Porträt der Woche

»Hobbys sind mein Beruf«

Esther Hirsch ist Cafébesitzerin und Kantorin. Jetzt bereitet sie sich auf Pessach vor

von Christine Schmitt  29.03.2016 11:49 Uhr

»Ich lasse mich nicht verrückt machen, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht«: Esther Hirsch (46) Foto: Chris Hartung

Esther Hirsch ist Cafébesitzerin und Kantorin. Jetzt bereitet sie sich auf Pessach vor

von Christine Schmitt  29.03.2016 11:49 Uhr

So schnell kann mich nichts aus der Ruhe bringen. Auch weil ich es gelernt habe, mich durchzusetzen. Etwa, wenn ich den von Betern umringten Rabbiner wenige Minuten vor dem Gottesdienst noch einmal sprechen muss, um die letzten Details der Liturgie durchzugehen, oder wenn ich einen plötzlichen Gästeansturm in unserem Café zur besten Kaffee-und-Kuchen-Zeit bewältigen muss.

In Situationen wie diesen habe ich mir eine Gelassenheit angewöhnt, die ich wahrscheinlich schon hatte, als meine Kinder noch jünger waren. Wenn ich merkte, dass ich meine damalige Arbeit als Nachrichtenredakteurin bei Sat.1 nicht in den Öffnungszeiten der Kita bewältigen konnte, dann rief ich eine andere Mutter an und bat sie, meine Tochter oder meinen Sohn mitzunehmen – und konnte so meine Arbeit zu Ende bringen. Wobei meine beiden Kinder nun schon größer sind und nicht mehr abgeholt werden müssen und ich auch seit Jahren nicht mehr beim Fernsehen arbeite.

hundertProzent Ebenso gelassen muss ich es nehmen, dass sich das Café Deer, das ich zusammen mit meinem Ehemann Bob auf die Beine gestellt habe, finanziell noch nicht trägt. Ich habe zwei Berufe, die gleichzeitig auch meine Leidenschaften sind: Ich bin Kantorin in der Synagoge Sukkat Schalom und Cafébesitzerin. Ich habe meine Hobbys zum Beruf gemacht. Was ich mir vorgenommen habe, das will ich auch 100-prozentig machen.

Das Café, in dem vorher ein Kiosk untergebracht war, ließen mein Mann und ich aufwendig sanieren. Mittlerweile ist es mit Holztischen, Stühlen und hellen Dielen gemütlich eingerichtet. Wir haben uns für eine individuelle Einrichtung entschieden und alle Möbelstücke selbst zusammengetragen.

Ebenso sorgfältig wollen wir bei der Auswahl der Getränke und Speisen sein: Die Kaffeebohnen kommen aus einer Berliner Rösterei und die Kuchen und warmen Speisen aus einer Manufaktur – alles bio und vegan.

gründlich Genauso gründlich bereite ich mich als Kantorin auf die Gottesdienste an der Seite von Rabbiner Andreas Nachama in der Synagoge Sukkat Schalom vor, und zwar ohne Gehalt. Ich bekomme lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung.

Mittlerweile bin ich seit elf Jahren – seitdem Noga Hartmann nach Frankfurt gezogen ist – jeden Gottesdienst dabei. Noga und ich hatten uns vor ihrem Umzug abgewechselt. Und da die Beterschaft in den vergangenen Jahren immer mehr gewachsen ist und somit mehr Gottesdienste angeboten werden, heißt es für mich, jeden Freitagabend, jeden Samstagvormittag und an allen Feiertagen dazusein.

Zusätzlich biete ich seit einiger Zeit Bar- und Batmizwa-Unterricht an. Aber ich mache es mit ganzem Herzen. Darauf würde ich nicht verzichten wollen, und ich freue mich, wenn mich Eltern oder Kinder fragen, denn das ist ein großer Vertrauensbeweis und für mich so unglaublich wichtig, mein Wissen und die Freude am Gebet weiterzugeben.

zöpfe Manchmal muss ich daran denken, wie ich als Zehnjährige Oberkantor Estronga Nachama sel. A. lauschte. Ich saugte wie ein Schwamm alles ein, weil es mich faszinierte. Auch hörte ich den Kantoren Ralph Ries sel. A. und Alexander Nachama genau zu. Diese Gebetsgesänge sind ein Teil von mir geworden.

Eigentlich habe ich somit eine Ausbildung genießen können, wie sie sein sollte. Man hört Kantoren zu und übernimmt die Musik von ihnen. Im Laufe der Zeit verändert man sich und seinen Geschmack und lernt immer wieder etwas Neues kennen, auch dank einer großartigen und vielfältigen Literatur aus Amerika. Oft lasse ich mittlerweile eigene musikalische Ideen mit einfließen und gestalte so die Musik individuell.

Bereits mit neun Jahren habe ich im Kinderchor von Monika Almekias-Siegl in der Synagoge mitgesungen. Ein Foto auf einem Schallplattencover, die der Chor damals aufgenommen hat, zeigt mich noch mit langen braunen Zöpfen. Später sang ich im Synagogenchor Herbartstraße, mit zehn im Gottesdienst.

