porträt der woche

»Ich will endlich arbeiten«

Tamilla Mahkamova studiert Wirtschaftspsychologie und setzt auf Veränderung

von Philipp Peyman Engel  11.03.2010 00:00 Uhr

Geht demnächst nach Israel, um ihre Masterarbeit zu schreiben: Tamilla Mahkamova (26) Foto: Alexandra Umbach

Tamilla Mahkamova studiert Wirtschaftspsychologie und setzt auf Veränderung

von Philipp Peyman Engel  11.03.2010 00:00 Uhr

Obwohl ich erst seit zwei Jahren in Deutschland lebe, habe ich hier bereits viele Erfahrungen gemacht. Nicht selten bin ich mit Vorurteilen und Intoleranz konfrontiert worden. Und nach wie vor habe ich oft das Gefühl, nicht differenziert wahrgenommen zu werden.

Gleichwohl stelle ich fest, dass auch ich nicht richtig zuhöre, wenn Menschen davon erzählen, was sie erlebt haben. Denn von Anfang an habe ich mich hier auf mich und mein eigenes Handeln konzentriert. Diese Phase muss vielleicht sein. Meine Strategie ist es, meine Umwelt nicht mit Worten davon zu überzeugen, dass ich etwas wert bin, sondern mit Taten.

Mittlerweile studiere ich in Bochum, lebe in einem universitären Umfeld und bin darüber sehr glücklich. Wenn ich in Seminaren gute Leistungen erbringe, bekomme ich Schwarz auf Weiß eine positive Rückmeldung. Das gefällt mir sehr.

usbekistan Alles in allem aber musste ich mich erst an die neue Umgebung gewöhnen, denn die Unterschiede zwischen Deutschland und Usbekistan sind groß. Das fängt beim Wetter an und hört bei der Lebensweise auf. Die Menschen hier bleiben immer für sich, man kennt nicht einmal seine eigenen Nachbarn. Manchmal beobachte ich in der U‐Bahn die Gesichter der anderen Fahrgäste und frage mich, warum viele von ihnen so bekümmert aussehen.

In Israel hingegen fremdele ich nicht. Dort habe ich mich sehr schnell zu Hause gefühlt; wahrscheinlich auch deshalb, weil Israel ein Einwanderungsland ist und viele Menschen dasselbe erlebt haben. Ich habe ein Jahr in der Stadt Cholon studiert, das war eine außerordentlich glückliche Zeit für mich. Auch wenn alles in Israel nicht so sicher ist wie hier, spürt man jeden Tag aufs Neue, wie lebendig und pulsierend das Leben ist. Ich finde, diese Erfahrung sollte jeder Diaspora‐Jude einmal machen. Es gibt zwar überall auf der Welt jüdische Organisationen, die einem dabei helfen, die Bindung zum Judentum aufrechtzuerhalten. Doch sie können eine Reise nach Israel nicht ersetzen.

Ich habe festgestellt, dass Deutschland und Israel in einem gleich sind: Sie haben sich beide innerhalb der letzten 60 Jahre unheimlich schnell, wenn auch auf unterschiedliche Weise, entwickelt. Vor einigen Wochen war ich wieder in Tel Aviv. Von meiner Zeit dort sind viele gute Kontakte geblieben. Ich komme jedes Mal mit neuen Ideen und Plänen zurück nach Deutschland. Auch aus diesem Grund werde ich meine Masterarbeit in Wirtschaftspsychologie demnächst in Israel schreiben.

herkunft Meine Heimat aber ist und bleibt Usbekistan, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. In Deutschland ist Usbekistan leider kaum bekannt. Es gibt das Vorurteil, dass das Land in jeder Hinsicht unterentwickelt sei. Das stimmt aber nicht. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich hier Leute aus Zentralasien treffe. Es sind ungemein kultivierte, herzliche und offene Menschen. Die Muslime dort sind religiös, ihr Glaube richtet sich aber nicht gegen andere. Das hat wohl auch mit dem Einfluss der Sowjetunion zu tun, in der man als Kommunist kollektivistisch gedacht hat. Ausgrenzungen oder gar Feindseligkeiten haben meine Familie und ich dort nicht ein einziges Mal erfahren.

