Porrait der Woche

»Ich glaube an den Sport«

In der Sporthalle beim Training der Rollstuhlfechter: Alexander Bondar (29) Foto: Frank Hormann / nordlicht

Das kann nur verstehen, wer selbst am Wasser aufgewachsen ist: Am Strand zu liegen oder zu laufen, diese Luft, diese Weite zu genießen, geräucherten Fisch zu kaufen. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Insofern gab es für mich nur eine einzige Frage, als ich mit meinen Eltern und meinem Bruder 1995 aus Odessa am Schwarzen Meer nach Mecklenburg kam. Welche Stadt liegt am Meer, wollte ich wissen, als uns drei Orte zur Auswahl angeboten wurden: Rostock, Schwerin oder Wismar? Natürlich sind wir nach Rostock gezogen – und ich habe es nie bereut.

Fünfzehn Jahre ist das inzwischen her, und längst sage ich: Meine Heimat ist das Land, in dem ich lebe. Seit einigen Wochen bin ich nun endlich deutscher Staatsbürger. Vier Jahre und endlose Nachfragen bei der Botschaft hat es gedauert, bis mich die Ukraine aus der Staatsbürgerschaft entlassen hat. Die sichtbarste Änderung ist: Ich heiße jetzt nicht mehr Oleksander, sondern Alexander. Und natürlich habe ich einen deutschen Pass erhalten. Das macht das Leben leichter, wenn man wie ich als deutscher Bundestrainer häufig mit seinen Athleten ins Ausland fliegt und am Flughafen bei der Kontrolle immer erklären muss, warum man keinen deutschen Pass besitzt.

Jugend Als Sohn eines erfolgreichen Fechters war es für mich nie eine Frage, ob auch ich diesen Sport ausübe. Ich bin einfach so erzogen worden, dass das Wort der Eltern etwas gilt. Fünfmal die Woche habe ich trainiert, meist vormittags. Nachmittags war dann Schule, wo ich, ehrlich gesagt, nicht der Beste war. Aber in der Sowjetunion war das egal: Nach all den sportlichen Erfolgen habe ich vor zwei Jahren meine Karriere als Leistungssportler beendet, ich bin jetzt 29, ein guter Zeitpunkt also. Im nächsten Jahre würde ich gerne noch an der Europäischen Makkabiade in Wien teilnehmen. Ansonsten habe ich durch meinen Job als Trainer natürlich weiter mit dem Fechten zu tun.

Meine Athleten sind Menschen mit Handicaps. Klar, die Arbeit mit körperbehinderten Sportlern ist auch eine Herausforderung. Was die Psychologie angeht, die Trainingsabläufe. Alles ist anders. Aber es ist auch sehr schön, wenn man die Erfolge sehen kann. Neulich hat einer meiner Athleten im Rollstuhlfechten zu mir gesagt: Bevor ich dich kennenlernte, kannte ich nur den Fernseher, den Transporter und die Werkstatt. Inzwischen kenne ich die halbe Welt, ich fahre zu den Meisterschaften.

In solchen Augenblicken merke ich, dass mein Job als Landestrainer beim Verband für Behinderten‐ und Rehabilitationssport wirklich etwas bewegt. Auch wenn er ja immer wieder mit dem Kampf um die Finanzierung verbunden ist. Aber wenn dann Politiker zu mir sagen: »Ihr wollt immer nur mehr Geld«, dann antworte ich ihnen: »Das stimmt nicht. Meine Sportler wollen einfach nur dasselbe wie alle: Sie wollen Akzeptanz, sie wollen teilnehmen können. Dafür kämpfen sie.« Von den 20 Fechtern, die ich trainiere, konnten kürzlich fünf zur Weltmeisterschaft nach Paris fahren. Und wenn sie wissen, dass sie es 2012 auch zur Olympiade nach London schaffen können, dann ist das Motivation ohnegleichen.

