Porträt der Woche

»Ich liebe Bibliotheken«

»Mein gut bestücktes Bücherregal ist der Schatz meiner Wohnung«: Shoshana Liessmann Foto: Christian Rudnik

Mein Problem ist, dass mich einfach alles interessiert. Ich sehe meine ungelebten Leben an mir vorbeiziehen und stelle fest, dass aus mir zum Beispiel gut auch eine Physikerin hätte werden können. Ich will wissen und verstehen, tief in alles eindringen. Und wo könnte man das besser als in einer Bibliothek?

Ich liebe Bibliotheken. Dorthin zu gehen, macht mich glücklich. Eine Bibliothek gibt mir das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Ich suche, ich bestelle, sitze da mit den Büchern um mich herum – das inspiriert. Meine freien Tage verbringe ich häufig im Musiklesesaal der Münchner Staatsbibliothek. Ich höre CDs oder wälze Bücher, und die Bibliothekarin muss schon lachen, wenn ich wieder mit zehn Bänden anrücke.

Außer Haus kann ich besser arbeiten als in den eigenen vier Wänden. In der Bibliothek ist es still. Ich bin mit mir und dem Buch, höchstens noch mit dem Computer, aber unbedingt ohne Internet. Sonst bin ich doch wieder versucht zu gucken, wer hat gemailt, wem muss ich antworten?

Aber natürlich gibt es auch in meiner Wohnung Bücher. Ihre Auswahl ist an keinem Ort der Welt so perfekt auf mich zugeschnitten. Das ist mir sehr wichtig. Beim Umzug von Jerusalem nach München steckten sie viel zu lange in den großen Kartons – das machte mich richtig nervös. Inzwischen sind sie längst wieder eingeräumt. Mein gut bestücktes Bücherregal ist der Schatz meiner Wohnung in der Borstei, einer hübschen Siedlung aus den 20er‐Jahren im Münchner Nordwesten.

Musik Freie Tage, das sind für mich die Tage, an denen ich nicht beim »Goethe« bin. Seit 2001 arbeite ich fürs Goethe‐Institut. Schon ziemlich lange, finde ich. Angefangen habe ich in Jerusalem. Dann, 2009, wechselte ich in die Zentrale nach München. An drei Wochentagen bin ich dort.

Zuerst war ich dort für den Musikbereich tätig – ich bin ja Musikwissenschaftlerin –, jetzt betreue ich da ein Literaturportal namens »Litrix«. Damit sollen Übersetzungen deutscher Gegenwartsliteratur gefördert werden. Die Titel aus den Kategorien Sachbuch, Belletristik, Kinder‐ und Jugendbuch, ausgewählt von einer Fachjury, werden zum Hochladen vorbereitet. So hoffen wir, Leuten aus anderen Ländern, Verlegern, Lektoren, Literaturkritikern, einen Zugang zu deutschen Neuerscheinungen zu schaffen.

Außerdem bestimmen wir alle zwei Jahre eine Schwerpunktregion. Diesmal ist es Russland. Konkret bedeutet das: Man kann sich bei uns bewerben, um einen Titel ins Russische zu übersetzen und auf den Markt zu bringen. Das unterstützen wir finanziell. Außerdem planen wir Veranstaltungen auf den Buchmessen in Moskau und Sankt Petersburg.

Schabbat Geboren wurde ich 1973 in Frankfurt am Main. 1994 ging ich zum Studium nach Jerusalem. Ich wollte in Israel sein, und das war auch richtig so. Ich vermisse Jerusalem. Besonders am Schabbat und an den Feiertagen. So schön der Viktualienmarkt hier in München auch ist, den Schuk in Jerusalem kann er nicht ersetzen.

Ich habe Jüdische Philosophie, Musik‐ und Kulturwissenschaften studiert. Ich finde es spannend und faszinierend, wie viel Aussagekraft sich in einem Musikstück verbirgt. Es verrät dir unglaublich viel. Ein Fächer tut sich auf. Man erkennt Zusammenhänge und kann sie entschlüsseln.

Ich bin auch in der Erwachsenenbildung tätig, unterrichte an der Volkshochschule und habe es dort vor allem mit Leuten zu tun, die sich mit dem Judentum nicht so gut auskennen. Dann präsentiere ich den Schülern ein jüdisches Musikstück, und das ist wie ein Fenster, das aufgeht und einen Blick freigibt auf jüdische Lebenswelten. Es verrät etwas von Identität, kann aber auch Konflikte widerspiegeln.

