Porträt der Woche

»Ich bin vom Krieg gezeichnet«

Bereitet eine Konferenz zum 70. Jahrestag des Blockade-Endes vor: Evgeny Karchemnik (73) Foto: Jörn Neumann

Am 21. Januar gedenken wir mit einer Konferenz des Endes der Leningrader Blockade vor 70 Jahren. Ich bin seit Wochen sehr beschäftigt mit der Organisation der Tagung und einer begleitenden Ausstellung. Morgens setze ich mich gleich an den Computer, denn es ist für mich nicht einfach, auf Deutsch alles richtig zu schreiben.

Meine Frau und ich, wir lebten beide als kleine Kinder in der eingekesselten Stadt. Ich weiß, dass ich die schreckliche Hungersnot nur überstanden habe, weil meine Mutter mir ihr Blut spendete. Ich war bereits an der Schwelle des Todes, und sie hat mir auf diese Weise das Leben gerettet. Aber sie war nicht die einzige Mutter, die für ihre Kinder alles gab. Man hat mir erzählt, dass sich die meisten Menschen gegenseitig halfen, wo sie konnten. Aber es gab natürlich auch andere Fälle.

Vater Eine eigene Erinnerung an die Jahre der Blockade habe ich nicht. Auch nicht an meinen Vater. Er war Offizier der Roten Armee und ist am Tag, an dem Hitler die Sowjetunion überfiel, bei Brest gefallen. Ich war damals ein Jahr alt. Der Krieg hat mich für mein ganzes Leben gezeichnet. Meine Frau, die ein bisschen älter ist als ich, erinnert sich an alles, doch sie weigert sich, darüber zu reden. Vielen Überlebenden geht das so. Es kommen uns sofort die Tränen – es kostet viel Mühe, sie zurückzuhalten.

Aber wenn die ältere Generation nichts erzählt, werden die Kinder nichts darüber erfahren. Die Blockade von Leningrad wird in den hiesigen Schulbüchern kaum erwähnt, ihr wird weniger Bedeutung als den anderen Kriegsschauplätzen beigemessen. Deshalb habe ich in Köln den Klub »Veteran« gegründet. Allein in dieser Stadt wohnten in den vergangenen Jahren bis zu 86 Überlebende der Blockade. Heute sind es nur noch 74. Wir stellen uns Schulen als Zeitzeugen zur Verfügung. Ich war kürzlich in ein Gymnasium eingeladen, und es hat mich sehr erstaunt, wie viele Fragen die 17-Jährigen gestellt haben. In nächster Zeit wollen wir noch viele weitere Schulen in der Umgebung besuchen. Hauptsächlich werde ich das tun, denn für die meisten anderen ist es zu schwer, weil sie krank oder schon zu alt sind.

Leid Ich werde oft gefragt, warum ich nach all den Kriegserlebnissen und Opfern, die meine Familie bringen musste, ausgerechnet nach Deutschland gekommen bin. Nun, die meisten Zuwanderer antworten dann: wegen der Kinder. Ich bin da keine Ausnahme. Doch es gibt noch weitere Gründe: Ich weiß, dass mir hier in Deutschland kein Leid geschieht, weil die Menschen die Vergangenheit bereuen.

In der Sowjetunion habe ich selbst keinen Antisemitismus erlebt, weder in der Schule noch an der Uni. Ich habe Medizin studiert, promoviert und schließlich die radiologische Abteilung eines städtischen Krankenhauses geleitet. Ich bin ganz normal die Karriereleiter hinaufgestiegen. Man hat mich wegen meiner Kenntnisse geschätzt. 40 Jahre lang habe ich als Arzt gearbeitet, praktisch bis zum letzten Tag vor der Abreise. Hier in Deutschland wurde mein Abschluss zwar anerkannt, aber ich war schon 64, als ich ankam, also knapp vor dem Rentenalter. Da hatte es keinen Sinn mehr, sich nach einer Stelle umzuschauen.

Und so führe ich ein gewöhnliches Rentnerleben: Ich lese, kümmere mich um die Enkel, sehe fern, höre Musik. Hin und wieder gehe ich meinen Freund besuchen: Er ist Witwer und lebt im Elternheim. Zweimal die Woche besuche ich einen Deutschkurs. Nur ein Mal bringt nicht viel, besonders, wenn die Kommunikation mit den Einheimischen fehlt. Ich will über das Niveau B1 hinaus. Diesmal habe ich eine sehr gute Lehrerin erwischt.

