Porträt der Woche

»Ich will mich nicht verstecken«

»Mit dem, was ich mache, möchte ich anderen etwas zurückgeben«: Julian Deterding lebt in Münster und Düsseldorf. Foto: Jochen Linz

Als Info in meinem Facebook-Account steht: jüdischer Aktivist. Ich finde es wichtig, sich dazu zu bekennen, weil es einfach so wenige Menschen gibt, objektiv von den Zahlen her, die tatsächlich jüdisch sind. Als die ganzen neuen stärkeren Antisemitismuswellen aufkamen, war das immer schon meine Art. Ich würde nicht sagen, dass ich das größte Selbstbewusstsein habe, aber ich will mich nicht verstecken. Natürlich gab es die einen oder anderen bösen Kommentare, Nachrichten, Bemerkungen, aber das tangiert mich mittlerweile nicht mehr.

Diskussion Ich weiß, dass es Antisemitismus gibt. Aber ich halte mir damit schon mal die Allerschlimmsten fern, und die anderen reagieren dann eigentlich sehr neugierig und fragen nach. Jüdisch zu sein, ist etwas, das zu mir als Persönlichkeit gehört, wofür ich stehe und mich engagiere. Zum einen im Internet, indem ich mich an Diskussionen beteilige, zum anderen im Alltag bei Begegnungen mit anderen.

Meine Mutter wurde 1950 geboren. Sie gehört zu dieser Generation, die sich damals sehr geschämt hat, die Wurzeln offen zu zeigen. Manche ihrer Lehrer wussten es, da gab es Anfeindungen, Diskriminierungen. Und meine Großeltern hatten Probleme damit, als meine Mutter sich dann in einen nichtjüdischen Deutschen verliebte. Da wurde dann natürlich auch gefragt, wie die Verbindung zum Nationalsozialismus war.

Der jüdische Background war immer sehr präsent bei mir.

Der jüdische Background war immer sehr präsent bei mir. Dass ich mich wirklich dafür einsetze, mich selbst entdeckt habe, kam erst in der Oberstufe, als ich Hebräischunterricht hatte. Dadurch bin ich mit fünf aktiven Gemeindemitgliedern in Kontakt gekommen. Wir saßen da ja nicht nur und haben Hebräisch gelernt und Texte übersetzt, sondern es war auch ganz viel Kennenlernen. Man ist in dem Kurs so eine Art Familie geworden. Dann hat mich eine Freundin auch mal öfter mit in die Gemeinde genommen, zur Gemeindearbeit. Es hat mich sehr interessiert.

TAGLIT Der absolute Durchbruch kam dann mit meiner Taglit-Reise, als ich Israel aus einer Perspektive kennenlernte, wie man sie als normaler Tourist nicht hat. Ich hatte sofort an Tag eins eine Connection zu dem Land, zu den Leuten. Das Thema wurde mir auch im politischen Kontext sehr wichtig. Ich finde, jeder sollte die Chance haben, sich und seine Wurzeln kennenzulernen.

In meiner Familie bin ich der am meisten jüdisch Interessierte. Und der, der es auch nach außen trägt. Meine Mutter ist nicht unbedingt immer glücklich darüber, aber ich hatte halt immer meinen eigenen Kopf.

In Münster habe ich eine jüdische Hochschulgruppe geleitet.

Ich kann auch ihre Gedankengänge total nachvollziehen, dass sie sagt, wenn man sich in Deutschland fürs Judentum engagiert oder sich dazu bekennt, dann birgt das eine gewisse Gefahr, man ist nicht Teil einer Mehrheitsgesellschaft. Ich kann das nachvollziehen, weil sie selbst diese Sozialisation erlebt hat, und ich glaube, wenn ich 1950 geboren wäre, dann hätte ich nochmal anders darüber gedacht.

ZUSAMMENHALT Ich trage einen Davidstern an der Kette. Darauf werde ich manchmal angesprochen. Wenn Leute mit einer Kreuzkette herumlaufen oder ein Kopftuch tragen können, warum sollte jemand nur aus Angst keinen Davidstern tragen können? Es ist Teil meiner Identität. Dafür braucht man das Bewusstsein, auch mit Gegenreaktionen klarzukommen.

Einen Vorteil der Diaspora sehe ich darin, dass oft der Zusammenhalt sehr stark ist. Irgendwie fühlt man sich als Teil einer sehr großen Familie – bei der man nicht unbedingt jeden kennt, aber zusammengehört. Das gefällt mir sehr gut. Man hat natürlich Israel als Back-up, wenn irgendetwas ist, kann man dorthin.

Weil mir in der Schule viele Fächer Spaß machten, wusste ich lange Zeit nicht so genau, was ich damit machen will.

Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen und studiere jetzt in Münster Zahnmedizin. Die Semesterferien über bin ich hauptsächlich in Düsseldorf, während des Semesters bin ich am Wochenende immer hier. Ich verbringe durchaus sehr viel Zeit in Zügen. Früher hat mein Freund in Köln gewohnt, da kamen diese Wege noch dazu. Aber mittlerweile lebt auch er in Düsseldorf. In der Schulzeit war ich gefühlt an fast allem interessiert. Mir hat die Schule sehr viel Spaß gemacht. Mir hat auch das Lernen Spaß gemacht.

Ich hatte gute Freunde dort, die Lehrer waren toll – ich habe fast nur positive Erinnerungen an meine Schulzeit. Und mir hat auch fast alles an Fächern Spaß gemacht. Deswegen wusste ich lange Zeit nicht so genau, was ich damit machen will. Zuerst wollte ich Lehrer werden. Dann habe ich aber vier Semester Jura studiert.

