Porträt der Woche

»Ich will Kinderrechte stärken«

Vera Katona ist Soziologin und bildet Erzieherinnen in jüdischen Kitas fort

von Annette Kanis  31.07.2021 22:19 Uhr

»Wir müssen hier und heute leben – das hat die Zeit gezeigt«: Vera Katona lebt in Köln. Foto: privat

Vera Katona ist Soziologin und bildet Erzieherinnen in jüdischen Kitas fort

von Annette Kanis  31.07.2021 22:19 Uhr

Endlich geht es wieder los mit den Terminen vor Ort, in Kindertagesstätten in Bochum und Köln. Das sind die ersten zwei Fortbildungen, die ich tatsächlich wieder in Präsenz machen kann, und ich freue mich unglaublich darauf. Ich bin Projektleiterin von »Atid«. Atid heißt auf Hebräisch Zukunft. Das ist ein Projekt am Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Das Projekt konzipiert und führt Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte in jüdischen Kindergärten durch.

Wie beteiligt man Kinder und wie stärkt man Kitas, wenn es um Demokratie und Vielfalt geht? Diese Fragen sind zentrale Elemente in unserem Programm. Je nachdem, was gerade aktuell ist, geht es außerdem um Reflexion der eigenen pädagogischen Erfahrungen, um Partizipation, also Mitbestimmung von Kindern, um Kinderrechte und um Teambildung.

ROLLENSPIELE Es ist natürlich nicht so, dass die Erzieherinnen dann vor mir sitzen, und ich einen Vortrag halte. Vielmehr sind wir in einem Gespräch miteinander, machen Rollenspiele, wir denken an unsere eigenen Erfahrungen und versuchen, diese mit einzubeziehen. Es ist kein Frontalunterricht, sondern eine Interaktion, und die Teilnehmerinnen werden emotional einbezogen. Ich bin davon überzeugt, dass man am besten lernt, wenn man emotional involviert ist und mitmachen darf.

Seit 2017, als Atid entstand, bin ich dabei. Es klingt zwar banal, aber Kinder sind nun einmal unsere Zukunft. Und ich habe durch Atid die Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten, wenn ich mit pädagogischen Fachkräften spreche und mit ihnen gemeinsam überlege, wie man die Kinder am besten beteiligen kann. Das ist eine faszinierende Aufgabe.

Aus Moskau kommend, war mir in Deutschland anfangs jede Stadt zu klein.

Früher habe ich als Bildungsreferentin der Zentralwohlfahrtsstelle Fortbildungen im Erwachsenenbereich über Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit konzipiert und durchgeführt. Heute liegt mein Fokus auf den Kindern und der pädagogischen Arbeit mit ihnen.

Da wir leider so wenige jüdische Kindertagesstätten in Deutschland haben, kann ich mit jeder einzelnen Kita sprechen und auf den Bedarf der jeweiligen Kita eingehen. Das Projekt läuft zurzeit bis zum Jahr 2024, und ich hoffe, bis dahin mit jeder jüdischen Kita in Deutschland gearbeitet zu haben. Das ist mein Ziel für die nächsten Jahre.

NEUANFANG Ich lebe in Köln, aber arbeite bundesweit. Während der Corona-Zeit mussten wir lange Zeit alles von zu Hause aus machen, hatten alle Veranstaltungen und die Kommunikation auf Online umgestellt. Das fand ich nicht ganz zielführend, zumindest in dem, was ich mache. Bei Workshops, bei Interaktionen helfen reale Begegnungen viel mehr, wir brauchen schon Kontakt mit Menschen. Daher freue ich mich sehr, dass es jetzt seit Juli wieder losgeht mit den Präsenz-Veranstaltungen vor Ort und den realen Begegnungen.

Ich kam 1995 mit 19 Jahren von Moskau nach Deutschland, zunächst nach Thüringen, in ein kleines Dorf namens Aschara, das ist ein Ortsteil der Stadt Bad Langensalza. Die ersten Jahre habe ich mich alleine zurechtgefunden, meine Mutter kam erst später nach.

Ich suchte den Anschluss an die jüdische Gemeinde und wurde sehr warm empfangen. Ich fühlte mich in der Gemeinde aufgenommen. Und ich bekam die Chance, an einem Machane, einem Feriencamp, in Israel teilzunehmen. Das hat mich sehr stark geprägt. Davor war ich noch nie in Israel gewesen.

Die Eindrücke und Erlebnisse während des Machanes haben mich bestärkt in dem, was ich bin. In meiner Jugend hatte ich mich in Moskau zwar auch in jüdischen Organisationen engagiert, aber diese erste Reise nach Israel hat meine Sichtweise sehr geprägt, auch auf das Judentum und auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Das war ein sehr großer Schritt für mich damals.

