Porträt der Woche

»Ich möchte Sinnvolles tun«

Christopher Willing ist Ingenieur und trieb die Synagogen-Sanierung in Felsberg an

von Christine Schmitt  17.12.2022 21:42 Uhr

»Zwei Hobbys prägen meinen Alltag: die Synagoge und die Gemeinde«: Christopher Jonathan Willing (59) aus Nordhessen Foto: privat

Christopher Willing ist Ingenieur und trieb die Synagogen-Sanierung in Felsberg an

von Christine Schmitt  17.12.2022 21:42 Uhr

Wenn ich merke, dass ein Projekt gelungen ist, dann bin ich glücklich. Für mich ist es wichtig, etwas Sinnvolles zu stemmen. So wie in meinem Beruf als Bauingenieur für Tief- und Wasserbau oder jetzt kürzlich bei unserer Synagoge in Felsberg, die nun frisch saniert in ihrem ursprünglichen Zustand ein Schmuckstück geworden ist.

Ein Jobangebot lockte mich, meine Frau und meine beiden Söhne vor 28 Jahren nach Nordhessen, davor hatten wir in Hannover gelebt. Es gab die Offerte, zukünftig eine Abteilung für Kläranlagenbau zu leiten, für mich eine interessante Tätigkeit. Ich fuhr erst einmal allein nach Nordhessen und entdeckte eine liebliche Kleinstadt mit drei Burgen und einem wunderschönen Wald ringsherum. Die Altstadt voller Fachwerkhäuser – und vor allem gab es eine Kinderbetreuung durch einen Trägerverein. Meine zwei Söhne waren damals noch klein und konnten dort die Kita besuchen und später eine Hausaufgabenbetreuung.

glücksfall Für berufstätige Eltern ist das ein Glücksfall. So ein Angebot gab es damals in Hannover nicht. Andererseits ist Felsberg strategisch gut angebunden, ein eigener Bahnhof, der Frankfurter Flughafen, der Kasseler Hauptbahnhof und die Autobahn sind gut erreichbar, sodass wir sehr mobil sind. Ich brauche noch nicht einmal eine halbe Stunde bis nach Kassel. Also, wir sind nicht aus der Welt.

Auch dachten wir damals nicht, dass die Kurzfristigkeit in eine Langfristigkeit übergehen würde. Eines Tages entdeckten wir die Synagoge. Unter den Felsbergern hieß es immer, dass sie nun in den Tempel gehen würden, um eine Pizza zu essen.

Im Haus waren eine Gastronomie und Wohnungen untergebracht, ein Zigarettenautomat hing neben der Eingangstür, und von außen gab es kaum noch etwas, das an den ursprünglichen Zustand erinnerte: Die Sandsteine waren mit Putz verdeckt, die Fenster verändert und teilweise zugemauert, und das Dach war marode und musste neu gedeckt werden. Da war schon Vorstellungskraft gefragt, um das historische und das zukünftige Gebäude vor Augen zu haben.

verein Weitere Interessierte und ich gründeten 2012 den »Verein zur Rettung der Synagoge Felsberg«, und wir hatten den Wunsch, dass sie wieder so aussehen möge wie früher und unsere Jüdische Liberale Gemeinde Nordhessen Emet weSchalom sie nutzen könne. Am Anfang unserer Aktivitäten hörten wir oft: zu teuer, nicht realistisch, es würde doch reichen, nur ein bisschen zu sanieren. Doch es war zu schaffen. Jahre später sieht man, dass die Synagoge eine Perle ist. Nachdem das Gerüst entfernt worden ist, fragten sich manche Felsberger, ob da ein neu gebautes Haus steht – so schön ist es wieder geworden. Während der Bauarbeiten kam die Gemeinde im ehemaligen Rathaus unter.

Die Synagoge ist eine Perle. Manche Felsberger fragen sich, ob da ein neu gebautes Haus steht.

Als wir 1994 nach Nordhessen zogen, schlossen meine Frau und ich uns recht bald der Jüdischen Gemeinde in Kassel an. Allerdings stellten wir fest, dass, so wie in anderen Teilen Deutschlands auch, neue Gemeindemodelle entstanden. Nicht weit von uns gründete sich die Gemeinde Emet weSchalom im Jahr 1995, ab 2001 hatte diese für neun Jahre ihren Sitz in Gudens­berg.

Dann zog die Gemeinde wegen der besseren Verkehrsanbindungen in die Nachbarstadt Felsberg. Die Stadtverwaltung kaufte das Synagogen-Gebäude nach einigen Verhandlungen und übertrug es in die Verantwortung des »Vereins zur Rettung der Synagoge Felsberg«.

angebote Seit 2016 finden hier schon Gottesdienste, Kulturveranstaltungen, Konzerte und Treffen zum interreligiösen Dialog statt. Wir sind die einzige liberale Gemeinde zwischen Göttingen und Frankfurt, dem Ruhrgebiet und Thüringen. Die Gemeindemitglieder sind junge internationale Familien, mehrere Gemeindemitglieder vor Ort bieten Übernachtungsmöglichkeiten an – also beste Voraussetzungen, um zu wachsen.