Seit 1997 bin ich Mitglied des »Zentrums zur Erforschung der Jüdischen Musik« in Jerusalem. Das ist einfach toll – es gibt dort eine solche Fülle an Material, unglaublich. Gerade gestern kam per Post wieder eine neue CD vom Zentrum. Darüber habe mich sehr gefreut.

Gefühl Freiberuflich – das sind die anderen 50 Prozent meiner Beschäftigung – bin ich eher im Musikalischen unterwegs. Und wenn man mich fragt, woran ich gerade arbeite, dann könnte ich antworten: an einem Berg, an einem ganzen Berg, weil es eben so viele Themen und Projekte sind, die sich aufeinander türmen.

Ich fühle mich in der Freiberuflichkeit auch tatsächlich frei. Das ist nicht selbstverständlich, aber ich brauche dieses Gefühl. Ich brauche es genauso wie Disziplin. Man muss organisiert sein und darf nicht einfach auf eine Eingebung warten. Wenn man etwas produzieren möchte und die Idee schon vor Augen hat, dann muss man sich einfach hinsetzen, sich ein Stück Papier nehmen und irgendetwas hinkrakeln. Sonst gibt es keinen Anfang.

Was demnächst bei mir ansteht, ist ein mehrteiliger Workshop, den ich zusammen mit einem Kollegen für die »Münchener Biennale für neues Musiktheater« anbiete. Am 3. Mai wird dort Sarah Nemtsovs Oper »L’Absence« uraufgeführt.

In der »Werkstatt« beschäftigen wir uns mit dem zeitgenössischen Musiktheater im Allgemeinen, gehen dann aber zur Vorbereitung auf die Uraufführung auch speziell auf diese anspruchsvolle Oper ein: Was passiert da im Libretto, wie kann ich die Musiksprache verstehen, welche Position nimmt Sarah Nemtsov in der zeitgenössischen Musik ein? Wir werden Proben besuchen, mit der Regisseurin, der Komponistin sprechen. Für die Vorbereitung sitze ich natürlich wieder in Bibliotheken und wälze Bücher.

Kantine An meinen »Goethetagen« beginne ich etwa zwischen 9 und 10 Uhr mit der Arbeit. Zu Hause trinke ich gerade mal eine Tasse Kaffee, manchmal im Gehen. Fürs Mittagessen bietet sich die nette Kantine im Institut an. Ich hole mir Gemüse an der Salatbar und gucke, was es sonst noch so gibt.

Koscher oder nicht? Ich sehe das nicht so streng, versuche aber, zumindest zu Hause koscher zu leben. Schweinefleisch gibt es jedenfalls nicht. In unserer Kantine haben wir einen sehr sympathischen italienischen Koch. Der hat sich von mir sogar ein Buch auf Italienisch über »jüdisches Kochen« ausgeliehen. Er liest es mit Begeisterung. Kein Wunder, wenn einer Signor Mazza heißt.

Wenn ich nach getaner Arbeit nach Hause komme, reicht es meist gerade noch für einen schnellen Einkauf im Supermarkt. Viel lieber gehe ich aber zu Herrn Zwicknagel, der den Lebensmittelladen in der Borstei betreibt. Komme ich in meiner Wohnung an, bin ich meist recht ausgepumpt. Wenn ich mir dann selbst noch etwas koche, dann häufig ein israelisches Gericht.

Zur Entspannung walke ich gerne, am liebsten durch den Nymphenburger Schlosspark. Die Ausblicke dort begeistern mich. Ich fühle mich sicher, und manchmal begegnet mir sogar ein scheues Reh. Wenn ich es mir leisten kann, besuche ich Konzerte oder Kunstausstellungen. Ich gehe auch gern in die Natur, fahre raus an die Seen. Englischsprachige Romane, etwa von Siri Hustvedt oder Jane Austen, entspannen mich.

Aus der Gemeinde hier kenne ich schon einige Leute, und was geboten wird, ist nicht schlecht. In die Synagoge gehe ich aber nicht oft. Das finde ich selbst schade. Dahinter steckt wohl ein bisschen Faulheit, und auch die Entfernung macht etwas aus. In Jerusalem bin ich immer in die Synagoge gegangen.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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