Porträt der Woche

»Ich verwirkliche meine Ideen«

Hana Fischer hat in Köln den Kulturverein »Milch und Honig« mitbegründet

von Annette Kanis  23.05.2016 18:43 Uhr

»Ich weiß, dass Deutschland nicht meine Heimat ist«: Hana Fischer (35) kommt aus Belgrad. Foto: Jörn Neumann

Hana Fischer hat in Köln den Kulturverein »Milch und Honig« mitbegründet

von Annette Kanis  23.05.2016 18:43 Uhr

Mein Mann kommt aus Zagreb, ich aus Belgrad. Kennengelernt haben wir uns nach dem Jugoslawien-Krieg, als meine Eltern und ich 1998 erstmals wieder in Kroatien Urlaub machten. Seit 17 Jahren bin ich mittlerweile in Deutschland. In Tübingen habe ich Volkswirtschaftslehre studiert, danach wohnten mein Mann und ich in Saarbrücken, und seit 2007 leben wir in Köln. Ich habe eine Dreiviertelstelle an der Uni Köln am Historischen Institut für Mittlere und Neuere Geschichte und mache dort Verwaltungsarbeit für zwei Professoren.

Wir haben drei Kinder, gerade bin ich wieder schwanger. Meine große Tochter hat dieses Schuljahr aufs Gymnasium gewechselt, der Sohn ist noch auf der jüdischen Grundschule, und die kleine Tochter ist im jüdischen Kindergarten. Durch die Kinder und die Arbeit ist alles ziemlich strukturiert.

Veranstaltungen Zwischendurch kümmere ich mich um »Milch und Honig«, einen jüdischen Kulturverein. Hier verwirkliche ich meine Ideen, von denen ich denke, das sind jetzt wichtige Dinge, die sollte man tun. Es fing an im November 2011 mit Veranstaltungen zu jüdischen Themen für die breitere Öffentlichkeit. Man traf sich regelmäßig, zunächst in einem Café, später auch in der Gemeinde, und schließlich wurde 2012 der Verein gegründet. Gemeinsam mit dem Historischen Institut, an dem ich arbeite, haben sich viele Dinge entwickelt. Unsere erste Kooperation war eine Vortragsreihe zum jüdischen Köln. Eine weitere Vortragsreihe widmete sich dem Thema »Gott und der Mensch in Judentum, Christentum und Islam«.

Parallel fing ich mit einer Freundin an, das Projekt »Hinter der Kulisse – Judentum kennenlernen« für Schulen zu entwickeln. Es geht darum, den Schülern, die im Grunde genommen in den Schulen nicht viel über das Judentum erfahren, Workshops und Seminare anzubieten.

Schule Wir hatten den Eindruck, dass das Thema Judentum im Fach Religion nur knapp behandelt wird, dann natürlich der Holocaust und immer wieder der Nahe Osten. Aber es wird nicht thematisiert, wie Juden leben und lebten, was jüdische Feiertage sind oder wie der jüdische Jahreszyklus aussieht. Bislang konnten wir unser Projekt an vier Schulen realisieren. Dabei zeigen wir ein Video, nutzen ein Comicbuch, bringen typische Gegenstände mit und erklären, wofür sie da sind. So, dass man sieht, Juden sind nicht ausgestorben, sondern sie leben, und das ziemlich lebhaft und froh.

Beim Judentum ist für mich mehr der Bezug zur Kultur als zur Religion vorhanden. Wir haben uns eine Zeit lang bemüht, mehr in der Gemeinde zu sein, mehr zu den religiösen Angeboten zu gehen, zu den Gottesdiensten. Aber das ist mir nicht so nahe, dass ich das jetzt aus religiösen Gründen alles machen muss. Aber es gibt andere Komponenten, die mir wichtig sind, und die meine Kinder kennen sollten. Es ist viel mehr als das Religiöse: Es sind Geschichten, Lieder, Rituale, Familie.

Israel In Belgrad bin ich atheistisch aufgewachsen. Meine Eltern lebten in keiner Weise jüdisch. In den 90er-Jahren waren wir vier Jahre in Israel. Das war die Zeit des Krieges und des Zerfalls von Jugoslawien, und meine Eltern hatten beschlossen, Alija zu machen. Ich habe Hebräisch gelernt, war dort in der Schule. Das war alles okay, aber nicht jüdischer als sonst. Nach einer gewissen Zeit in Israel beschlossen meine Eltern, zurück nach Belgrad zu gehen. Dort war ich noch zwei Jahre, beendete die Schule und bin dann nach Deutschland gegangen.

