische und arabisch-christliche Studenten, russische und amerikanische, säkulare, traditionelle und religiöse Juden, Juden aus Äthiopien, aus Europa, wir hatten linke und rechte Israelis. Diese Vielfalt hat mir wirklich einen sehr guten Einblick in die israelische Gesellschaft gegeben. Und ich habe sehr gute Freundschaften geknüpft.

Was meine Frau und ich gerne am Schabbat machen: Wir fahren an verschiedene Orte, um in verschiedenen Gemeinden den Schabbat zu feiern.

Ich finde, die individuelle Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern in Israel sollte mehr gezeigt werden. Natürlich gab es auch bei unserer Arbeit in der Knesset immer mal wieder Auseinandersetzungen, wenn es um Politik ging, aber man hat sich immer respektiert.

Ich habe auch viele meiner Kollegen zu meiner Hochzeit eingeladen. Auf einer religiösen jüdischen Hochzeit waren dann auch arabische Muslime, Christen, Drusen, einfach Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftsebenen.

SCHABBAT Als Kind und Jugendlicher habe ich lange Zeit Klavier gespielt, das würde ich gerne wieder aktivieren. Mit Vollzeitstelle und einem kleinen Kind konzentriere ich mich im Moment nach der Arbeit voll und ganz auf die Familie. Wenn ich nach Hause komme, will ich auf jeden Fall für sie da sein.

Was meine Frau und ich gerne am Schabbat machen: Wir fahren an verschiedene Orte, um in verschiedenen Gemeinden den Schabbat zu feiern und manchmal auch als Vorbeter und Tora-Vorleser tätig zu sein. Und kürzlich waren wir endlich wieder in Israel. Es ist ein schöner Ausgleich, dort Familie und Freunde zu besuchen.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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