Meine Frau und ich fahren auch regelmäßig zu unserem Sohn nach Thüringen. Zu verreisen ist für uns immer ein großes Ereignis. Zum Glück sind wir gesundheitlich noch gut beisammen, und wir fallen niemandem zur Last. So oft es geht, besuchen wir Konzerte in der Philharmonie, besonders, wenn bekannte Musiker aus Russland hier gastieren, zum Beispiel Anna Netrebko. Manchmal gehen wir auch zu Veranstaltungen in der Gemeinde.

Religion Ich bin ganz automatisch Gemeindemitglied geworden, als ich nach Köln kam, und habe erst hier die jüdische Religion kennengelernt. Vorher waren wir Atheisten oder besser gesagt, Menschen ohne Glauben, ohne moralische Lebensgrundlage, abgesehen von der kommunistischen. »Du sollst nicht stehlen« oder »Du sollst nicht töten« – das galt auch damals. Inzwischen habe ich mich viel mit dem Judentum und auch mit anderen Religionen beschäftigt: dem Bahaismus, dem Hinduismus oder dem Islam. Ich kann die Feindschaft zwischen Muslimen und Juden deshalb überhaupt nicht verstehen. Wir stammen doch alle von unserem Vater Abraham ab und haben viele Gemeinsamkeiten.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich auf der Suche nach der eigenen Identität viel über jüdische Geschichte und Tradition gelesen. Ich spüre jetzt in mir dieses Gefühl der Zugehörigkeit. Der Schmerz, den Generationen unserer Vorfahren erlebt haben, wird auf jeden Juden übertragen: Man lebt damit. Mit mehr Aufmerksamkeit seitens der Synagogen-Gemeinde wäre ich vielleicht religiöser geworden. Aber so habe ich den Eindruck, die Leitung hat vor allem Interesse an den Mitgliedern als Masse und weniger an ihnen als Persönlichkeiten. Deshalb feiere ich den Schabbat zu Hause mit Kerzen und einem Dankgebet, das ist alles.

Seitdem ich Rentner bin, habe ich endlich Zeit zum Lesen. Früher fehlte sie mir sehr: Nach dem Zerfall der Sowjetunion hatte ich zwei, drei Jobs gleichzeitig, um über die Runden zu kommen. Eine Zeit lang habe ich vor allem jüdische Schriftsteller für mich entdeckt. Die Romane von Amos Oz, Meir Shalev und Isaac Singer habe ich geradezu verschlungen. Ich bedauere, dass ich kein Jiddisch kann.

Veteranen Seit zwei Jahren ist es wieder so, dass ich wenig Zeit habe. Zufällig bin ich nämlich damals zu einer Versammlung des Bundesverbands der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen sowie der Überlebenden der Leningrader Blockade eingeladen worden. Ich traf dort auf Menschen Ende 80, mit Medaillen behängt, vor denen ich mich verneigen wollte. Wegen ihrer Altersgebrechen fällt es ihnen immer schwerer, aktiv im Verband mitzuarbeiten. Ich will sie unterstützen und engagiere mich deshalb dort. Das ist nun meine Hauptbeschäftigung.

Im September wurde ich zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. Das hat mir ein paar Türen geöffnet bei den Vorbereitungen der Konferenz. Die sind sehr aufwendig. Aber wir bekommen Unterstützung von allen Seiten. Wir haben Vertreter des russischen Konsulats, des Landes NRW, der Medien und der Schulen eingeladen. Museen haben uns Bücher geschickt, und wir haben den Dokumentarfilm Blockade gekauft. Wir haben auch viele authentische Dokumente der Epoche finden können. Es ist für uns kein Tag zum Feiern, sondern wir wollen mahnen und an die Kriegsopfer erinnern: Während der 900 Tage Belagerung sind in Leningrad mehr als eine Million Menschen umgekommen.

Bald werden wir auch mit den Vorbereitungen des 70. Jahrestages des Sieges über Nazi-Deutschland beginnen. Es gibt nur noch wenige Veteranen, die mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus gekämpft haben, aber es sind faszinierende Personen. Sie erinnern sich an den Krieg, an ihre Freunde und Kameraden, als wäre es gestern gewesen. Ich kenne einen Artilleristen, der ist 89 Jahre alt, aber wenn er seine Geschichte erzählt, dann spannt sich sein ganzer Körper an. Diese Menschen wissen noch genau, wie man die Kanone lud und wie man sich in den Nahkampf stürzte. Diese Erinnerung lässt niemanden kalt.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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