Weimar

Hochzeit, Klezmer, alte Noten

Singen statt Semesterferien: das Caravan-Orchester Foto: Shendl Copitman

Die Hochzeit ist ihr wichtigstes Geschäft. Die Klezmorim begleiten das Paar und die Gäste an diesem so besonderen Tag. Das war schon vor 100 Jahren so. Und nun spielt – als Weltpremiere – das Traditional Klezmer Project um Christina Crowder (Akkordeon, USA), Christian Dawid (Klarinette, Blasinstrumente, Berlin), Abigale Reisman (Violine, USA) und Samuel Seifert (Violine, Leipzig) auf der Bühne des Erfurter Zughafens.

Es ist Sommerzeit. Zeit für den Yiddish Summer Weimar, der in nunmehr 23 Jahren längst zu einem großen Event in vielen Städten des kleinen Bundeslandes in der Mitte Deutschlands geworden ist. Das Quartett gehört zu den »Wandering Stars« des »Traditional Klezmer & New Yiddish Music Project«.

Den Beleg für die alte Klezmermusik fanden die Macher des Yiddish Summer in den verschollen geglaubten Aufzeichnungen, die Guzman Kiselgov vor 100 Jahren in der Ukraine und Weißrussland zwei Jahre lang gesammelt hat und die in einer Bibliothek in Kiew (Ukraine) wieder aufgetaucht sind. Der Yiddish Summer Weimar ist damit wieder einmal Teil der internationalen Forschungsgemeinschaft.

»Man muss erst den Klang erkennen und dann die Noten«, sagt Christina Crowder. Sie kommt aus New York und hat als Leiterin des Klezmer Institute in New York gemeinsam mit dem Yiddish Summer und 200 Helfern weltweit viele dieser Manuskripte digitalisiert und transkribiert. Was sie da übersetzt haben, ist ein Lebensgefühl. Die Lust der Klezmorim auf das Leben zum Beispiel. Und ja, es geht viel um die Hochzeit. Denn die war daswichtigste Geschäft der Musiker.

VIELFALT Es ist unmöglich, alle Events des Yiddish Summer während der fünf Wochen zu besuchen. So viel Zeit hat niemand. Die Lust darauf aber schon. Die Vielfalt ist auch in diesem Jahr wieder ernorm. Und die Einzigartigkeit blitzt immer wieder im Programm auf. Nun also sind The Klezmatics aus den USA endlich zu Gast beim wohl wichtigsten internationalen Jiddisch-Festival. Sie zählen längst weltweit zu den Spitzenensembles. In diesem Jahr besteht die Gruppe um Mitbegründer Lorin Sklamberg (Akkordeon, Gitarre, Gesang) seit 35 Jahren.

Die Klezmatics bringen ein buntes Durcheinander der Stilrichtungen auf die Bühne – und das Publikum dankt mit riesigem Applaus. »Auf das Leben«, singen sie. Es ist das Motto ihres Programms und des schlagzeugbetonten Rhythmus (Richie Barshay). Ihre Musik sorgt sofort für Lebensfreude. Die Art und Weise, wie Sklamberg, Barshay, Frank London (Trompete, Keyboard), Matt Darriau (Kaval, Klarinette) und Paul Morrissett (Bass, Tsimbl) aufspielen, bringt Leichtigkeit.

Amal Murkus, palästinensische Sängerin aus Israel, wird fröhlich bejubelt.

Lisa Gutkin (Violine, Gesang) und die anderen wirken regelrecht befreit. Endlich wieder spielen! Mit den Instrumenten, mit dem Publikum. Ihnen gelingt, dass das Publikum den leisen, schwermütigen Titeln ebenso folgt wie dem Klamauk. Wahre Beifallsstürme ernten sie für »Ale Brider« (Alle Brüder). »Oi, Oi, Oi« lässt sich auch prima mitsingen und mit auf den beschwingten Heimweg nehmen.