Seit 2017 bin ich wieder zurück bei der ZWST und bin sehr, sehr glücklich darüber.

Außerdem habe ich in der Reisegruppe auch viele jüdische Jugendliche aus Deutschland kennengelernt. Ich konnte damals zwar noch nicht so gut Deutsch, aber wir konnten uns verständigen. Jedenfalls war es ein wirklich wunderbares, tolles Erlebnis.

STUDIUM Zurück aus Israel, habe ich mir Universitäten in ganz Deutschland angeschaut. Aus Moskau kommend, war mir in Deutschland jede Stadt zu klein. Berlin ist zwar auch nicht Moskau, aber schon groß. So fiel meine Wahl auf Berlin.

An der Freien Universität studierte ich schließlich nach anfänglichen Umwegen Osteuropastudien, Soziologie und Kunstgeschichte. Es war ein langer Weg, aber irgendwann habe ich das gefunden, was mich wirklich interessiert hat.

Und mein Studium der Soziologie hat mich dann auch letztendlich weitergebracht, weil ich mich noch während des Studiums an Projekten der ZWST beteiligt habe – als Teamerin und Bildungsreferentin.

ERWACHSENENBILDUNG Zunächst arbeitete ich mit Jugendlichen, später ging es dann um die Erwachsenenbildung. Dann lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen, er ist Kölner, und ich zog nach Köln. Hier habe ich einen kurzen Ausflug in die Wirtschaft gemacht. Als Personalberaterin habe ich Ingenieure für die Automobilindustrie gesucht. Etwas ganz anderes als zuvor.

Aber eigentlich kommt alles doch irgendwie zusammen, weil man auch als Personalberaterin eine gewisse Fähigkeit braucht, Menschen zuzuhören, Menschen einzuschätzen. Ich empfinde es als ein Puzzleteil des Ganzen, das mich auch weitergebracht hat.

Köln ist sehr freundlich, im Vergleich zu Moskau sowieso, aber auch im Vergleich zu Berlin.


Bis ich dann 2017 von einer ehemaligen Kollegin darauf angesprochen wurde, dass es ein Projekt gibt, das eigentlich sehr gut zu mir passen würde und das auch schon einen Namen habe: Atid. Seitdem bin ich wieder zurück bei der ZWST und bin sehr, sehr glücklich darüber. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas mache, was wirklich einen Sinn hat. Ich empfinde unsere Mitarbeit an den Kitas als enorm wichtig für die Gemeinden und für das jüdische Leben in Deutschland.

UMSTELLUNG Köln ist mittlerweile mein Zuhause. Wir wohnen in derselben Straße, in der mein Mann aufgewachsen ist, und ich musste mich gefühlt ewig lang daran gewöhnen, dass mich alle kennen und grüßen.

Das hat mich eine lange Zeit gestresst, weil ich das aus Moskau und auch aus Berlin nicht gewohnt war. Mittlerweile finde ich es angenehm. Es war für mich eine große Umstellung, die aber auch positive Seiten hat. Köln ist sehr freundlich, im Vergleich zu Moskau sowieso, aber auch im Vergleich zu Berlin. In Köln sind die Menschen insgesamt viel offener und gesprächsbereiter, so habe ich es jedenfalls erlebt. Irgendwie ist es anders, hier spricht jeder mit jedem, auch ohne Grund. Heute fühle ich mich in Köln sehr wohl, hier ist meine Tochter zur Welt gekommen, meine Mutter lebt seit Jahren auch hier.

Mein Bezug zu Moskau ist noch groß, ich habe dort noch Verwandte und viele Freunde, Klassenkameraden, mit denen ich mich regelmäßig treffe, und finde es schön, dass ich diese Verbindung noch behalten habe.

FREIZEIT Über meine Familie und die Familie meines Mannes haben wir auch einen großen Bezug zu Israel. Mit Ausnahme des letzten Jahres fahren wir einmal pro Jahr hin und besuchen alle der Reihe nach.

In meiner Freizeit spiele ich sehr gerne Tennis. Gerade versuche ich wieder reinzukommen, als Jugendliche habe ich viel Tennis gespielt. Das ist in den vergangenen Jahren ein bisschen eingeschlafen, und ich bin dabei, das zu reaktivieren. Außerdem singe ich im Gemeindechor. Wir haben in der Kölner Gemeinde einen Chor, der sich mit jüdischen und internationalen Liedern beschäftigt.

Meine Hoffnung für die nächste Zukunft ist, dass die Welt wieder ein bisschen normaler wird und Kinder zur Kita und zur Schule gehen können, dass man wieder reisen kann.

Davon abgesehen denke ich, wir müssen erst mal hier und heute leben. Wir können nicht planen – das hat die letzte Zeit gezeigt.

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