Berlin

Hinsehen, Erkennen und Handeln

Der Berliner Senat will mithilfe einer Kampagne die Menschen in der Stadt für antisemitische Vorfälle sensibilisieren. Unter dem Motto »Hinsehen, Erkennen und Handeln« stellte die neue Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Montag die Kampagne »Das ist Antisemitismus« vor. Sie richte sich bewusst nicht an Betroffene, sondern an Zeuginnen und Zeugen antisemitischer Vorfälle.

Finanziert wird das Projekt mit 130.000 Euro aus dem Fonds zur Unterstützung Betroffener politisch-extremistischer Gewalt. Geplant ist auch eine Kampagne zu antimuslimischen Rassismus, die am 21. Januar vorgestellt werden soll, wie es auf der Homepage der Landeskommission Berlin gegen Gewalt heißt.

plakatmotive Antisemitismus sei oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, sagte Spranger bei der Vorstellung der vier Plakatmotive, die zum Auftakt in den kommenden zwei Wochen unter anderem als Großplakate und in den sozialen Medien gezeigt werden sollen. Zudem seien für den weiteren Verlauf Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit in Planung.

Die aus dem Alltag herausgegriffenen Plakatmotive nehmen Bezug auf Szenen aus einem Kneipengespräch, auf dem Sportplatz, in der Schule und in der Musik. So heißt es etwa bei dem Motiv eines Sängers im Tonstudio: »Das ist Antisemitismus. Und kein Reim«.

»Sensibilität schärft Aufmerksamkeit und wer aufmerksam ist, schaut hin, lässt Antisemitismus nicht ohne Weiteres geschehen und stärkt somit dessen Bekämpfung.«

Sigmount Königsberg

Der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, nannte die Kampagne einen ersten, wichtigen Schritt: Viele Vorfälle würden nicht gemeldet. Antisemitismus fange nicht erst an, wenn es strafrechtlich relevant wird. »Sensibilität schärft Aufmerksamkeit und wer aufmerksam ist, schaut hin, lässt Antisemitismus nicht ohne Weiteres geschehen und stärkt somit dessen Bekämpfung.«

meldestellen Spranger betonte: »Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Handeln aller Menschen in unserer Stadt ist gefragt.« Jeder und jede könne auf Vorfälle achten, sie benennen und den Betroffenen zur Seite stehen. Vorfälle sollten den Berliner Register- und Meldestellen mitgeteilt und antisemitische Gewalt bei der Polizei angezeigt werden. »Gemeinsam können wir so Antisemitismus zielgerichteter bekämpfen«, sagte die SPD-Politikerin.

Die Kampagne wurde den Angaben zufolge von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt gemeinsam mit einem Beirat aus der jüdischen Community sowie weiteren Expertinnen und Experten aus anderen Verwaltungen und der Zivilgesellschaft entwickelt.

Mit der neuen Kampagne zur sogenannten Dunkelfelderhellung im Bereich Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus sollten die zahlreichen Facetten und Abstufungen von Diskriminierungen und Rassismen aufgezeigt werden: »Es gibt auch jene, die nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen sind.« Die Kampagne solle zum Hinsehen und zum Handeln anregen, teilte die Landeskommission mit.

Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe am Donnerstag.

Gespräch

Der Stoff, aus dem die Albträume sind

Die Schriftstellerin Zeruya Shalev und ihre Übersetzerin Anne Birkenhauer diskutierten aus aktuellem Anlass über den Roman »Schicksal«

von Helen Richter  12.01.2026

Berlin

Erste Schule wird nach Margot Friedländer benannt

Ein Gymnasium in Berlin-Spandau wird künftig den Namen der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer tragen

 12.01.2026

Soziale Medien

Zeit zum Ausloggen

Australien hat es vorgemacht und ein Gesetz verabschiedet, wonach Jugendliche unter 16 Jahren kein eigenes Konto mehr auf Plattformen wie Instagram oder TikTok haben dürfen. Wir haben uns bei jüdischen Teenagern und Eltern umgehört, wie sie darüber denken

von Katrin Richter, Christine Schmitt  11.01.2026

Initiative

Gedenken im Alltäglichen

Im vergangenen Jahr wurden Erinnerungszeichen für rund 50 von den Nazis ermordete Münchnerinnen und Münchner der Öffentlichkeit übergeben

von Esther Martel  11.01.2026

Porträt der Woche

Frau mit kreativem Gen

Nelli Davydenko ist Pädagogin und tanzt gern zu eigenen Choreografien

von Chris Meyer  11.01.2026

Brandenburg

Potsdam soll jüdische Kita bekommen

Zum jüdischen Leben gehören auch jüdische Schulen und Kitas. Eine Kindertagesstätte wird derzeit in Potsdam geplant

 09.01.2026

Leipzig

Kinder greifen koscheres Café an

Sie bewarfen offenbar Mitarbeiter mit Plastikflaschen, beschimpften sie und versuchten, in den Schankraum einzudringen: Die Polizei ermittelt gegen mehrere Kinder und Jugendliche in Leipzig

 08.01.2026

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026

Debatte

Schulen legen Namen von Antisemiten und Eugenikerinnen ab

Hedwig Dohm oder Dag Hammarskjöld sind Namen, die Schulen heute gerne tragen. Andere Schulen sind nach Menschen benannt, deren Wirken heute kritischer gesehen wird als in der Vergangenheit

von Pat Christ  08.01.2026