Rebecca Blady

»Ich bin wütend«

Rabbiner Jeremy Borovitz mit seiner Frau, der Rabbinerin Rebecca Blady Foto: Gregor Zielke

Rebecca Blady

»Ich bin wütend«

Die Nebenklägerin über den Attentäter von Halle, ihre Eindrücke vom Prozess und Forderungen an die Behörden

von Thyra Veyder-Malberg  30.07.2020 11:19 Uhr

Frau Blady, Sie sind Nebenklägerin im Prozess gegen den Attentäter von Halle – am 9. Oktober 2019 haben Sie den Anschlag auf die Synagoge miterlebt, als Teil einer Betergruppe der Synagoge Fraenkelufer. Nun waren Sie beim Prozessauftakt im Saal dabei. Wie geht es Ihnen?
Eigentlich okay. Ich finde die große Unterstützung bewegend – vor allem die Solidaritätskundgebung, die von verschiedenen antirassistischen Gruppen organisiert wurde. Das gibt mir viel Rückhalt. Es war ein schwieriger Tag, aber den Mann zu sehen, der diese schrecklichen Dinge getan hat, hat mich in gewisser Weise damit abschließen lassen. Deshalb bin ich froh, dass ich kommen konnte. Hoffentlich führt die Nebenklage am Ende zu mehr Gerechtigkeit.

Welchen Eindruck haben Sie von dem Angeklagten?
Er wusste genau, was er tat. Seine Motive waren sehr klar. Er hasst Araber, Muslime und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Er hasst Juden und gibt ihnen die Schuld an der – wie er es nennt – Migrationskrise. Er stand zu seinen Überzeugungen. Für solche Menschen darf es in unserer Gesellschaft keinen Platz geben, sie müssen weggesperrt werden. Denn er, seine Ideologie und die Menschen, die sie teilen, sind lebensbedrohlich. Klar ist auch: Er ist nicht verrückt. Was er denkt, tötet Menschen. Es ist wirklich schwer, dem zuzuhören. Gleichzeitig ist es wichtig, zu erkennen, dass das Problem, dem diese Gesellschaft gegenübersteht, sehr real ist. Wir müssen daran arbeiten, es zu beseitigen.

Welche Fragen möchten Sie dem Beschuldigten stellen und in diesem Prozess beantwortet bekommen?
Ich habe keine Fragen an ihn, ich habe Fragen an die Regierung dieses Landes, an die Menschen, die für das Gerichtswesen verant-
wortlich sind, und an die Polizeibeamten, die dafür verantwortlich sind, den Frieden aufrechtzuerhalten. Ich möchte sie fragen, was sie davon halten. Was sie brauchen würden, um dieses Problem innerhalb der deutschen Gesellschaft loszuwerden. Ich möchte wissen, was ihr Plan ist, ich will sehen, dass etwas getan wird. Ich habe kein Interesse daran, mit diesem Typen zu sprechen, es ist klar, was er will. Aber ich bin wütend, dass es Strukturen gibt, die es möglich machen, dass diese Ideologien fortgeführt und in die Tat umgesetzt werden können.

Wie bewerten Sie die Verhandlungsführung der Vorsitzenden Richterin?
Die Richterin folgte der Strategie, Fragen zu stellen, die der Angeklagte beantworten musste. Anfangs war es sehr frustrierend. Ich wollte den Angeklagten nicht mehr reden hören und war verärgert, dass sie ihm eine Bühne geboten hat. Dann ist mir klar geworden, dass ihre Strategie es möglich gemacht hat, zu hören, wie er denkt. Wirklich beängstigend war, dass er seine Waffen und Vorbereitungen fast genauso ausführlich geschildert hat wie seinen Hass auf Fremde und arabische und muslimische Geflüchtete. Er war sehr stolz auf seine Waffen. Und diese zwei Gedankenstränge – die Liebe zu Waffen und der Hass auf Minderheiten – sind entsetzlich und offensichtlich tödlich. Das hätten wir nicht erfahren, wenn die Richterin nicht so sorgfältig nachgefragt hätte.

Was soll die deutsche Gesellschaft aus diesem Prozess lernen?
Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass diese hasserfüllten, antisemitischen, fremden- und frauenfeindlichen Ideologien hier noch existieren. Und wie verkehrt es ist, dass sie sich trotz der Geschichte dieses Landes immer noch offenbaren können. Wir alle müssen dafür Sorge tragen, dass es tiefgreifende Veränderungen im System gibt – besonders aber diejenigen, die für den Erhalt des öffentlichen Friedens verantwortlich sind. Diese Menschen dürfen keine Bühne mehr bekommen und ihre Ideologie nicht in die Tat umsetzen. Es braucht genug Bildung, Austausch und Dialog, damit diese Ideologie endgültig verschwindet. Hier gibt es einfach keinen Platz für eine Ideologie der weißen Vorherrschaft.

Mit der Nebenklägerin im Prozess gegen den Halle-Attentäter sprach Thyra Veyder-Malberg.

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