Pro & Contra

Haben kleine Gemeinden Zukunft?

Pro – Judentum muss überall in Deutschland gelebt werden können.

Jüdisches Leben war schon immer an ein Territorium gebunden – früher in den kleinen Schtetlech, heute in den kleinen Gemeinden. Unsere religiösen

Vorschriften geben uns schließlich vor, wie weit wir gehen dürfen, um am Schabbat in der Synagoge teilnehmen zu können. Doch aus der Not heraus betreuen kleine Gemeinden in Deutschland schon heute oft große Einzugsgebiete, da in den Nachbarorten keine Synagogen mehr existieren.

In kleinen Gemeinden kennt man sich, hat viele persönliche Bindungen, und daraus entwickeln sich freundschaftliche, ja fast familiäre Beziehungen, die dafür sorgen, dass man gerne zusammenkommt. Ich bezweifle, dass ein jüdischer Gelsenkirchener am Freitagabend den ganzen Weg zum Gebet in die große Gemeinde nach Düsseldorf fahren wird oder sich gar dort über Schabbat ein Hotelzimmer bucht. Das ist bei vielen Gemeindemitgliedern schon aus finanziellen Gründen gar nicht möglich. Wie sollen unsere Kinder lernen, jüdische Religion in ihr Leben zu integrieren, wenn sie nicht vor Ort Religionsunterricht, Kinder‐ und Jugendgruppen haben, in einem Haus, das für sie ein Beit Haknesset, ein Haus der Zusammenkunft, ist?

Wir sollen uns versammeln und gemeinsam lernen und beten. Dies sollte meiner Meinung nach so flächendeckend wie möglich erfolgen. Je stärker wir jüdisches Leben zentralisieren, desto weniger wird es möglich sein, viele Menschen zu erreichen. Gerade in Zeiten, in denen Menschen nicht immer von Haus aus Wissen um jüdische Religion und Traditionen mitbringen, müssen sie an ihrem Heimatort eine Gemeinde haben, um dieses erwerben und praktizieren zu können. Die Gemeinde hilft den Mitgliedern bei der Integration, bei Fragen rund um das tägliche Leben, bei Problemen in der Schule und in der Familie. Wie soll das bei einer weit entfernten Großgemeinde möglich sein? Das Judentum lebt davon, dass jeder Einzelne uns etwas bedeutet. Die Fürsorge in jeder Lebenslage ist Hauptanliegen einer jüdischen Gemeinde. Sie soll ein nahe gelegener Ort für besondere Anlässe sein, wie den Besuch der G’ttesdienste an hohen Feiertagen. Sie soll aber auch als Treffpunkt für das tägliche Miteinander dienen. Es besteht immer die Möglichkeit, schnell vorbeizukommen, wenn man Probleme hat. Fühlt man sich einsam oder hat Redebedarf, so ist die örtliche Gemeinde eine Anlaufstelle.

Bei uns in Gelsenkirchen steht für solche Fälle immer unser Rabbiner, unser Sozialarbeiter oder ein Vorstandsmitglied zur Verfügung. Wir haben eine reichhaltige Bibliothek, es gibt eine Theater‐ und Seniorengruppe, die sich regelmäßig treffen und Ausflüge und Unternehmungen machen. Wir haben einen aktiven Chor, der wöchentlich probt und auch öffentlich auftritt. Ebenso gibt es einen Frauen‐ und einen Männerverein, Kleinkinder‐, Kinder‐ und Jugendgruppen und so weiter. Niemand soll alleine sein, und uns alle eint, dass wir das Judentum zu einem wichtigen Bestandteil unseres Lebens machen.

