Porträt der Woche

Herr über 59 Betten

Robert Urseanu liebt Fußball und betreibt ein Hotel in Frankfurt am Main

von Annette Wollenhaupt  22.06.2010 07:36 Uhr

»Mit Fußball verbinde ich Freundschaften und viele schöne Kindheitserlebnisse«: Robert Urseanu (34) Foto: Judith König

Robert Urseanu liebt Fußball und betreibt ein Hotel in Frankfurt am Main

von Annette Wollenhaupt  22.06.2010 07:36 Uhr

Die Weltmeisterschaft in Südafrika ist für mich, den Fußballfan und -spieler, etwas ganz Besonderes. Seit meiner Kindheit bin ich Mitglied bei Makkabi Frankfurt. Der Verein ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Mehr als nur Fußball. Auch wenn ich heute aus Zeitgründen nicht mehr aktiver Spieler bin. Ich habe dort wirkliche Freunde gefunden. Mit zweien von ihnen und meinem Bruder Alex werde ich zum WM‐Finale nach Johannesburg fliegen. Vielleicht machen wir in Südafrika auch eine Safari.

Mit Fußball verbinde ich Freude, spannende Momente, Freundschaften. Und viele schöne Kindheitserlebnisse. Ich war sechs, als ich anfing, bei Eintracht Frankfurt zu spielen. Drei Jahre später wechselte ich zu Makkabi. Gemeinsam mit meinem älteren Bruder Alex. Meistens spielte ich im Mittelfeld, manchmal auch Sturm oder Libero. Ein Erlebnis ist mir besonders intensiv in Erinnerung geblieben. Unser Sieg gegen den FSV mit 4:1. Ich war neun. Zwei Tore schoss mein Freund Kimi Kranz, zwei ich. Mein Vater versprach mir fünf Mark für jedes Tor. Beim ersten Tor sah ich zu ihm ins Publikum, zeigte ihm eine Hand und spreizte die Finger, beim zweiten voller Stolz beide Hände.

Mein Abitur habe ich in Frankfurt gemacht, danach ging ich für anderthalb Jahre nach Israel in den Kibbuz Maagan Michael zwischen Tel Aviv und Haifa. Ich habe vieles gemacht, auch in einer Fabrik des Rohrleitungssystemanbieters »Plasson« gearbeitet. Wir stellten Schläuche und Toilettenbehälter her. Wenn ich heute nach Israel reise, muss ich immer lachen, wenn ich auf die Deckel von Toilettenspülkästen schaue und den Namenszug »Plasson« lese. Weil ich dann daran denke, wie ich morgens um vier Uhr in meinen blauen kurzen Hosen und in festen, schweren Schuhen zur Fabrik loszog.

kibbuz Zurück in Frankfurt, habe ich dann eine Ausbildung zum Hotelkaufmann gemacht. Im Steigenberger Airport Hotel. Die Zeit im Kibbuz war mit die schönste in meinem bisherigen Leben. Manchmal werde ich gefragt, ob sie mich verändert hat. Ich glaube nicht. Großzügigkeit und das Bedürfnis, als Gastgeber Dinge mit anderen Menschen zu teilen – diese Eigenschaften besaß ich auch schon vorher.

Nach der Lehre zum Hotelkaufmann habe ich BWL studiert und mich auf Finanzen spezialisiert. Danach arbeitete ich im Bereich Private Equity, zog 2006 nach London. Ich habe in einem 18 Quadratmeter großen Appartement in Notting Hill gewohnt und 2.000 Euro Miete bezahlt. Schließlich bin ich nach Frankfurt zurückgekehrt. Nicht nur wegen des Geldes. Frankfurt ist die kompakteste Großstadt, die ich kenne. Die Wege, die man beruflich wie privat zurücklegen muss, sind wunderbar kurz. Nirgendwo sonst lassen sich Netzwerke so gut aufbauen wie in dieser Stadt.

Dass ich mich hier so wohlfühle, liegt auch daran, dass sich im Stadtbild, vor allem im Bahnhofsviertel, vieles positiv verändert hat. Auch durch Visionäre wie meinen Bruder Alex, der in den vergangenen Jahren mehrere Hotels und Restaurants in Frankfurt eröffnet hat. Mein eigenes, das »Manhattan Hotel«, liegt in der Nähe vom Hauptbahnhof. Ich habe es vor zwei Jahren vom Geschäftspartner meines Bruders übernommen. Es ist ein privat geführtes Haus mit 59 Betten.