POLITIK Das hing auch damit zusammen, dass ich mich politisch engagiere. Als Jugendlicher bin ich zu den Jungen Liberalen gegangen. Wenn man so frisch in eine Partei eintritt und politisch aktiv ist, will man ja irgendwie sofort die Welt verändern, total durchstarten. Und viele Politiker sind Juristen.

Im Studium war ich mittelmäßig gut, mich haben nur die Sachen interessiert, die unmittelbar etwas mit Politik zu tun hatten. Verfassungsrecht fand ich sehr gut, da habe ich auch als studentische Hilfskraft gearbeitet. Aber dieser ganze andere Bereich, was Zivilrecht und Strafrecht anging, damit habe ich mich echt schwergetan. Nach einigen Praktika habe ich gemerkt, dass der Anwaltsberuf doch nichts für mich ist. Eher durch einen Zufall, durch meinen Zahnarzt, bin ich dann zur Zahnmedizin gekommen. Ich bin immer gerne zum Zahnarzt gegangen, fand das irgendwie nie schlimm.

Dann habe ich ein Kurzpraktikum bei meinem Zahnarzt gemacht und gedacht: Warum nicht? Handwerklich hast du nicht zwei linke Hände, naturwissenschaftlich war ich immer ganz gut. Dann habe ich mir ein paar Vorlesungen angeguckt an der Uni Düsseldorf und dachte, eigentlich finde ich das echt cool. Und ich bin dabeigeblieben und bin auch zufrieden.

NGO Jetzt, so kurz vor dem Studienende, wollte ich gern etwas zurückgeben und etwas anderes kennenlernen. Deswegen bin ich Anfang des Jahres mit einem Freund und einer Freundin nach Nepal gereist, um in einem Krankenhaus in Kathmandu zu arbeiten, das als NGO aufgezogen ist.

Nepal ist ja ein relativ armes Land und hat nicht so ein gutes Gesundheitssystem. Drei Wochen arbeiten und dann noch dreieinhalb Wochen durchs Land reisen, so war der Plan. Dadurch habe ich noch mehr Einblick in den Alltag der Menschen bekommen und in das, was das Land ausmacht. Von arm bis reich – wir haben viele Lebensgeschichten gehört, das habe ich selten auf einer Reise erlebt, und das war sehr, sehr bewegend.

Anfang des Jahres habe ich in einem Krankenhaus in Kathmandu gearbeitet.

Es war eine super tolle Zeit, ich habe das sehr genossen. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, in einem Jahr, würde mich das auch noch einmal reizen. Vielleicht wieder Nepal oder ein anderes Land. Da bin ich offen. Es reizt mich, das, was ich gelernt habe, anderen zu geben und etwas Gutes mit dem Beruf anzufangen.

ANLIEGEN Ins jüdisch aktive Milieu bin ich durch Freunde und Bekannte gekommen. In Münster habe ich die jüdische Hochschulgruppe mitgeleitet und Programme mitgestaltet. Seit meiner Israelreise 2014 engagiere ich mich bei Taglit, versuche da jetzt auch, Leute anzuwerben und zu helfen, eine Verbindung zu dem Land aufzubauen. Und über diese Geschichte habe ich dann Leute kennengelernt, die »Meet a Jew« organisieren, ein Begegnungsprojekt für Schulen, Kirchen, Flüchtlingsinitiativen, Bildungseinrichtungen. Dieser Austausch, diese Begegnungen sind mir ein Herzensanliegen.

Ich komme aus einem sehr politischen Haushalt. Meine Eltern waren nie in einer Partei, aber Politik war immer Gesprächsthema: Ich habe vier deutlich ältere Geschwister, und wenn sieben Leute am Abendbrottisch zusammensitzen, die sich über Schule, Uni und Politik unterhalten, dann entwickelt sich da früh ein Interesse.

Wenn sieben Leute am Abendbrottisch zusammensitzen, die sich über Schule, Uni und Politik unterhalten, dann entwickelt sich da früh ein Interesse.

Irgendwann wollte ich selbst mitreden. Mit 16 habe ich mich umgeguckt, bei der Jungen Union, den Jusos. Bei den Jungen Liberalen haben mich die Inhalte am meisten angesprochen. Gerade, was die Abgrenzung zu religiösem und politischem Extremismus angeht – das war und ist mir wichtig.

In der FDP selbst spielt mein Jüdischsein keine Rolle. Ich bin jetzt nicht bundespolitisch aktiv, daher kann ich nicht sagen, wie es wäre, wenn ich in der sächsischen oder bayerischen FDP wäre. Ich bin ja vor allem in Düsseldorf aktiv. Da ist es kein Thema. Die Leute hier sind sehr offen, sehr interessiert.

FREIZEIT Neben Studium und kommunaler Parteiarbeit mache ich natürlich die üblichen Dinge, die junge Leute machen. Ich gehe auch gerne mit anderen essen, auf Kulturveranstaltungen, reise gerne, Sport mache ich auch. Früher war ich sehr fitnessstudiobegeistert, das ist mit dem ganzen Engagement jetzt ein bisschen schwierig. Deswegen mache ich jetzt mehr Outdooraktivitäten. Weil ich das besser einteilen kann, wie ich Zeit und Lust habe. Sonst ist die Freizeit tatsächlich mit dem Ehrenamt verbunden. Zum einen durch die Partei, zum anderen durch das jüdische Engagement.

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