Porträt der Woche

Heiße Rhythmen

Artur Silber macht PR und spielt als Schlagzeuger in zwei Bands

von Katrin Diehl  25.07.2011 19:16 Uhr

Kein Krachmacher: Artur Silber ist Geschäftsfuhrer eines Tonstudios. Foto: Christian Rudnik

Artur Silber macht PR und spielt als Schlagzeuger in zwei Bands

von Katrin Diehl  25.07.2011 19:16 Uhr

Unterhalten sich zwei Blondinen. Sagt die eine zur anderen, ich habe gestern einen Schwangerschaftstest gemacht. Ui, sagt die andere, war er schwer …?« Jetzt habe ich mich wohl gleich unbeliebt gemacht, was? Aber für meine Witze bin ich bekannt. Wenn ich es mit Redakteuren zu tun habe, ist oft die erste Frage: »Artur, hast du ‘nen neuen Witz?« Und dann habe ich einen.

Viel mehr Regelmäßigkeit gibt es kaum in meinem Alltag. Das passt nicht zur Branche, in der ich arbeite. Und zwar gilt das für beide meiner Berufe. Zum einen bin ich Geschäftsführer der Münchener DownTown Studios, die es seit 1983 gib. Ich bin ein Urgestein des Münchner Musiklebens, und DownTown gehört zum Beständigsten, was die Münchner Szene in diesem Bereich zu bieten hat.

Wir stellen unsere Studios für Musik‐ und Sprachproduktionen zur Verfügung. WDR, NDR, Bayerischer Rundfunk zählen zu unseren Kunden. Während mein Geschäftspartner Jochen Scheffter für die Akustik sorgt, kümmere ich mich ums Studio‐Booking, um Verträge, um Labelangelegenheiten, um den Papierkram.

Agentur Außerdem mache ich PR. Zunächst aus der Not geboren, weil die Studios unter Wasser standen, habe ich 1997 eine eigene Agentur aufgemacht und bin dann dabei geblieben. »Silberpfeil« heißt sie. Reden ist Silber. Das passt doch. Ich mache ganz klassisch PR für den Printbereich. Richtig stressig kann das sein. Routine habe ich, abgebrüht bin ich nicht.

Bei mir steht der Künstler im Mittelpunkt – vom ersten Anruf an. Ich höre zu und habe sofort meinen Masterplan im Kopf. Ich kenne die Felder, die ich beackern muss. Kürzlich hatte ich die Präsentation der neuen CD von Roberto Blanco. Für so etwas muss man mit circa vier Wochen Vorbereitungszeit rechnen. Also, zuerst einmal denkt man über eine geeignete Location nach, dann kommt die Technik. Wer stellt mir optimal Licht, Sound und alles Weitere zur Verfügung?

Ein Motto für den Abend zu finden, war in diesem Fall nicht schwer. Roberto hat die Aufnahmen in Havanna gemacht. Also, habe ich gesagt, machen wir einen karibischen Abend. »Hervorragend«, kam vom Auftraggeber zurück, und so habe ich Kontakt aufgenommen mit dem »Park Hilton«. Alles hat geklappt wie am Schnürchen. Eine perfekte Präsentation, durch die ich als Moderator geführt habe.

Momente, in denen ich ins Schwitzen kam? Natürlich! Ohne die geht es nicht. Erstens: Werden die CDs fertig bis zur Präsentation? Zweitens: Ich komme hin und sehe, dass die Technikfirma immer noch mit Ausladen beschäftigt ist, weil der Lastenaufzug ständig belegt ist. Das hatte ich nicht im Zeitplan. Wenn so etwas passiert, setzt mein praktischer Verstand ein.

Ich kenne alle Probleme, die mit so einer Veranstaltung zu tun haben. Und wenn es sein muss, repariere ich eine defekte WC‐Spülung. Und dann ist es mir auch wurscht, ob ich schon mit der hellen Hose schön angezogen unterwegs bin. Ich helfe, die Bühne aufzubauen, rutsche auf den Knien, klebe den Teppichboden auf und mache die Umrandung, damit man nicht unten reinschauen kann. In so einer Situation gibt es nur eines: Wir müssen fertig werden. Sonst haben wir ein richtig großes Problem.

Ausgleich Mein praktischer Verstand hat auch mit den 40 Jahren, die ich als Schlagzeuger unterwegs bin, zu tun. Da erlebt man einiges. Das gehört übrigens zu meinem Entspannungsprogramm. Donnerstags probe ich etwa dreieinhalb Stunden mit meiner Band »Central Park«. Freitags spiele ich Tennis. Ich brauche Kondition. Wir haben nämlich keine Helfer. Wir schleppen alles selbst, bauen auf, bauen ab.

