»7 Wege«

Hamburger Geschichten

Judith Landshut (l.) und ihre Schwester Vera gingen gemeinsam nach Israel. Foto: University of Minnesota

Für Judith Landshut ist Jüdischsein ihre Kindheit, ihr Zuhause in Halic in der Südslowakei als Judith Sternlichtova. Die heute 70-Jährige ist eine von sieben Frauen und Männern, die für das Schulprojekt »7 Wege. Jüdische Biografien in Hamburg – Neue Wege. Prävention von Antisemitismus« ihr Leben, ihre Herkunft, ihr Leid durch die Schoa und ihre Hoffnungen auf ein Leben ohne Antisemitismus offenlegen.

Archivarbeit Mit Mascha Schmerling und Lior Oren gehört Judith Landshut zu den jüngsten Teilnehmern des Projekts. Eine Gruppe junger Erwachsener um Projektleiter Patrick Siegele, Direktor des Anne Frank Zentrums, David Gilles vom Anne Frank Zentrum, Yasar Aydin, Projektleiter der Türkischen Gemeinde Hamburg und Umgebung, hat in mühevoller Archivarbeit die Biografien der nicht mehr lebenden Gisela Konopka, Herta Grove, Alberto Assa und Sylvin Rubinstein erforscht.

Mitgewirkt hat auch das Hamburger Jugendzentrum Chasak um Elisabeth Friedler. Ihr Ziel: Jugendlichen von 14 Jahren in Schulen und anderen Jugend- und Bildungseinrichtungen die Lebenswege von Jüdinnen und Juden in ihrer Stadt nahezubringen und durch dieses fast persönliche Kennenlernen dem Antisemitismus entgegenzutreten.

Identität Alle sieben Lebenswege haben einen starken Bezug zu Hamburg, was einerseits dem Projekt eine Zuordnung gibt und den sieben Probanden eine Identität, andererseits das »Fremdeln« jugendlicher Nichtjuden gegenüber Jüdinnen und Juden in Vertrautheit verwandeln kann. Die Projekt-Unterlagen »7 Wege« eignen sich zur präventiven Arbeit gegen Antisemitismus, zum Kennenlernen der deutsch-jüdischen Geschichte, der jüdischen Religion und Kultur und des jüdischen Alltags.

»Für mich war meine Familie immer das Wichtigste.«

Judith Landshut

»Für mich war meine Familie immer das Wichtigste«, sagte Judith Landshut bei der Vorstellung des Projekts im Altonaer Museum in Hamburg. »Am Schabbat lagen auf zwei Stühlen frische Kleider für meine Schwester Vera und mich, und ein wundervoller Duft von gutem Essen durchzog unsere Wohnung«, erzählte die 70-Jährige dem gebannt zuhörenden Publikum. Die Sternlichtovas waren nach der Schoa die einzige jüdische Familie in dem kleinen Dorf mit 800 Einwohnern.

Als Judith Landshut neun Jahre alt war, zog die Familie in die Stadt, dorthin, wo es eine Synagoge gab und sie an ihrer Wohnungstür eine Mesusa anbrachten. »Ich frage mich heute, wieso meine Eltern nach dem schrecklichen Krieg fähig waren, uns Kinder so sorglos aufwachsen zu lassen«, sagte Judith Landshut und sorgte mit ihren Erinnerungen beim Auditorium für Gänsehaut-Momente.

Trotz der sorglosen Kindheit zog es die damals 19-Jährige mit ihrer 18-jährigen Schwester nach Israel. Ohne die geliebten Eltern. »Wir haben in Jerusalem in der ersten Zeit gehungert, es war ein großes Wagnis«, erinnert sie sich.

Kibbuz Trotzdem war Israel wie zwei Jahre Ferien, die sie in einem Kibbuz erlebte. Das eigentliche Wagnis aber kam in der Gestalt eines Mannes. Sie lernte Michael Landshut kennen: »Herr Landshut hatte wunderbare blaue Augen, sprach Deutsch, und ich habe mich sofort in ihn verliebt!« Er wollte unbedingt nach Hamburg.

