Porträt der Woche

»Ich habe mich frei gefühlt«

Yevgeniy Breyger ist Schriftsteller und kommt aus dem ukrainischen Charkiw

von Eugen El  18.04.2022 08:04 Uhr

Yevgeniy Breyger (32) lebt in Frankfurt am Main, der für ihn schönsten Stadt der Welt. Foto: Rafael Herlich

Yevgeniy Breyger ist Schriftsteller und kommt aus dem ukrainischen Charkiw

von Eugen El  18.04.2022 08:04 Uhr

Ich bin freier Autor und möchte so viel Zeit wie möglich ins Schreiben und Lesen investieren. Ich habe meinen dritten und vierten Gedichtband fertiggestellt, zwei sind schon erschienen. Der nächste wird im Mai veröffentlicht, der vierte im März des kommenden Jahres. Jetzt habe ich angefangen, einen neuen, längeren Text zu schreiben – zum ersten Mal auch russischsprachig. Nun habe ich einen Text, der in etwa zu gleichen Teilen auf Deutsch, Russisch und Englisch verfasst ist.

Ich merke, dass ich in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Persönlichkeitsaspekte von mir betone. Im Russischen kommen auf einmal sehr viele persönliche, familiäre Dinge, auf die ich im Deutschen vielleicht gar nicht gekommen wäre: Gespräche mit meiner Großmutter, die ich wiedergebe; Gespräche mit meiner Cousine in Moskau, die ich jetzt führe. Ich unterhalte mich gerade viel mit ihr über den Krieg in der Ukraine. Es ist mein einziger Kontakt zu jemandem, der in Russland lebt, um mitzubekommen, was dort gedacht und gesagt wird.

AUSWANDERUNG Ich wurde 1989 in der Sowjetunion geboren – in der ukrainischen Stadt Charkiw. Ich bin dort aufgewachsen und zur Schule gegangen. Bevor wir nach Deutschland auswanderten, gab es Überlegungen, nach Südafrika zu gehen. Mein Großvater hat das aber blockiert. Da er – und auch meine Großmutter vor ihrer Alzheimer-Erkrankung – Jiddisch gesprochen hat, war es für sie naheliegend, nach Deutschland zu gehen. Meinem Großvater haben die Jiddisch-Kenntnisse sehr geholfen. Außerdem war er ein großer Fan der deutschen romantischen Lyrik, vor allem von Heinrich Heine. Deutschland schien ihm ein wichtiges Ziel zu sein.

In den verschiedenen Sprachen betone ich unterschiedliche Aspekte meiner Persönlichkeit.

Als ich zehn Jahre alt war, bin ich also mit meinen Eltern und den Eltern meines Vaters nach Deutschland ausgewandert – und wurde Sachsen-Anhalt zugeteilt. Das war erst einmal ein Schock für meine Eltern. Als wir ankamen, waren wir in einem Auffangheim in Dessau. Wir konnten uns dann entscheiden, in welche Stadt in Sachsen-Anhalt wir wollten. Meine Eltern haben die Landeshauptstadt ausgewählt – auch, weil sie gehört haben, dass es dort ein gutes Universitätsklinikum, eine gute Universität für Medizin und einen guten Zoo gibt.

UMZUG Nach dem Umzug aus dem Wohnheim in unsere eigene Wohnung musste ich die Schule wechseln. An der neuen Schule habe ich direkt Freunde gefunden und hatte eine tolle Lehrerin, die mit mir nach dem Unterricht Extra-Deutschstunden gemacht hat. Dadurch konnte ich schon nach vier bis fünf Monaten gut Deutsch sprechen. Die erste Zeit in Deutschland war für mich schön.

Doch je länger ich in Magdeburg war, desto schlimmer wurde es für mich. Denn wenn man um das Jahr 2000 in Magdeburg nicht deutsch war, war es eine große Sache. Dass wir jüdisch sind, hat auch noch eine Rolle gespielt. Es herrschte das Gegenteil von Normalität: angefangen mit der Frage, wie ich zu Israels Politik stehe und ob ich das nicht verurteilen möchte, bis hin zum Sportunterricht, wo Kinder, wenn sie mich meinten, »Spiel nicht zum Juden« riefen.

Als ich in der siebten oder achten Klasse war, bin ich mit meinen Klassenkameraden zum Fußballspiel von Magdeburg gegen Carl Zeiss Jena gegangen. Carl Zeiss ist eine jüdische Firma, also haben die Leute um mich herum angefangen, »Juden-Jena« zu schreien, einschließlich meiner Klassenkameraden. Das war ein Punkt, an dem ich dachte, ich muss da endlich weg.

FRANKFURT Ich bin dann nach dem Abi­tur nach Hildesheim gegangen. Ich hatte mich für alle möglichen Orte und Studiengänge in Deutschland beworben, weil ich keine Vorstellung hatte, was ich wirklich machen möchte – außer Schreiben. Das Studium in Hildesheim war rückblickend die vielleicht beste Zeit für mich. Ich habe den Unterschied von West zu Ost gemerkt, und dann war ich in einer Blase von kulturinteressierten und kulturschaffenden Leuten. Ich habe mich sehr frei gefühlt.

In meinen Gedichten verarbeite ich viele Dinge aus meiner Kindheit und meiner Familiengeschichte.

