Porträt der Woche

»Ich war an vielen Orten«

Harry Raymon ist Schauspieler und erlebte als amerikanischer Soldat Marlene Dietrich

von Katrin Diehl  08.02.2021 10:05 Uhr

»Ich halte mich fit, vielleicht leide ich deshalb nicht so unter dem Lockdown«: Harry Raymon (95) aus München Foto: Christian Rudnik

Harry Raymon ist Schauspieler und erlebte als amerikanischer Soldat Marlene Dietrich

von Katrin Diehl  08.02.2021 10:05 Uhr

Anfang dieses Jahres hatte ich Geburtstag. 95 Jahre alt bin ich geworden. Und nein, ein normaler Geburtstag war das sicher nicht. Denn gerade, wenn es ein runder ist, lade ich ja schon gerne ein. Und es macht mir auch Spaß zu kochen. Aber das steht ja alles gerade überhaupt nicht zur Debatte. Ein Freund war da zu einem Glas Sekt. Und das war’s. Um halb elf abends bin ich ins Bett gegangen. Auch mein Bruder – er ist 98 und lebt in New Jersey – hatte es dieses Jahr vergessen, mich anzurufen.

Das Altwerden liegt bei uns wohl in den Genen. Meine Eltern wurden 93 und 96. Aber ich tue dafür auch schon etwas, mache schon ziemlich lange Fitnesstraining. Als junger Mann, während meiner Schauspielausbildung in New York, war es für mich wie eine Erleuchtung, als ich mitbekam, dass man Tanzen lernen kann. Man kann das lernen!

Von diesem Moment an stand ich wie ein Wahnsinniger an der Stange und habe Ballett gemacht und damit auch erst wieder aufgehört, als ich etwa 45 war. Dann begann ich mit Bodybuilding. So hieß das damals. Heute sagt man Fitnesstraining dazu, und das mache ich, nun ja, machte ich – bis Corona kam.

CORONA Ja, die Zeit gerade ist wirklich seltsam. Aber sie erzählt einem natürlich auch etwas über sich selbst. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass ich irgendwie viel weniger unter diesen ganzen Lockdown-Umständen leide als die meisten anderen.

Das hat allerdings auch mit der Jahreszeit zu tun. Es ist Winter, und ich hasse die Kälte. Ich empfinde sie als Feind. Und so benutze ich die Pandemie dafür, nicht ausgehen zu müssen. Gerade einmal in den Supermarkt um die Ecke und fertig. Ich wohne ja hier im Münchner Glockenbachviertel wirklich bequem.

Ich habe Marlon Brando kennengelernt und drehte mit Horst Buchholz.

Außerdem versuche ich, mich – ohnehin und unabhängig von Corona – schon seit einigen Jahren daran zu gewöhnen, allein leben zu müssen. Das ist und bleibt ein schmerzlicher Prozess. Ich hatte in meinem Leben einige Partnerschaften. Sie sind alle auseinandergegangen. Das bedrückt mich. Was bleibt, sind Erinnerungen und Geschichten.

HUNSRÜCK Geboren wurde ich 1926 in Kirchberg im Hunsrück. Mit gerade einmal zehn Jahren, Anfang 1936, bin ich mit den Eltern vor den Nazis nach Amerika geflohen. Wir hatten das Glück, dass dort bereits Familie lebte.

Die Schwester meines Papas, Tante Lina, war schon länger dort, sie hatte sich etwas für deutsche Juden schier Unglaubliches erlaubt: Sie hatte einen russischen Juden geheiratet! Der war sehr an Elektrosachen interessiert, mit dem Ergebnis, dass er nach wenigen Jahren eine Steckdosenfabrik hochziehen konnte und damit zum Millionär wurde, mit Villa in Miami und so.

Die reiche Tante holte uns also über den Atlantik und besorgte uns in New York, in Brooklyn, im 6. Stock eines Backsteingebäudes ein Apartment.
Mein Papa ging zum Arbeiten zuerst in diese Fabrik meines Onkels. Aber nach drei Jahren wollte er sich selbstständig machen, zusammen mit seinem Bruder David, mit dem er auch schon in Kirchberg ein Tuch- und Kleidergeschäft geführt hatte.

GENTLEMAN-FARMER Allerdings riet Onkel Isaak davon ab. »Zu viel Konkurrenz«, sagte er. Also suchte man nach einer Alternative. Und das war eine Hühnerfarm in New Jersey. Ohne einen Funken Ahnung zu haben, eröffnete mein Vater eine Hühnerfarm. Wir seien »Gentleman-Farmer«, so hat das meine Tante genannt.

Die Zeit dort auf der Farm, ohne Nachbarn in Reichweite, zwischen Tausenden von Hühnern und dem passenden Geruch dazu, hat mich geprägt. Ich war sehr alleine, fast isoliert. Denn Eltern unterhielten sich damals ja nicht wirklich mit ihren Kindern. Und mit meinem Bruder habe ich noch nie viel anfangen können. Er hat sich zu einem echten Amerikaner entwickelt, ich hingegen war eher ein Junge, der nicht einmal Baseball spielen konnte.

In dieser Zeit hat sich dieser Gefühlszustand in mir eingenistet, so ein Bedürfnis, nicht allein sein zu wollen. Ich ging in die Schule, lernte schnell Englisch und hatte keine Freunde.

Im September 1944 wurde ich eingezogen und kämpfte in Europa gegen die Nazis.