Ich bin in diesem Synagogenchor aufgewachsen. Damals wohnte ich noch mit meinen Eltern in Zehlendorf. Als der Rabbiner mich fragte, ob ich bei Sukkat Schalom als Vorbeterin amtieren wollte, wusste ich sofort, dass ich es möchte und kann, denn ich hatte schon seit langem Gesangsunterricht genommen.

vorbeterin Ich kann mich noch genau an meine erste Vorbetertätigkeit erinnern, obwohl es mittlerweile elf Jahre her ist. Ich war sehr aufgeregt, und es klappte nicht alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte – aber ich glaube, keinem Beter ist etwas aufgefallen.

Von klein auf hat mich ja die liturgischen Synagogalmusik geprägt. Ich bin auch mit Auftritten auf der Bühne und mit dem Vorsingen vor Publikum groß geworden. Dass ich es seit meiner Kindheit mache, gibt mir Sicherheit. Eine der wichtigsten Regeln für mich lautet: Wenn doch einmal etwas schiefgehen sollte, es sich nicht anmerken lassen.

Natürlich ist viel Literatur von Louis Lewandowski dabei. Ich glaube ja, dass er ein Workaholic war, da er so viel geschrieben hat – aber ein genialer. Ich suche auch immer neue Literatur wie beispielsweise von Debbie Friedman (1951–2011) aus den USA.

Man beschließt nicht einfach, Vorbeterin zu werden. Das ergibt sich eher aus dem Lebensweg. Das ist zumindest meine Meinung. Ich hatte ja das große Glück, alles von Kantoren zu lernen – schließlich gab es damals noch keine Kantorenausbildung am Abraham Geiger Kolleg.

gemeinschaft Außenstehende haben vielleicht durchaus ab und zu den Verdacht, dass in Synagogen immer die gleichen Gesänge erklingen. Das ist aber ein Trugschluss. Denn die Literatur ist umfangreich, und manches kann sich schon mal etwas ähnlich anhören.

Im Gottesdienst singe ich entweder allein oder mit einem Chor, der aus acht Sängern besteht, oder im Wechselgesang mit der Gemeinde. Dann führe ich die Melodie ein. Wenn die Gemeinde sie übernimmt, entsteht ein schönes Gemeinschaftserlebnis.

Die Literatur suche ich vorher aus und bespreche sie meist per E-Mail mit Rabbiner Nachama. Glücklicherweise kann ich das Notenarchiv von Estrongo und Alexander Nachama nutzen.

Als Kantorin bin ich ab und zu auch bei Beerdigungen im Einsatz, wenn jemand im halachischen Sinne nicht jüdisch war, aber Wert auf eine jüdische Zeremonie legt. Das kommt beispielsweise vor, wenn väterlicherseits Juden in der Familie waren.

berufe Nach meinem Abitur fing ich erst einmal an, Jura zu studieren und absolvierte anschließend ein journalistisches Volontariat in einem Redaktionsbüro. Dazu zählte eine mehrmonatige Hospitanz bei Sat.1 in der Budapester Straße.

Später wurde ich ins Redaktionsbüro übernommen, bis ich einen Anruf von dem Fernsehsender erhielt: »Bei uns ist eine Stelle frei, willst du?« Klar wollte ich. Mehr als zehn Jahre arbeitete ich dort als Nachrichtenredakteurin.

Besonders gern mochte ich an der Arbeit, dass ich hinter die Kulissen schauen konnte und somit ganz andere Einblicke bekam. Aber dann kam die Kirch- und damit auch die Medienkrise, es änderte sich alles und somit auch mein Arbeitsleben. Aber ich sah es damals gelassen. Ich wollte mich nicht verrückt damit machen, dass dieser Lebensabschnitt zu Ende ging. Es war der geeignete Zeitpunkt aufzuhören. Ich fühlte mich darauf vorbereitet.

Mittlerweile hatte ich auch zwei Kinder bekommen, dazu kam die Vorbetertätigkeit. Langeweile schien also nicht in Sicht. Aber da war noch etwas, das mein Mann und ich immer mochten: in einem Café zu sitzen und Kaffee zu trinken.

café Und als in unserer Nachbarschaft im Schöneberger Akazienkiez ein Kiosk frei wurde, übernahmen wir den Mietvertrag, sanierten die Räume, kämpften mit den Brandschutzbestimmungen, verlegten meterweise Kabel und kauften eine professionelle Espressomaschine. Vor drei Jahren dampfte der erste Kaffee auf dem Tisch im Café Deer, was übersetzt Hirsch heißt, an der Merseburger Straße.

Den Namen Hirsch wollten wir für unser Café nicht nehmen, denn damit assoziiert man eher ein gediegenes Lokal, so nach dem Motto: draußen nur Kännchen. Unseren Latte macchiato hingegen trinke ich immer wieder gerne, auch wenn ich mich jetzt schon wieder auf das nächste Projekt vorbereite: die Pessach-Gottesdienste.

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