Mein Zuhause aber ist in der Kantstraße, im Stadtteil Bornheim. Ein Viertel, das eher links angehaucht ist und damit meiner politischen Ausrichtung nicht entspricht. Mein Stammcafé ist das »Gingko«. Da sitze ich dann, habe zwei Bücher dabei oder ein paar Zeitungen. Ich lese häufig ein paar Titel gleichzeitig, oft auch mehr als zwei. Ich mag es, wenn ich aus Büchern lernen kann. Neurologisches interessiert mich sehr, das, was im Gehirn der Menschen passiert. Auch Geschichte oder Politisches.

Zurzeit lese ich das Buch Coachen, Führen, Motivieren. Ich versuche, ein besserer Chef zu werden. Noch offener im Umgang mit meinen Mitarbeitern. Von Tag zu Tag bin ich mehr davon überzeugt: Ein guter Chef muss auch ein guter Mensch sein. Man muss mal lachen miteinander, dann gibt es Eis fürs ganze Team oder Schokolade. Humor ist unglaublich wichtig. Mein eigener ist sehr trocken, manchmal ironisch, auch sarkastisch.

Freunde sagen, dass ich anders sei als alle anderen. Dass ich ganz besondere Dinge könne. Eines bin ich sicherlich, ich bin sehr neugierig. Damit meine ich nicht Klatsch und Tratsch. Aber wenn ich zum Beispiel morgens um drei Uhr wach werde und mir eine Frage durch den Kopf geht, dann kann es passieren, dass ich noch am selben Tag in die Bibliothek gehe und die Antwort suche.

Sprachen Ich spreche acht Sprachen. Sehr interessant finde ich Jiddisch. Seit einem Jahr besuche ich regelmäßig den Jiddisch‐Club der Jüdischen Gemeinde. Ich gehöre zu den Jüngsten dort. Wir treffen uns an jedem ersten Mittwoch im Monat. Durch meine Synagogenbesuche hatte sich die Nähe zum Jiddischen entwickelt, denn in meinem Umfeld saßen viele alte Juden aus Polen und Russland. Ich schnappte Worte auf und fragte nach. So fing es an.

Seit zwei Jahren gehe ich nicht mehr in die Synagoge. Es ist wohl eine Lebensphase, schwer zu erklären. Gerade ist ein Freund aus London zurückgekehrt. Er ist auch Jude. Wir haben einen Schiur, eine Unterrichtsstunde, bei ihm zu Hause abgehalten. Und manchmal kommuniziere ich über Skype mit einem Londoner Rabbiner.

Mein Tag im Hotel beginnt mit Cappuccino und Obstsalat. Dann lese ich Zeitung, beantworte meine Mails, lege mir Termine ins Hotel, damit ich Zeit spare. Viel Raum nimmt die Akquise in Anspruch, Treffen mit größeren Firmen. Vor Kurzem habe ich eine Firmenvereinbarung treffen können, auf die ich wirklich stolz bin. Immerhin gibt es in Frankfurt mehr als 200 Hotels und künftig wird ein großes namhaftes Unternehmen wöchentlich mehrere Übernachtungen bei uns buchen.

Harmonie Ich bin ein sehr geduldiger, besonnener Mensch, mich kann man nicht aus der Reserve locken. Familiäre Dinge gehen mir allerdings sehr nahe. Wenn Enttäuschungen aufkommen, Ungerechtigkeiten, schlechte Absichten von Leuten, die mir sehr nahe sind, ungerechtfertigte Vorwürfe. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Andererseits aber auch extrovertiert. Vor allem, wenn ich jemanden kennenlernen möchte – Menschen mit einem weiten Horizont mag ich sehr –, kann ich direkt sein. Ich stecke viel ein, teile aber auch aus. Ohne Pfeffer ist das Leben langweilig. Dass ich dabei die Grenze oft nicht kenne, wird mir häufig vorgeworfen. Menschen, die mich gut kennen, sagen sogar, ich leide unter verzerrter Wahrnehmung.

Gestern Abend bin ich mit Freunden auf die Fressgass gegangen, und wir haben Spargel mit Sauce Hollandaise gegessen. Solche Erlebnisse sind für mich Lebensqualität. Dennoch weiß ich noch sehr genau, wie es war, damals im Kibbuz. Als wir uns zu dritt acht Quadratmeter teilten. Vor zehn Tagen hat ein guter Freund in Israel geheiratet. Die Reise zu seiner Hochzeit nahm ich als Gelegenheit, mir einen Wagen zu mieten und meinen einstigen Kibbuz wieder aufzusuchen. Ich ging an den Strand, es kamen all die Erinnerungen. An Menschen und Situationen. An den Tennisplatz, die Turnhalle, die Fabrik, den Teich für die Fischzucht. Und ich habe versucht, mir neue Ziele zu setzen. Ich denke, selbst wenn man wie ich jetzt im Kapitalismus lebt, kann man doch versuchen, Menschen zu helfen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, im Alltag ein guter Netzwerker zu sein.

Aufgezeichnet von Annette Wollenhaupt

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