Im September 1944 wurde ich eingezogen. Ich kam zur Armee, und da gab es zum Frühstück erst einmal etwas Kräftiges. Ich hielt das zunächst für eine Art Rauchfleisch. Aber es war Schinken! Und so habe ich mit 18 Jahren zum ersten Mal Schweinefleisch gegessen. Und ich muss gestehen, es hat trotz der 18 Jahre religiöser Erziehung geschmeckt!

Heute würde ich sagen, dass ich ungläubig bin. Zwar Jude, aber ungläubig. Den größten Teil dieser vielen Verbote im Judentum finde ich, sagen wir mal so, nicht nachvollziehbar. Trotzdem gehöre ich der Münchner Jüdischen Gemeinde an. Dahinter verbirgt sich im Übrigen eine nächste Geschichte.

NACHKRIEGSZEIT Jedenfalls kämpfte ich in Europa gegen die Nazis, die mich als Kind aus meiner Heimat vertrieben hatten. Irgendwann war der Krieg vorüber, und wir Soldaten kamen in den Genuss der »G.I. Bill«, einer Verordnung, die den G.I.s, die im Zweiten Weltkrieg gedient hatten, zusicherte, sich die Zeit, die sie in Uniform gesteckt hatten, wieder zurückholen zu dürfen, indem sie sich in Bildungseinrichtungen einschrieben.

Für mich ergab das ein Stipendium über acht Semester. Ich wollte Schauspieler werden, ging dann später auch auf eine Schauspielschule in New York.

Zunächst saß ich aber erst einmal mit vielen anderen amerikanischen Soldaten in Europa fest, weil es einfach nicht genug Schiffe gab, um uns zurück in die Staaten zu bringen. Also hat man kurzerhand im südfranzösischen Biarritz eine Universität für uns G.I.s eingerichtet. Da ging ich hin und hörte wirklich zum ersten Mal von so etwas wie Kunstgeschichte, nahm zum ersten Mal Schauspielunterricht.

Und da erschien sie. Wie eine Göttin!

In diesen Tagen tingelte auch noch Marlene Dietrich durch die Lande, war auf Nachkriegstournee und machte dafür auch Halt in Biarritz. Ihre Show war etwas Besonderes. Vor allem zeigte sie ihre hoch versicherten Beine recht wirkungsvoll: Trommelwirbel, langsames Hochziehen der einen Rockseite. Rock wieder herunterlassen. Trommelwirbel. Langsames Hochziehen der anderen Rockseite. Vor allem hat es uns Studenten fast umgehauen, als es hieß, die Dietrich halte für uns Schauspielschüler eine »Lecture«, eine Vorlesung.

Und da erschien sie. Wie eine Göttin! Setzte sich vorne auf den Stuhl, schlug ein Bein über das andere und sagte: »Now ask me all you want to know.« Wunderbar.

STOLPERSTEINE Mein Leben hat mich an viele Orte gebracht. Ich habe Marlon Brando kennengelernt, habe mit Horst Buchholz gedreht, habe Modell gestanden, war Autor, Synchronübersetzer, Regisseur, Filmemacher, bin in Paris, Stuttgart, Berlin und schließlich in München gelandet.

Und jetzt, Ende des vergangenen Jahres, ist noch einmal ein Buch von mir erschienen. Es trägt den Titel anders von anfang an. Ich erzähle darin in einzelnen Stationen, aber nicht wirklich chronologisch aus meinem Leben.

Den Rahmen bildet eine Reise in meinen Geburtsort Kirchberg Ende 2017. Ich war dort als Zeitzeuge eingeladen – zur Verlegung von Stolpersteinen für meine Familie. Auf so einem glänzenden Stein steht also jetzt auch mein Name: Harry Heymann. Ich hieß nämlich schon immer Harry und nie Harald, wie man des Öfteren zu lesen bekommt. Aus Heymann habe ich später Raymon gemacht.

Bei der Befragungsrunde bin ich auf einmal zusammengebrochen. Warum, weiß ich bis heute nicht.

Während der Tage in Kirchberg war ziemlich viel los, die Verlegung der Steine, eine Lesung, eine Gesprächsrunde. Viel empfunden habe ich nicht dabei. Und trotzdem bin ich dann bei der Befragungsrunde auf einmal zusammengebrochen. Warum, weiß ich bis heute nicht.

QUILT Auf dem Titel meines Buches ist ein Stück von einem Quilt abgebildet, den ich genäht habe. Ich hatte hier in München einmal einen Volkshochschulkurs belegt, habe mir eine Nähmaschine geholt und losgenäht.

So ein Quilt hängt zum Beispiel auch bei mir im Wohnzimmer an der Wand, am Türrahmen zum Zimmer ist rechts eine Mesusa angebracht, und irgendwo steckt so ein Israelfähnchen aus Papier. Das ist noch aus der Zeit, als diese Gay-Pride-Paraden anfingen und wir uns hier als eine Gruppe zusammengetan hatten, und da wurden uns seltsamerweise diese Fähnchen in die Hand gedrückt.

In Israel war ich zweimal. Ist jetzt aber schon eine Weile her. Das letzte Mal mit einer Freundin. Wir hatten ein Auto gemietet. Sie fuhr. Doch leider war das Navi kaputt, und so fuhren wir immer irgendwie hin und her, die Straßenschilder waren nur auf Iwrit. Was soll ich sagen? Es ist gut und wichtig, dass es dieses Land gibt. Aber ich bin da ein Fremder.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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