Porträt der Woche

»Ich suche Antworten«

Tikva Sendeke hat äthiopische Wurzeln und arbeitet im Haus der Wannsee-Konferenz

von Robert Kalimullin  25.07.2016 20:01 Uhr

»Mein Zuhause kann ich mir nur selbst erschaffen«: die Israelin Tikva Sendeke (27) Foto: Gregor Zielke

Tikva Sendeke hat äthiopische Wurzeln und arbeitet im Haus der Wannsee-Konferenz

von Robert Kalimullin  25.07.2016 20:01 Uhr

Sie spricht Hebräisch», sagen die Besucher aus Israel und sehen einander erstaunt an, wenn ich sie begrüße und mich als ihre Führerin durch das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin vorstelle. «Ja», antworte ich dann, «ich komme aus Israel, ich bin Israelin.»

Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, schon als Kind. Wenn eine Schule nur weiße Schüler hat und die andere nur schwarze, und die zweite Schule im Niveau etwas hinterherhinkt, weiß man, dass etwas falsch ist. Ich ging zur Schule und bekam dort das orthodoxe Judentum gelehrt, und dann ging ich nach Hause, und meine Eltern haben das Judentum auf eine andere Art praktiziert. Einer von beiden musste also falsch liegen, habe ich als Kind gedacht. Vermutlich meine Eltern, denn Israel ist ja ein jüdischer Staat und muss am besten wissen, was Judentum ist.

Äthiopien Meine Eltern stammen aus Äthiopien. Sie machten in den Jahren 1984 und 1985 Alija, zuerst meine Mutter, dann mein Vater, der zunächst in Äthiopien zurückgeblieben war. Die äthiopischen Juden siedelten über Jahrhunderte in kleinen Dörfern in den Bergen und lebten in dem Glauben, die einzigen Juden auf der Welt zu sein. 1000 Jahre lang begleitete sie das Gefühl, morgen oder übermorgen Äthiopien zu verlassen. Sie wollten nach Israel, kannten aber den Weg dorthin nicht. Manche starben beim Versuch, die Wüste zu durchqueren. Für die meisten ergab sich die Möglichkeit zur Flucht erst im Bürgerkrieg, als auch andere Äthiopier das Land verließen.

Meine Eltern waren noch jung und frisch verheiratet, als sie nach Israel einwanderten. Das war wichtig, denn sie konnten sich gut integrieren. Seit ich mich erinnern kann, haben meine Eltern Hebräisch gesprochen. Dadurch waren sie nicht von mir und meinen Geschwistern abhängig, und wir konnten normale Kinder sein. In vielen äthiopischen Familien war das anders, Kinder mussten ihre Eltern überallhin begleiten, um für sie zu übersetzen.

Andererseits waren Feste wie Chanukka oder Purim neu für meine Eltern. Die äthiopischen Juden kannten sie nicht, ebensowenig wie sie den Kiddusch am Freitagabend kannten. Ich bin in Ramle aufgewachsen, einer traditionellen Stadt, wo der Kiddusch am Freitagabend dazugehört, auch wenn dazu vielleicht der Fernseher läuft. Ich hatte als Kind daher diesen Konflikt, dass ich meine Eltern respektiert, mir im Herzen aber auch gewünscht habe, dass sie anders wären.

schock Nach der neunten Klasse bin ich von einer religiösen Schule, die wir als Äthiopier besuchen sollten, um das orthodoxe Judentum zu erlernen, auf eine säkulare Schule gewechselt. Meine Mutter war anfangs dagegen, aber ich wusste, dass ich studieren und Erfolg haben wollte. Es war ein Schock für mich, plötzlich die einzige Äthiopierin in der Klasse zu sein. Im Geschichtsunterricht fiel mir auf, dass unser Buch ausschließlich Europa behandelte, obwohl die meisten Schüler keine aschkenasischen Juden waren.

Doch die ganze Erzählung des Geschichtsbuchs bestand darin, wie die aschkenasischen Juden das Land aufgebaut hatten und wir ihnen dankbar sein mussten. Mit meinen Eltern konnte ich darüber nicht reden, sie waren Israel tatsächlich dankbar. Für mich aber war es langweilig und fühlte sich falsch an, ich wollte nichts vom Holocaust oder der zionistischen Bewegung wissen. Israel ist ein multikulturelles Land, und jede Gruppe sollte im Geschichtsbuch vertreten sein, dachte ich damals.

Gleichzeitig begann ich mit dem Besuch der neuen Schule, die etwas außerhalb der Stadt lag, den Kontakt zu meinen äthiopischen Freunden zu Hause zu verlieren. Sie machten mir den Vorwurf, ich würde mich nur mit Weißen abgeben, ich würde sprechen wie eine Weiße, was auch immer das bedeuten mag. Für meine nichtäthiopischen Freunde dagegen war ich, egal was ich machte, immer eine Äthiopierin. Es war, als müsste ich mir selbst und allen anderen immerzu etwas beweisen, und so beschloss ich, auch wenn meine Mutter erneut dagegen war, zum Militär zu gehen und dort die bestmögliche Position zu erlangen.

Ich kam zum Nachrichtendienst der Luftwaffe und war erneut die einzige Äthiopierin. Es war eine Eliteeinheit, und sie bestand größtenteils aus Aschkenasim. Es fühlte sich also erneut wie ein Kampf an, und doch ist das Militär wie ein Schmelztiegel, das Beste, was der israelischen Gesellschaft passieren kann. Meine besten Freunde habe ich dort kennengelernt, und ich würde mir wünschen, dass die Menschen bereits früher im Leben, in der Schule, so zusammenkommen könnten.