»Central Park« gibt es schon ewig. Da geht es um Selbstkomponiertes, stillistisch angelehnt an die späten 60er, frühen 70er. Für mich ist das ein Hobby, Entspannung vom Stress, ein Ausgleich zum Beruf, aber was Produktion und Vermarktung unserer CDs anbelangt, da sind wir hoch professionell, da wollen wir international konkurrenzfähig bleiben und soundmäßig mithalten können.

Das nächste Mal spielen wir im August im »Theatron« im Olympiapark. Außerdem gibt es da noch unsere Coverband »Trashville« mit einem Rockrepertoire von Jimmy Hendrix bis Deep Purple, nichts Eigenes also. Aber mit dem Angebot werden wir gern an Wochenenden gebucht von Leuten, die 50. oder 60. Geburtstag feiern. Da ist dann also auch das Wochenende weg. Kürzlich war in München »Die lange Nacht der Musik«. Da habe ich sieben Stunden durchgängig am Schlagzeug gesessen. Und paar Tage später war der Termin im Hard Rock Café.

Strom Das muss eine Familie erst mal mitmachen. Meine tut das. Ich weiß das sehr zu schätzen. Ich arbeite auf den Punkt hin, stehe die letzten Wochen vor dem Ereignis unter Strom und bin nicht gerade zugänglich. Und wenn es dann hinhaut, dann freuen sie sich mit: meine jugendlichen Töchter und meine Frau, die auch berufstätig ist und mit der ich jetzt 31 Jahre zusammen bin.

Wenn ich es wirklich in Zahlen ausdrücken muss, würde ich sagen, dass ich normalerweise einen Zwölf‐ bis Vierzehnstundentag habe. Gegen neun Uhr bin ich im Büro. Ab zehn, halb elf sind die Redaktionen besetzt, und dann geht es rund. Die Augustenstraße, in der unser Büro liegt, ist Infrastruktur pur, eine absolut geeignete Umgebung für uns und mir sehr vertraut. Schräg gegenüber hat meine Familie gelebt.

Geboren bin ich 1954 in Passau, weil meine Eltern aus dem DP‐Lager Pocking ins niederbayerische Vilshofen gekommen waren. 1955 gingen sie nach München, machten ein Textilgeschäft auf und wohnten in der Augustenstraße. Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal das Haus gesehen, in dem ich als Baby gelebt habe.

Meine Geschwister und ich waren von Vilshofen anlässlich der »Woche der Dankbarkeit – 66 Jahre Frieden« und in Erinnerung an jüdisches Leben dort als Ehrengäste eingeladen worden und durften uns ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Ich hatte das Glück in einem sehr liberalen Elternhaus groß zu werden. Das hat mir den Zugang zur Religion erleichtert. Und so halte ich es auch mit der eigenen Familie. Jüdische Feste sind etwas Wunderbares, wenn Freunde kommen, wenn man beieinander ist. Meine Frau liebt es, an den Hohen Feiertagen die Tafel zu richten – ein familiäres Highlight. Ich denke, wir leben Jüdischkeit auf eine sehr entspannte Weise.

Torwart Mein Kontakt zur Gemeinde? Man kennt sich, man schätzt sich. Als ich 13, 14 Jahre alt war, gab es bei mir so eine Art Einschnitt. Mein Leben hat einen anderen Weg genommen. Ich kam weg von Maccabi in die Jugendmannschaft des FC Bayern. Ich wurde Torwart und zwar ein richtig guter. Und hätte ich das mit der Schule auch noch hinbekommen. Wer, weiß, was aus mir geworden wäre?

Aber mein Vater zog einen Schlussstrich. Dafür kam die Musik ins Spiel und zwar mit vollstem Engagement. Das hat mich von meinen jüdischen Freunden weggebracht, weil meine Wochenenden anders aussahen als deren. Wir haben mit der Band Musik gemacht bis zum Gehtnichtmehr.

Mein Hobby wurde zum Beruf, ich habe mir mit Udo Lindenberg im Studio die Nächte um die Ohren geschlagen und mich blendend mit Hildegard Knef verstanden. Ich stehe im »Guinness Buch der Rekorde«. Halten Sie mich an, ich könnte noch Stunden weitererzählen.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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