Die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde ist unter anderem, den Mitgliedern zu vermitteln, wie man die jüdische Religion in das Alltagsleben integrieren kann. Das wirft oft sehr spezielle Fragen auf, und diese Arbeit kann deshalb von kleinen Gemeinden vor Ort besser geleistet werden als von weiter entfernten Großgemeinden. Diese haben viele Vorteile. Sie können viele Dinge vielschichtig anbieten, da sie organisatorisch und finanziell dazu besser in der Lage sind. Aber gerade heute ist die Arbeit im Kleinen vor Ort extrem wichtig, und sie wird in unserer digitalisierten und oft sehr unpersönlichen Welt immer wichtiger.
Leider ist die demografische Entwicklung in all unseren Gemeinden sehr ähnlich. Ältere Gemeindemitglieder sterben, und es werden nicht so viele Kinder geboren, wie wir uns das alle wünschen. Aber wenn wir es nicht schaffen, den Menschen vor Ort religiöses Leben und religiöse Bildung sowie die dazugehörigen Bindungen zu ermöglichen, dann mache ich mir um die jüdische Zukunft in unserem Land große Sorgen. Daher hoffe ich inständig, dass wir uns alle darauf konzentrieren, dass wir alles, was wir in Deutschland an jüdischem Leben nach und vor allem trotz der Schoa wieder erreicht haben, erhalten und fördern.

Sicher stellt sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit, aber in dieser Hinsicht kann man ja eigentlich alles anzweifeln, was nicht unmittelbar Gewinn erwirtschaftet. Manches kann man eben nicht so einfach einer Wirtschaftlichkeitsberechnung unterziehen. Das gilt sicher für alle jüdischen Gemeinden, egal, ob groß oder klein. In Gelsenkirchen als kleinere Gemeinde haben wir aber auf vielen Ebenen eine sehr enge und persönliche Anbindung an die Stadtgesellschaft, und erfahren daher breite Unterstützung, ohne die wir die finanziell schwierigen Zeiten des Neubaus und der Etablierung der neuen Synagoge nicht bewältigt hätten. Wir schulden es der jüdischen Vergangenheit in Deutschland, vor allem aber schulden wir es der jüdischen Zukunft, dass jüdisches Leben möglichst flächendeckend stattfindet und wir den Menschen an ihren Heimatorten einen heimeligen Ort für das jüdische Miteinander anbieten können.

Die Autorin ist Betriebswirtin. Seit Mai 2007 ist sie Vorsitzende
der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.


Contra – Wir sollten uns auf größere Gemeinden mit realen Chancen konzentrieren

Stell dir vor, du baust eine Synagoge, und keiner geht hin« – dieses Szenario ist in Deutschland durchaus denkbar. Egal, ob orthodox oder liberal, die Zahl der Mitglieder in jüdischen Gemeinden sinkt. Seien wir ehrlich zu uns selbst: Wie ist die derzeitige Situation in unseren Gemeinden, vor allem den kleineren, und was können wir für die nächsten zehn, 20 Jahre prognostizieren?

Sicher, es kann etwas Überraschendes passieren. Vor 30 Jahren erwartete auch niemand den Zuzug aus der Sowjetunion. Nichts ist unmöglich. Doch erst einmal sollten wir die Fakten, den Ist‐Zustand sehen. Aktuell ist die überwiegende Mehrheit der Synagogenbesucher über 60 Jahre alt, meist erheblich darüber. Viele von ihnen sind in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen, ohne Religion, und kommen in den meisten Fällen aus sozialen, aus gesellschaftlichen Gründen in die Gemeinde – zum Sozialarbeiter, zur Beratung, in Seniorenklubs, zu kulturellen Veranstaltungen. Das ist keine Kritik. Es ist eine Feststellung. Die jüngeren Leute wiederum haben anderes im Kopf: je nach Alter ihr Studium, den Job, die Familie. Das war schon immer so. Einige von ihnen haben zum Judentum zurückgefunden, doch die große Mehrheit hat schlichtweg anderes zu tun, als sich in ihre Gemeinde einzubringen.