Ilya Shneyveys benötigt mit seinem Caravan-Orchester in Weimar im Sommertheater am E-Werk genau ein Musikstück, bis nicht nur die Musiker tun, was er von ihnen fordert. Auch sein Publikum folgt ihm wieder einmal voller Lust und Leicht-Sinn. Dem Musiker aus Lettland, der inzwischen in den USA lebt, ist es erneut gelungen, das Caravan-Orchester gut einzustimmen.

Es besteht aus Jugendlichen aus Haifa und Weimar, die für den Yiddish Summer gemeinsam proben und auf ihre Semesterferien von den Musikhochschulen verzichten. Und vor allem Ilya Shneyveys sorgt dafür, dass die 40 jungen Leute an den Instrumenten unbeschwert und doch professionell spielen, mit sichtbarem Spaß.

CHOR Co-Dirigent Jeryes Murkus Ballon ist – wie auch andere Musiker – nicht das erste Mal zu Gast in Weimar. Ebenfalls hier schon bekannt sind einige der jungen Frauen im Chor, die exzellent von Polina Shepherd (Großbritannien) und Amal Murkus (Israel) begleitet werden. Amal Murkus singt zudem auch noch a cappella. Die palästinensische Sängerin aus Israel wird fröhlich bejubelt.

Mitten im Publikum sitzen Künstlerinnen und Künstler des Yiddish Summer, die an diesem Abend endlich auch einmal Publikum sein dürfen: Sveta Kundish, Sasha Lurje, Samuel Seifert, Christina Crowder oder Miriam Camerini reagieren genauso begeistert wie die anderen, klatschen, singen und jubeln den Jungen da oben zu. Lässt sich die Stimmung solch eines Konzerts noch steigern? Ja, in Leipzig. Wenn The Klezmatics und das Caravan-Orchester gemeinsam auftreten: Jubel garantiert.

Die bekanntesten Vertreter jiddischer Musik sind während dieses Festivals sehr um die ganz Jungen, um die Lernenden bemüht. Sie nehmen ernst, was die Macher des Yiddish Summer vorgeben: Er möge ein Festival des Lernens, der Entwicklung, der Forschung und der Präsentation sein.

Es gibt ein Miteinander, das so nur selten passiert. Hier begegnet man sich auch in diesem Jahr wieder auf Augenhöhe. Das Miteinander auf und jenseits der Bühne ist überall zu spüren. Endlich wieder mittendrin sein. Mark Kovnatskiy (Violine) beispielsweise hatte während der Pandemie 300 Nächte lang Nacht für Nacht eine Melodie gespielt, die Menschen aus aller Welt sich zuvor wünschen durften. Und jetzt, endlich, sehen er und sein Publikum sich wieder.

Im Caravan-Orchester singen und spielen Jugendliche aus Haifa und Weimar.


Dass der Yiddish Summer Weimar zu einem so großen Event mit 14 Workshops, 80 Einzelveranstaltungen in ganz Thüringen und einem Jugendcamp geraten konnte, spricht für die Besonderheit dieses Festivals und auch für die Unterstützung durch die Staatskanzlei und die Stadt Weimar. So konnten die Künstler aus aller Welt wiederkommen.

HOFFNUNG Um das Festival nicht zu gefährden, haben die Organisatoren diesmal alle Veranstaltungen ins Freie verlegt. Das war klug. Die steigende Inzidenz ist zwar in Thüringen noch nicht besorgniserregend, doch im Vorfeld konnte niemand wissen, wie schnell die Situation kippen kann.

Hoffnung macht auch, wie gern das Publikum die Angebote des Yiddish Summer annimmt – so gern, dass auch kleine Städte und Orte auf dem Tourneeplan stehen. Das Festival dürfte neue Zuschauerrekorde gebracht haben, wenn am 21. August der letzte Vorhang fällt, und ist weiterhin deutschland- und wohl auch europaweit das populärste Fest jiddischer und jüdischer Kultur.

Aber auch die Achava-Festspiele vom 19. September bis 3. Oktober sind bereits unter der Intendanz von Martin Kranz vorbereitet und bieten Uraufführungen, internationale Künstler und Gespräche unter dem Feigenbaum.

www.yiddishsummer.eu

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