Nach zwei Jahren bin ich ans Leipziger Literaturinstitut gewechselt. Drei Jahre später dann nach Frankfurt. Ich war schon als Schüler in der Schreibwerkstatt im Frankfurter Literaturhaus. Das war für mich das erste Mal, dass ich Zeit in einer großen Stadt verbringen konnte. Ich bin mit der Straßenbahn über die Mainbrücke gefahren. Es war für mich ein Traum, nach Frankfurt zu gehen – die schönste Stadt der Welt. Im Masterstudium am Leipziger Literaturinstitut musste man einen Roman schreiben. Das wollte ich nicht, also hat es für mich keinen Sinn ergeben, dort zu bleiben. Frankfurt war für mich schon immer ein Ziel gewesen, und ich dachte, jetzt ist die Zeit gekommen.

Mein erster Gedichtband Flüchtige Monde stammt noch aus der Zeit der Schreibschulen, in der ich vieles noch kennengelernt habe. Es war ein sehr schöner, aber unpersönlicher Band mit Sachen, die eher indirekt mit mir zu tun haben. Der zweite Band Gestohlene Luft war sehr persönlich. Darin habe ich viele Dinge aus meiner Kindheit und meiner Familiengeschichte sowie einige jüdische Themen verarbeitet.

UKRAINE Ich wusste immer, dass wir jüdisch sind. Aber meine Eltern haben mir in der Ukraine klargemacht, dass ich das so weit wie möglich für mich behalten soll – bis hin zum Verstecken. Sie haben selbst in der Sowjetunion und der Ukraine schlechte Erfahrungen damit gemacht und wollten mich davor schützen. Das ging so weit, dass ich in der Ukraine in der Schule ein Kreuz um den Hals getragen habe – damit die Kinder nicht erkennen, dass ich jüdisch bin, obwohl man es mir ansah.

Sobald wir in Deutschland waren, änderte sich das. Wir sind direkt in der ersten Woche in die Gemeinde gegangen, wo mir Landesrabbiner Benjamin Soussan das Judentum näherbrachte. Er hat mir auf Deutsch über das Judentum erzählt, was ich natürlich nicht verstanden habe. Ich war immer in der Gemeinde. Sie hat eine rege Jugendarbeit. Ich habe bei allem mitgemacht, was möglich war, auch beim Religionsunterricht, später auch bei Landesrabbiner Moshe Flomenmann.

Bevor ich nach Frankfurt gezogen bin, war ich mehrere Wochen in Israel bei einem Programm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks. Wir haben gearbeitet, Sprachkurse gemacht und waren in verschiedenen religiösen und politischen jüdischen Institutionen. Das war das erste Mal, dass ich in Israel war. Ich war sehr aufgeregt vor dem Flug, denn ich dachte, sobald ich aus dem Flugzeug steige und die Erde in Israel zum ersten Mal betrete, werde ich ein großes Gefühl von Zu-Hause-Angekommen-Sein haben. Das ist nicht passiert, es war alles ganz normal. Aber es war sehr schön. Derzeit überlege ich, so schnell wie möglich einen israelischen Pass zu beantragen.

DEBATTE Wenn man mich fragt, wo ich mich zuordne, ist die richtige Antwort für mich heute: jüdisch. Ich würde nicht sagen, dass ich ukrainisch oder deutsch bin. Ich möchte mir endlich, nach all dieser Zeit, die Selbstverständlichkeit erlauben, zu sagen: Ich bin jüdisch und muss dafür nichts tun. In der Debatte um Max Czolleks Judentum hatte ich das Gefühl, da maßen sich die ganze Zeit so viele Leute an, am jüdischen Diskurs teilzunehmen und sich als Juden zu positionieren – auch Leute wie zum Beispiel Czollek, neben denen ich immer das Gefühl hatte, nicht jüdisch genug zu sein.

Ich glaube, für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ist das hier überhaupt der erste Kontakt zu Juden.

Jetzt denke ich: Es reicht mir einfach. Ich will sagen können, ich bin jüdisch, und ihr seid es nicht – genauso wie ich es die ganze Zeit andersherum empfunden habe. Diese Debatte hat bei mir einiges ausgelöst. Bei mir sind Wunden aufgegangen, die mir über Jahre von verschiedenen Leuten zugefügt wurden, die mir das Gefühl gaben, nicht jüdisch genug zu sein.

Während dieser Debatte hatte ich ein Gespräch mit meiner Frau. Der Vater ihrer Mutter ist jüdisch, das heißt, sie ist nicht halachisch jüdisch. Sie hat sich sehr aktiv mit dem Judentum auseinandergesetzt, hat Jüdische Studien studiert, war auch in Israel und spricht sehr gut Hebräisch. Ich kenne niemanden, der so gut in Talmudstudien Bescheid weiß wie sie. Doch in dieser Debatte sagte sie: Ich wäre nie darauf gekommen, mich in irgendeinem Diskurs als Jüdin zu beteiligen oder überhaupt irgendwelche jüdischen Themen zu diskutieren, weil ich mir nicht erlaubt hätte, mich als jüdisch zu betrachten, obwohl ich dieses Wissen gesammelt habe.

GEFLÜCHTETE Ich bin gespannt darauf, wie die jüdischen Gemeinden weiter mit den Geflüchteten aus der Ukraine umgehen werden. Ich habe von den Gemeinden, die ich kenne, mitbekommen, dass sie allen Geflüchteten helfen, unabhängig davon, ob sie jüdisch sind oder nicht. Das ist in meinen Augen eine sehr wichtige und gute Geste.

Ich glaube, für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ist das überhaupt der erste Kontakt zu Juden, denn es gibt kaum noch Juden in ihrem Land und entsprechend wenig Wissen. Sollten diese Menschen irgendwann einmal, wenn es hoffentlich wieder möglich ist, in die Ukraine zurückkehren und dieses Wissen mitnehmen, ist es etwas, was dem Bild vom Judentum in Osteuropa insgesamt sehr positiv helfen kann.

Aufgezeichnet von Eugen El

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