75. Geburtstag

»Ich bin in Leipzig zu Hause«

Küf Kaufmann Foto: PR

Herr Kaufmann, Sie sind Autor, Kabarettist, Schauspieler – in welcher künstlerischen Rolle sehen oder sahen Sie sich am liebsten und warum?
Alle Tätigkeiten, derer ich mich annehme, versuche ich unter einem einzigen Kernaspekt anzugehen: dem Versuch, ein durchlässiger Mensch zu bleiben und niemals gleichgültig zu werden. Und das wiederum hilft allen meinen Rollen sowohl im gesellschaftlichen Leben als auch in den kreativen Seiten meiner Arbeit.

Eigentlich sind Sie seit Jahrzehnten nicht nur der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Leipzig, sondern auch Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden. Das heißt, Sie müssen sich auch mit bürokratischen Angelegenheiten beschäftigen. Nervt Sie das?
Es nervt mich, dass die Jahre zu schnell vergehen … Was die Bürokratie angeht, so bin ich (dank dem Allmächtigen) von professionellen Leuten umgeben, die mir keine Fehler erlauben, selbst wenn ich es wirklich will!

Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit im Zentralratspräsidium?
Unglaublich wichtig! Der Zentralrat und sein Präsidium sind ein eng verbundenes Team von begeisterten Enthusiasten und qualifizierten Fachleuten, die unsere nicht sehr große, aber vielfältige und vielseitige jüdische Familie in unserer multikonfessionellen (oder auch atheistischen) Gesellschaft repräsentieren. Das Präsidium reagiert sensibel auf die Angriffe des hartnäckigen Virus des Antisemitismus auf unseren Organismus. Wichtige politische Impulse gehen vom Präsidium aus. Ich erlaube mir, das Präsidium des Zentralrats mit einem Herz zu vergleichen, das für alle jüdischen Gemeinden in Deutschland gleichmäßig rhythmisch schlägt. Der Puls der Gemeinden selbst hängt oft von der Arbeit dieses Herzens ab. Ich hatte das Glück, eine kleine Klappe dieses großen Herzens zu sein. Integration und Kultur sind für mich nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern der Sinn und Inhalt meines eigenen Lebens.

Mittlerweile ist es 13 Jahre her, dass das Kultur- und Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus eröffnet wurde. Der Verwirklichung gingen Jahre des Streits mit Nachbarn im Waldstraßenviertel voraus. Was hat das damals für einen Eindruck bei Ihnen hinterlassen?
Ich erinnere mich nicht nur an vereinzelte unangenehme und finanziell spürbare Widerstände gegen das Projekt, sondern vor allem an die großartige Unterstützung Tausender Bewohner des Viertels und der ganzen Stadt für die Umsetzung des neuen Konzepts des Ariowitsch-Hauses.

Die Frage stelle ich auch deswegen: Wie nehmen Sie den heutigen Antisemitismus wahr? Spielte er nicht auch eine Rolle beim Bau des Hauses?
Im Hinblick auf den heutigen Antisemitismus ist es bitter festzustellen, dass dieses Unkraut immer noch kühn die gesunden Triebe der Harmonie und des gegenseitigen Respekts in unserem gemeinsamen Garten durchbricht. Wir müssen wachsame Gärtner sein.

Das Ariowitsch-Haus ist ein großer Erfolg geworden. Sie haben viele Veranstaltungen anzubieten. Bleibt auf diesem Wege Ihre künstlerische Seele in Schwung? Was ist Ihnen besonders wichtig?
Das Team! Ich meine es ernst. Ein Team, das genau weiß, was es mit Inspiration und Ehrlichkeit anstellt und wozu es dies tut. Es ist unmöglich, alles in der Kürze abzudecken. Hier nur ein kleiner Ausschnitt aus dem vielfältigen Portfolio: Es ist ein Kulturzentrum mit mehr als 100 Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur pro Jahr, von Bildung bis Unterhaltung. Es ist ein Mehrgenerationen-Haus mit offenem Treff und Kursangeboten für jedes Alter. Es ist ein Bildungszentrum für den Abbau von Antisemitismus, für die Zivilgesellschaft von Bundeswehr über Justiz und Schulen bis zu zivilgesellschaftlichen Vereinen, ein Netzwerk mit Kontakten zu lokalen, regionalen, landes- und bundesweiten Akteuren. Besonders wertvoll sind uns die gemeinsamen Aktionen mit dem Zentralrat (zum Beispiel »Schalom Aleikum«) und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Das Team des Ariowitsch-Hauses hat viele weitergehende Ambitionen für die Zukunft.

Haben Sie überhaupt noch Zeit, künstlerisch zu arbeiten?
Sicherlich! Dieser Prozess ist in mir! Er hat keine Pause!