Schabak Nach dem Militärdienst dachte ich darüber nach, zum Inlandsgeheimdienst Schabak zu gehen. Das war vielleicht ein Grund dafür, warum ich an der Uni Nahoststudien wählte und Arabisch lernte. Aus meinem professionellen Interesse sollte jedoch bald ein kulturelles werden. In meiner Kindheit in Ramle hatten die Araber in der Nachbarschaft uns Äthiopier immer besonders verfolgt, da sie spürten, dass wir die Schwächsten in der Gesellschaft waren.

Nun, als Studentin, nahm ich in Ramle an der Gründung einer multikulturellen Gruppe von Führungspersönlichkeiten teil, in der Juden, Muslime und Christen vertreten waren. Wir hatten verschiedene politische Ansichten, diskutierten sehr viel. Ein besonders starkes und bedeutendes Erlebnis war ein gemeinsames Fastenbrechen im Ramadan, das wegen der Kämpfe in Gaza in einem Bunker stattfinden musste. Dass Juden und Araber Freunde sein konnten, war neu für Ramle. Bis dahin hatten sie nur nebeneinander hergelebt. Ich besuchte viele Seminare zum Thema Rassismus und begann zu verstehen, dass meine arabischen Freunde und ich auf derselben Seite standen. Zeitgleich begann ich, Deutsch zu lernen.

Berlin schien mir damals der multikulturellste Ort der Welt zu sein und, so dachte ich, vielleicht der Schlüssel zu meinen Fragen. Ich wollte wissen, welche Lösungen die Deutschen gefunden hatten und wie das Schulsystem dort Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen integriert. Als ich dann im Internet die Möglichkeit entdeckte, einen Freiwilligendienst im Haus der Wannsee-Konferenz zu machen, war es, als ob sich für mich selbst ein Kreis schließt: Früher hatte ich mich dagegen gesträubt, etwas über den Holocaust zu lernen. Jetzt zwang mich niemand, es war meine eigene Wahl. Wenn mich inzwischen israelische Besucher fragen, was für eine Beziehung ich zum Holocaust habe, antworte ich, dass ich Jüdin bin und er daher Teil meiner Geschichte ist.

In meinem Projekt in Berlin wollte ich gezielt mit Schülern mit Migrationshintergrund arbeiten. Ich wollte wissen, ob sie die deutsche Geschichte auch als ihre eigene Geschichte wahrnehmen. Als sich herausstellte, dass die meisten Schüler, mit denen ich zum Thema «Jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs» arbeiten sollte, Palästinenser waren, war ich etwas verunsichert: Die Großeltern dieser Kinder waren aus Israel geflohen – eine direkte Folge des Holocaust. Ich beschloss, es dennoch zu probieren. Ich sagte ihnen, dass ich ihre Geschichte respektiere, und erzählte ihnen dann die Geschichte meiner eigenen Eltern. Dadurch konnten wir eine Verbindung aufbauen.

zuhause Eine Antwort auf die Frage, mit der ich nach Berlin kam, habe ich nicht gefunden. Es hat mich erstaunt, dass bei der Fußball-Europameisterschaft einige der Schüler die Türkei unterstützt haben und nicht Deutschland. Dass es hier Schulen mit 80 Prozent muslimischen Schülern gibt, erinnert mich sehr an meine eigene Kindheit. Ich glaube nicht, dass ein Land funktionieren kann, in der die Gemeinschaften so voneinander getrennt sind. Deutschland und Israel können voneinander lernen, aber beide können wahrscheinlich noch mehr von Kanada lernen, das hier erfolgreicher ist.

Ich habe mich in jüdischen Gemeinden in Amerika immer sehr zuhause gefühlt, hatte das Gefühl, dass meine Hautfarbe dort im Gegensatz zu Europa nicht wichtig ist. Bei all dem, was gegenwärtig in Israel passiert, angesichts der Tatsache, dass Schwarze in den USA von Polizisten erschossen werden, habe ich aber keinen Ort, an dem ich mich hundertprozentig zuhause fühlen könnte, wo ich mich nicht täglich beweisen müsste. Da es diesen Ort nicht gibt, habe ich für mich beschlossen, dass ich mein Zuhause nur selbst erschaffen kann.

Köln

Jüdisches Leben sichtbar machen

Gemeinden wollen 2021 mit Festen, Ausstellungen und Tagungen 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern

 21.01.2020

Bad Kissingen

ZWST benennt Kurheim nach Beni Bloch sel. A.

Deutschlands einziges jüdisches Kurheim wird nach dem langjährigen ZWST-Chef benannt

 20.01.2020

Porträt der Woche

»Ich spüre gute Vibes«

Bela Cohn-Bendit ist Wirtschaftssoziologe und trainiert Jugendliche bei Makkabi

von Eugen El  18.01.2020

Ausstellung

Vom Wohlstandskind zur Kriegsreporterin

Die Monacensia lässt das bewegte Leben von Erika Mann Revue passieren

von Ellen Presser  16.01.2020

München

Weiße Rose, Schicksal, Auschwitz

Meldungen aus der IKG

 16.01.2020

München

Max Mannheimer zu Ehren

Am 6. Februar wäre der Zeitzeuge 100 Jahre alt geworden – nun wird das Grafinger Gymnasium nach ihm benannt

von Helmut Reister  16.01.2020

Kompakt

Kulturerbe, Erinnerung, Schule

Meldungen aus den Gemeinden

 16.01.2020

Buch

Bilder als Denkmal

Der Fotograf Thies Ibold erinnert an den Kunsthistoriker Aby Moritz Warburg

von Heike Linde-Lembke  16.01.2020

Geschichte

Die anderen Flüchtlinge

Der Politikwissenschaftler Stephan Grigat stellte Georges Bensoussans Buch »Die Juden der arabischen Welt« vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  16.01.2020