Deutschland aber war für sie, die viele Verwandte in der Schoa verloren hatte, gar kein Thema. Trotzdem zogen sie nach ihrer Hochzeit in Jerusalem ins kühle Norddeutschland. Deutsch hatte sie zwar in der Familie gehört, aber nicht gesprochen. »Ich habe bei Karstadt gearbeitet, viel Zeitung gelesen und die Theater besucht, um Deutsch zu lernen«, erinnert sich die heutige Großmutter.

Mascha Schmerling könnte Judith Landshuts Enkelin sein. Für die 30-jährige gebürtige Moskauerin bedeutet Jüdischsein, zu einer großen internationalen Familie zu gehören, obgleich es ihr als Kind in Moskau unangenehm war. 1992 kam sie nach Deutschland, 2007 nach Hamburg. Sie ist Mitbegründerin der Ini­tiative »Rent a Jew«, um den immer stärker werdenden Antisemitismus mit einem gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernen einzudämmen.

Lior Oren kam aus Tel Aviv, um die Geschichte zu erforschen.

Lior Oren zog 2010 von Tel Aviv nach Hamburg, um die Geschichte seiner Familie zu erforschen. »Meine Oma hat auch bei Karstadt gearbeitet«, sagt Oren. Die Suche nach seiner Familie wird zur Suche nach seiner eigenen Identität. Seine Großmutter Helga, die rechtzeitig vor dem NS-Rassenwahn nach Israel floh, ist die einzige Schoa-Überlebende der Hamburger Familie Baruch.

»Ich wünsche mir, dass wir in Hamburg wieder die jüdische Gemeinschaft werden, auf die meine Großmutter so stolz war«, sagte Lior Oren. Er empfindet Hamburg heute mehr als sein Zuhause als Tel Aviv und bietet Stadtführungen durch das jüdische Hamburg einst und heute an. Er engagiert sich in der Hamburger Gruppe »Jung und Jüdisch«, und das Verstecken einer jüdischen Identität ist für ihn eine typisch europäische Denkweise.

Istanbul Jedes Leben dieser »7 Wege« ist ein Exempel für die Verfolgungen von Jüdinnen und Juden, für Widerstand gegen Rassenwahn und Antisemitismus. Wie das Leben von Alberto Assa. Der sefardische Jude aus Istanbul kam 1924 nach Hamburg, weil seinem Vater in Istanbul der Bankrott drohte. 1937 kämpfte er im Spanischen Bürgerkrieg. Er wird mehrmals inhaftiert und zum Tode verurteilt, 1952 gelingt es ihm, mit seiner Familie in Kolumbien ein neues Leben aufzubauen. Er starb 1996 als 86-Jähriger in Kolumbien.

Oder das Leben von Gisela Konopka. Sie wurde 1910 in Berlin geboren und kam zum Studium nach Hamburg. 1932 verteilte sie Anti-Nazi-Flugblätter, verlor 1935 die deutsche Staatbürgerschaft, ging in den Widerstand, wurde 1936 in dem berüchtigten KZ Fuhlsbüttel inhaftiert, nach sechs Wochen wieder entlassen, floh nach Wien, weiter nach Paris, dann nach New York und wurde Professorin für Pädagogik in Minnesota, wo sie 2003 starb.
Einer der Porträtierten ist auch Sylvin Rubinstein, der 1914 in Moskau geboren wurde und im April 2011 in Hamburg starb.

Dazwischen liegt ein Jahrhundertleben voller Erfolge als Balletttänzer mit seiner Zwillingsschwester Maria. Beide wurden als das Flamenco-Tanzpaar »Dolores & Imperio« berühmt, tourten durch die Welt und machten 1939 in Warschau Station. 1940 sperrten die Nazis sie ins Ghetto, aus dem sie fliehen konnten und fortan im Untergrund lebten. Maria verschwand, Sylvin war im Widerstand aktiv und suchte ständig nach ihr. 1952 zog er nach Hamburg und wurde auf dem Kiez zum Flamenco-Star.
Sieben Leben, sieben Menschen, die Jugendlichen durch das Projekt bekannt und vertraut gemacht werden sollen.

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