Sie feiern Ihren 75. Geburtstag. Was bedeutet für Sie Alter?
Zeit rinnt und lässt sich nicht einholen. Aber trotzdem muss man sich beeilen, um Zeit zu haben, das zu verwirklichen, was man geplant und sich vorgestellt hat! Natürlich mit Gottes Hilfe!

Alter auch in Hinblick auf die früheren Jahre noch in der »Sowjetunion« und die Jahre in Deutschland: Lassen sie sich vergleichen? Haben Sie zwei oder mehrere Leben? Erzählen Sie einmal …
Ja, Sie haben recht: Das sind unterschiedliche Leben – voller Risiken und unterschiedlicher Perspektiven. Aber aus heutiger Sicht, wenn ich zurückblicke, verstehe ich – das sind nicht zwei oder drei Leben! Dies ist EIN langes Leben. Mein Leben!

Wie verwurzelt – oder sagen wir vielleicht heimisch – fühlen Sie sich in Leipzig? Und was vermissen Sie aus der Vergangenheit am meisten?
In Leipzig bin ich zu 100 Prozent zu Hause! Und von der Vergangenheit fehlt mir nur eines – meine Jugend!

Welche Rolle spielt dabei die Jüdische Gemeinde Leipzig?
Die Leipziger Jüdische Gemeinde ist ein ganz besonderer Organismus. Sie ist ein intensives, traditionelles religiöses Leben und weltoffen. Der Tradition folgend und in die Zukunft blickend. Wir sind eine Familie! Wir sind eine kleine Familie – nur 1200 Personen. Dies sind deutsche, ukrainische, russische, georgische und usbekische Juden. Juden aus Israel, Kanada und Mexiko. Und natürlich aus Ungarn – und das ist Gemeinderabbiner Zsolt Balla! Ich lernte Rabbi Balla kennen, als er Student am Hildesheimer Rabbinischen Seminar zu Berlin war, in dem ich Kuratoriumsmitglied bin. Heute ist Rabbiner Zsolt Balla Leiter des Instituts für traditionelle jüdische Liturgie, sächsischer Landesrabbiner und Bundesmilitärrabbiner. Was kann ich noch über die Gemeinde sagen, wenn sie einen solchen Rabbiner hat?

Wir wollen kein Bashing betreiben, aber ist Sachsen ein gutes Pflaster, um als Jude dort zu leben, haben Sie schon einmal »etwas« (Antisemitisches) erleben müssen?
Ich persönlich habe noch keine Faust in die Fresse bekommen. Aber bestimmte Erscheinungen von Antisemitismus gibt es doch – und zwar nicht nur in Sachsen, sondern in der ganzen Welt. Was Sachsen betrifft, möchte ich mit Stolz betonen, dass auch wir als Bundesland einen Beauftragten der Staatsregierung für jüdisches Leben haben. Das heißt, man kümmert sich um die Unterstützung und Entwicklung. Und das spüre ich am eigenen Leib. Leipzig gehört übrigens immer noch zu Sachsen, und die Stadt fördert das Ariowitsch-Haus seit seiner Wiedergeburt. Auch wenn irgendwo in Sachsen einige Rechte laut furzen, bedeutet es nicht, dass die Luft in Sachsen nicht sauber ist.

Leider müssen wir auch den Krieg Russlands gegen die Ukraine ansprechen: Wie weh tut Ihnen die Tatsache des Krieges, sind Angehörige involviert?
Ich habe selbst lange Zeit in der Ukraine gelebt, lange in Russland. Und so geht dieses Thema durch alle Familien in unserer Gemeinde. Es gibt aber keinen Streit. Dieser Krieg ist eine tiefe Wunde für uns alle. Das Drama des Krieges erlebt die Gemeinde genauso wie jeder andere vernünftige Mensch. Jeder Krieg kommt einmal an sein Ende. Ich hoffe, dass die Politiker – egal welcher Art oder Couleur sie angehören – verstehen werden, dass das menschliche Leben wichtiger ist als alle politischen Ambitionen der Welt.

Was wünschen Sie sich für die Gemeinde, für den Frieden und für sich persönlich?
Gesundheit und Frieden.

Denken Sie mit 75 manchmal, dass auch Jüngere Ihren Job übernehmen sollten und Sie sich zur Ruhe setzen – vielleicht, um wieder als Kabarettist unterwegs zu sein beziehungsweise in Leipzig aufzutreten? Oder haben Sie andere Hobbys – Reisen, Oper, Hund, Katze?
Mit meiner Rente von 300 Euro im Monat muss ich sofort als Kabarettist auf Tour gehen. Bei so einer Rente darf der Humor nie versiegen!

Die Fragen stellte Heide Sobotka.

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