Überzeugung Inzwischen sage ich aus Überzeugung: Sport ist die beste Integrationsmöglichkeit, die es gibt. Für Menschen mit Handicaps, für Zuwanderer genauso wie für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen – ich sehe das sehr komplex. Ich habe das ja an mir selbst beobachtet. Als ich 1995 – ich war damals 15 – nach Rostock kam, war ich fremd hier. Ich sprach kein Wort Deutsch, sondern nur Englisch, das allerdings ganz gut. Ich war damals der einzige Ausländer an der Schule. Drei Jahre zuvor hatte es die fremdenfeindlichen Übergriffe in Rostock‐Lichtenhagen gegeben, diese Stadt war in Angst. Nur durch den Sport habe ich Kontakte und Freunde gefunden. Das hat mir unheimlich geholfen. Und als ich bemerkte, dass es auch welche in meinem Umfeld gibt, die abrutschen, habe ich mich mit einem Integrationsprojekt über die Gemeinde stark engagiert.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich ein Verein wie Makkabi noch viel stärker öffnen muss. Es gehört doch zur Realität anzuerkennen, dass nur etwa 30 Prozent der Vereinsmitglieder jüdisch sind. Wir haben auch viele Wolgadeutsche hier, die gegen Kinder vietnamesischer Vertragsarbeiter oder Jugendliche aus der arabischen Community spielen. Das ist etwas, was mir sehr am Herzen liegt. In diesem Jahr bin ich deshalb zum Integrationsbotschafter von Mecklenburg‐Vorpommern gewählt worden. Das ist schon eine Ehre, weil ich mich damit immer wieder für die Belange von Zuwanderern und Behinderten einbringen kann. Eine Stimme hat plötzlich Gewicht.

Der Sport bringt es natürlich mit sich, dass mein Tag hart und lang ist. Deswegen habe ich meinen Job als Koch nach der Ausbildung aufgegeben, obwohl das in einem Nobelhotel wie dem »Neptun« in Warnemünde natürlich ein tolles Arbeiten war. Man kann von der Küche aus auf die Ostsee schauen. Aber die Schichten passten mit Training und Familie nicht zusammen.

Heute erledige ich morgens zwischen sieben und neun Uhr die Buchhaltung für die Betriebskantine, die ich vor einigen Jahren gegründet habe, als Geschäftsführer noch immer leite und in der meine Mutter und eine Aushilfe rund 30 Vereine bekochen. Anschließend fahre ich zum Verband, wo ich ja als Landestrainer fünf Kernsportarten – darunter Rollstuhlfechten, Schwimmen und Rollstuhlrugby – betreue. Nachmittags trainiere ich mit meinen Athleten oder in der Gemeinde bei Makkabi. Vor 20 Uhr bin ich eigentlich nie zu Hause.

Das ist nicht ganz einfach, weil dann mein siebenjähriger Sohn Samuel schon schläft. Er und meine 15‐jährige Tochter Polina, die aus der ersten Ehe meiner Frau stammt, sind mein größtes »Hobby«. Dass mich meine Tochter überhaupt als ihren Vater akzeptiert, darauf bin ich unglaublich stolz. Sie ist übrigens deutsche Vizemeisterin im Fechten – das muss wohl so sein in unserer Familie.

Ehe Seit acht Jahren bin ich mit Anna verheiratet. Sie kommt auch aus Odessa, wohnte zwei Blöcke weiter. Wir kannten einander als kleine Kinder, haben uns dann aus den Augen verloren und ganz zufällig in Deutschland wiedergetroffen. Ohne den anderen wiederzuerkennen. Aber unsere Eltern erinnerten sich jeweils aneinander. Das nenne ich Schicksal! Anna betreibt heute ein Dessousgeschäft in bester Rostocker Citylage und will jetzt noch eine zweite Filiale eröffnen. Sie hat sich in diesem Wettbewerb richtig durchsetzen müssen, das finde ich sehr beeindruckend.

Wenn wir alle zusammen sein können, ist das herrlich. Natürlich ist das viel zu selten. Aber zweimal im Jahr – das ist ungeschriebenes Gesetz – machen wir Urlaub. Im Winter fahren wir nach Tschechien ins Riesengebirge zum Skilaufen, im Sommer reisen wir ans Wasser. Da will ich kein Handy und kein Internet sehen. Ich sage immer: »300 Tage im Jahr kann man mich jederzeit anrufen, aber an diesen wenigen Tagen brauche ich Ruhe für die Familie.«

Mein Leben ist im Moment ziemlich perfekt. Ich habe Frau, Kinder und Arbeit. Wir können gemeinsam Urlaub machen, und wir sind alle gesund. Jetzt überlegen wir sogar, ob wir uns eine Eigentumswohnung kaufen. Und gern würde ich zu meinem A‐Trainer‐Schein auch noch das Trainer‐Diplom machen. Ich denke, es ist sehr wichtig, sich Ziele zu setzen.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

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