Erst durch die Kinder haben wir angefangen, uns das Judentum anzueignen. Als unsere älteste Tochter, die heute zehn Jahre alt ist, in den Kindergarten kam, fingen wir an, alles mitzuerleben und mitzumachen. Das Kind in den jüdischen Kindergarten zu schicken, aber zu Hause das Judentum nicht zu praktizieren – das ist alles nichts, dachten wir.

Seitdem haben wir begonnen, die Feiertage zu begehen, Freitagabend zusammen zu sein und darüber zu lernen. Und so wie wir das gelernt haben, dachte ich, kann ich das genauso gut mit »Milch und Honig« nach außen transportieren. Wieso sollte ich darüber nicht zusammen mit meinen nichtjüdischen Freunden lernen?

Mussar Kürzlich hatte ich ein interessantes Erlebnis. Wir hatten vom Verein aus einen Mussar-Workshop organisiert. Das ist eine jüdische spirituelle Lehre, die sehr unbekannt ist. Weder unsere jüdischen noch unsere christlichen Teilnehmer wussten, was das ist. Das heißt, wir haben gemeinsam etwas Neues gelernt, was aber im Judentum verwurzelt ist. Das war für beide Seiten ungewohnt, und da kam man sich sehr nah – wirklich ein tolles Instrument des interreligiösen Dialogs.

Jetzt haben wir mit einem Kurs begonnen. Es geht viel um Selbstreflexion, um bestimmte Charaktereigenschaften. Die bespricht man anhand von Texten. Man übt, auf sich selbst aufmerksam zu werden und auf die eigenen Taten. Es geht darum, bewusster zu leben. Für meine Seele würde ich Mussar gerne weiter praktizieren, weil ich das Gefühl habe, dass das etwas Besonderes war.

Es ist tatsächlich etwas gewachsen. Bei der Veranstaltung versammeln sich nicht einfach nur Leute zu einem Vortrag, gehen dann nach Hause, und alles bleibt beim Alten. Hier hat sich mehr ereignet. Das würde ich gerne weiter ausbauen.
Mein Mann ist wahrscheinlich jüdischer, als ich es bin, aber seine Mutter ist keine Jüdin, sie ist katholisch. Sein Vater ist jüdisch, er führte 30 Jahre die Gemeinde in seinem kroatischen Heimatort. Dadurch hatte mein Mann viel mehr Beziehung zum Judentum als ich. Konvertieren wollte er nicht, das ist für uns nicht der richtige Weg.

Minderheit Ich kann nicht sagen, dass Serbien mein Zuhause ist. Das ist schon lange her. Meine Kinder und ich haben die israelische Staatsbürgerschaft, und wir haben dort auch noch Familie, insofern ist Israel schon ein Stück Zuhause. Die Kinder fühlen sich dort sehr wohl, kürzlich waren wir wieder eine Reise dahin unternommen. Sie sagen immer, sie würden gerne in einem Land wohnen, in dem mehrheitlich Juden leben.

Meine Kinder spüren, dass sie einer Minderheit angehören. Besonders für meine Tochter, die jetzt von einer jüdischen auf eine nichtjüdische weiterführende Schule gewechselt ist, war das erst einmal eine große Umstellung. Sie kannte niemanden. Meine Tochter ist ein starkes Mädchen, sie ist sehr selbstbewusst, aber der Anfang war hart. Jetzt wird sie immer wieder im Religionsunterricht gebeten, irgendetwas vorzustellen und über jüdische Themen zu erzählen. Letzte Woche hat sie eine volle Tüte »Schabbatdinge« mitgebracht und alles erklärt. Sie fängt an, ihre Rolle als einziges jüdisches Kind an der Schule zu finden. Aber da muss sie hineinwachsen.

Ich weiß, dass Deutschland nicht meine Heimat ist. Das wird es nie sein. Aber dieses Bild von Heimat ist für mich auch ein nostalgisches Phänomen. Es ist ziemlich egal, wo man lebt, wir kommunizieren mit jedem, wir haben überhaupt keine Hemmungen zu reisen – alles ist sehr verbunden. Ich selbst werde nie so richtig Deutsche sein, und wie es mit unseren Kindern sein wird, kann ich noch nicht absehen. Das wird die Zeit zeigen.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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