Mein Herz hängt an diesem Land und seinen Menschen. Ohne die Hilfe Usbekistans würde es weder meine Familie noch mich geben. Denn nachdem es meinem Großvater 1941 gelungen war, aus seiner ukrainischen Heimat zu fliehen, war es Usbekistan, das ihn aufnahm. Tausende Familien aus Polen, Weißrussland und anderen osteuropäischen Ländern fanden dort ihr neues Zuhause. Allein in der Hauptstadt Taschkent lebten in den frühen 80er‐Jahren mehr als 250.000 Juden.

grosse liebe In Urgench, einer Stadt im Nordwesten des Landes, hat mein Großvater sich in eine Usbekin verliebt und sie geheiratet. Dass ein Jude eine muslimische Einheimische zur Frau nahm, war damals alles andere als üblich. Nach einiger Zeit zogen meine Großeltern nach Fergana im Osten des Landes, da lag der kulturelle Mittelpunkt der Region. Meine Großmutter arbeitete dort als Russischlehrerin und mein Großvater, wie zuvor in der Ukraine, als Psychologie‐ und Pädagogikdozent an der Universität. Die beiden führten eine glückliche Ehe. Viele bewunderten sie, denn sie lebten in großer Liebe und gegenseitiger Achtung. Als mein Großvater starb, gab die ganze Stadt ihm das letzte Geleit. Meine Großmutter hat ihn um mehr als 36 Jahre überlebt. Sie hat es geschafft, bei uns Enkelkindern ein deutliches Bild von ihm zu hinterlassen.

An der Universität, an der mein Großvater lehrte, habe ich mein Psychologiestudium absolviert. Danach habe ich zwei Jahre im Marketing und Personalmanagement eines Pharmaunternehmens in Taschkent gearbeitet. Vor drei Jahren dann wagte ich den Schritt, die Welt kennenzulernen und ein Jahr in Israel zu verbringen. Dort habe ich zum zweiten Mal studiert: Organisational Behavior nannte sich das Fach, das ist vergleichbar mit Arbeitspsychologie.

In Usbekistan haben wir uns im Studium an Russland orientiert. In Israel waren es die USA. Ich habe in diesem Jahr eine ganz andere Perspektive kennengelernt, was wichtig ist, wenn ich später in Israel oder Europa arbeiten werde.

Auswanderung Zurück nach Usbekistan möchte ich nicht. Schließlich bekamen meine Familie und ich erst vor zweieinhalb Jahren die Einladung in die Bundesrepublik. Wir hatten den Antrag vor langer Zeit gestellt und ihn schon fast vergessen. Im Gegensatz zum Großteil der Juden aus der Sowjetunion haben wir uns erst spät dazu entschlossen, das Land zu verlassen. Als in den 90er‐Jahren fast alle unsere jüdischen Nachbarn auswanderten, merkten wir, dass die meisten nicht wussten, was sie in Israel, Deutschland oder den USA überhaupt erwartete. Das wollten meine Eltern nicht. Deshalb sind wir erst einmal geblieben.

Für meine beiden Geschwister und mich war es einfacher als für meine Eltern, Usbekistan zu verlassen und nach Reutlingen zu ziehen. Das erste Jahr war schwierig für sie. Mittlerweile aber haben sie dort einige Freunde gefunden. Meine Mutter ist Ärztin. Zu Hause war sie hoch angesehen, hier hingegen muss sie ganz von vorn anfangen. Sie lernt mit großem Eifer Deutsch und wird bald an einem Programm für Mediziner teilnehmen. Wir hoffen sehr, dass es ihr weiterhelfen wird.

stolz Mein Vater ist Mathematiklehrer. Seine naturwissenschaftliche Begabung habe ich leider nicht geerbt, dafür aber viel von seiner Weltanschauung übernommen. Er ist weise und großzügig – ich bin sehr stolz auf ihn und auf meine Mutter. Sie sind für uns nach Deutschland gekommen, jetzt können sie sehen, dass es sich gelohnt hat und ihre Kinder erfolgreich sind.

Dass ich nun schon zum dritten Mal studiere, macht mir, auch wenn ich mich inhaltlich umstellen musste, nichts aus. In Usbekistan wurden vornehmlich die Klassiker der Psychologie gelehrt. In Deutschland legt man großen Wert auf Statistik, Methodenlehre und aktuelle Forschungsergebnisse. Das gefällt mir. Ich bin von Natur aus wissbegierig und möchte mich ständig weiterentwickeln. Ich glaube, Stillstand tut dem Menschen nicht gut.

Deshalb bin ich auch froh, mein Studium demnächst zu beenden. Ich möchte endlich praktisch arbeiten, Geld verdienen und all das, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, in die Tat umsetzen.

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