Meine Mutter und ich sind Ende der 80er-Jahre zum Judentum zurückgekehrt. Ich bin Nachkomme von Schoa-Überlebenden. Meine Großmutter heiratete vor der Schoa einen Christen. Mit großer Aufmerksamkeit hatte sie es geschafft, sich nie als Jüdin registrieren zu lassen. Sie zog mit ihren Kindern oft um, doch eines Tages wurde sie verraten und zur Gestapo in Wuppertal zitiert. Meine Mutter als Mädchen von 13 Jahren musste draußen warten, um im Ernstfall für die jüngeren Geschwister zu sorgen. Doch sie kamen glimpflich davon und mussten »nur« 50 Reichsmark für das Nichttragen des gelben Sterns zahlen. Kurz danach wurden die Stadt und die Gestapo ausgebombt, und so konnte sie das Fehlen der Papiere begründen.

Meine Großmutter wurde mit ihren Kindern in eine kleine Ortschaft bei Mühlhausen in Thüringen geschickt und bei einem Oberförster, einem strammen Nazi, einquartiert. Sie hatte keine Idee, wie sie einen Ariernachweis bekommen könnte, was zur Folge hatte, dass meine Mutter auf der Volksschule bleiben musste. Mein Großvater war 1941 eingezogen worden, wurde aber frühzeitig als wehruntauglich entlassen und fuhr schließlich Lkw, bei der Bahn angestellt.

Liebe Es war eine große Liebe zwischen den beiden. Nach dem Krieg lebten sie mit ihren drei Kindern wieder zusammen. Doch meiner Großmutter ist es wörtlich »an die Nieren gegangen«, dass sie durch die Verleugnung ihrer Religion überlebt hatte, während ihre Verwandten ermordet wurden. Sie starb jung an Nierenversagen.

An meiner Mutter ist die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Und auch ich wusste, dass ich da etwas mit mir trage. Mein Vater war katholisch, und meine Mutter überließ ihm die religiöse Erziehung. Es war der gangbarste Weg meiner Eltern in jener Zeit.

Doch ich spürte immer wieder, dass die katholische Religion nicht das Richtige für mich war. Als ich 24 Jahre alt war und in Hannover studierte, lernte ich die Jüdische Gemeinde an der Haeckel­straße kennen – und Rabbiner Henry Brandt sel. A. Die Gemeinde habe ich als überaltert empfunden, aber mithilfe des Rabbiners habe ich einen ruhenden Pol gefunden und konnte so ins Judentum zurückkehren. Meine mütterliche Linie war ja nicht unterbrochen.

selbstständigkeit In Hannover hatte ich Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Abwasser- und Trinkwasseraufbereitung studiert und mich vor allem auf Kläranlagen spezialisiert. Da ich von mir selbst wusste, dass ich dazu neige, mich in die Probleme anderer hineinziehen zu lassen, wollte ich lieber keinen sozialen Beruf ergreifen. Mathematik und die Naturwissenschaften interessierten mich ebenfalls. Nun ging es darum, mich im Berufsleben zu bewähren. Ich war Angestellter, Geschäftsführer, Leiter und Ausbilder bei verschiedenen Firmen. Ferner habe ich mich mit meinem Ingenieurbüro wiotec 1996 selbstständig gemacht.

Seit zwölf Jahren bin ich verantwortlich für viele Projekte auf der ganzen Welt.

Seit zwölf Jahren bin ich verantwortlich für viele Projekte auf der ganzen Welt. Derzeit bin ich häufiger in China, Indien und Marokko, die jeweils sehr unterschiedliche Probleme mit Wasser haben. In Syrien und in Jordanien sind beispielsweise die Leitungen so undicht, dass 50 Prozent des Trinkwassers verloren gehen.

China braucht Systeme zur Wasseraufbereitung, Indien benötigt funktionierende Kanalisationen, und im Atlasgebirge in Marokko wird der Schnee aufgrund der Klimakatastrophe weniger, was zu Problemen bei der Bewirtschaftung der Felder und der Gewinnung des Trinkwassers führt. Vor Ort arbeite ich mit Partnern zusammen, die im Land verwurzelt sind, die Sprache und die Temperamente der Menschen kennen.

berufung Zwei Hobbys prägen meinen Alltag: die Synagoge und die Gemeinde. Danach kommen das Motorradfahren und schließlich unser Familienhund. Wenn ich hier in Nordhessen spazieren gehe, nehme ich meine Berufung mit und freue mich, dass an den Fischteichen Eisvögel und Biber wieder ein Zuhause gefunden haben. Gleichzeitig frage ich mich, wie die Wasserwerte wohl sein mögen, wenn das Laub hineinfällt. Aber dann sage ich mir, dass es nicht meine Angelegenheit ist.

In dieser kleinen Stadt an der Eder sind wir immer an einem Grundstück mit altem Baumbestand vorbeigekommen und hatten uns gesagt, wenn wir einmal ein Haus planen, dann an dieser Stelle. Dort leben wir jetzt. Aber in den vergangenen Jahren hatte ich nur wenig Zeit, mich an den Obstbäumen zu erfreuen, denn ich war in viele Projekte involviert, die ich zusammen mit anderen gestemmt habe. Und alle sind gelungen.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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