Wir haben die jüdische, die moralische und die menschliche Pflicht, unsere älteren Gemeindemitglieder zu unterstützen, auch im gesellschaftlichen Bereich. Doch diese Form der Integration wird in einigen Jahren nicht mehr im selben Umfang vonnöten sein. Wir müssen uns um das »Morgen« kümmern, das Judentum in der nahen oder mittleren Zukunft. Wir müssen sicherstellen, dass dieses überhaupt noch möglich ist. Das bedeutet, für eine Infrastruktur zu sorgen, die Möglichkeiten zu schaffen, dass junge Familien hier leben können, insbesondere auch ihr Judentum leben können. Vor allem gilt es, die Orte attraktiv zu machen, damit nicht alle religiösen oder traditionellen Juden nur noch in den Metropolen wie Berlin oder Frankfurt leben (können). Zentralrat und ZWST, auch andere Einrichtungen, haben viel getan, um der Jugend (wieder) den Zugang zum Judentum zu ermöglichen. Diese Arbeit alleine, gelegentliche Seminare und Machanot, reicht jedoch nicht aus. Entscheidend ist die Arbeit vor Ort, im Jugendzentrum, während des Studiums, ein jüdischer Kindergarten, eine jüdische Schule, Aktivitäten und Unterstützung für junge Familien.

Es ergibt nicht viel Sinn, umfangreiche Mittel in eine Synagoge an einem Ort zu investieren, an dem vielleicht nur 250 Juden leben und wo es kaum einen Minjan gibt. Wie wird es dort in 20 Jahren aussehen? Dort gibt es dann vielleicht immer noch 100 Juden, die sich aber kaum noch mit einem (gelebten) Judentum identifizieren können, weil es buchstäblich keine praktische Möglichkeit hierzu gibt. Die Älteren werden nicht mehr unter uns weilen, die Jüngeren werden in die größeren Städte abgewandert sein. Und die neu erbaute Synagoge wird als Erinnerung dienen an eine jüdische Gemeinde, die es vor einigen Jahren gab. Oder man könnte ein Museum daraus machen. Ich bin keineswegs gegen die Existenz kleiner jüdischer Gemeinden. Diese gab es gerade in Süddeutschland vor der Schoa zuhauf – das sogenannte Landjudentum. Doch waren die Bedürfnisse damals andere; es ging fast ausschließlich um das Gebet und das religiöse Element.

Es ist nicht verwerflich, schöne Gemeindezentren zu bauen. Doch Geld ist nicht unbeschränkt vorhanden. In Baden haben seit 2003 vor allem die größeren Gemeinden auf einen Teil der Zuschüsse verzichtet, damit auch Gemeinden ohne Synagoge diese Zuschüsse erhalten können. Es waren zwar nur kleine Summen, und mittelgroße Gemeinden haben ein kleines, aber schönes Gemeindezentrum bekommen. Aber macht es Sinn, auch winzige Gemeinden mit schönen, aber teuren Gemeindezentren oder Synagogen auszustatten, wenn dafür so sehr gespart werden muss, dass in den anderen Gemeinden Grundbedürfnisse darunter leiden? Dies mag eher eine »badische Spezialität« sein, da es hier keinen Landesverband gibt, sondern eine Religionsgemeinschaft (IRG Baden).

Der Oberrat, das Organ der IRG, ist alleine zuständig und baut deshalb die Synagoge, mit dem Ergebnis, dass sich dies entsprechend auf die Zuschüsse an die Gemeinden auswirkt, da alle für alles zahlen. Wenn dadurch kleine Gemeinden sehr gut zurechtkommen und sogar beträchtliche Beträge ansparen können, die großen jedoch nicht mehr wissen, wie sie ihren alltäglichen Aufgaben nachkommen können, dann halte ich das nicht für sinnvoll.

Wäre es nicht besser, bescheidener beim Bau von Gemeindezentren zu sein und dafür inhaltlich in die größeren Gemeinden zu investieren und Kindergärten, Schulen, Erwachsenenprojekte zu initiieren? Die kleineren Gemeinden einzubeziehen, indem zum Beispiel Busse zu den größeren fahren? Ist es nicht besser, weniger Gemeinden mit jüdischem Leben und entsprechender Infrastruktur zu haben als viele kleine Gemeinden, in denen real kein jüdisches Leben mehr stattfindet? Die Devise muss lauten: Qualität statt Quantität!

Der Autor ist Mathematiker. Von November 2004 bis Ende Juni 2016 war er Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe.

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