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Gründer mit Potenzial

Wie kann ich mein eigenes Unternehmen gründen? Woher bekomme ich finanzielle Unterstützung? Und wie damit umgehen, wenn die Geschäftsidee scheitert? Diese und viele weitere Fragen waren am vergangenen Freitag Thema des Gründertreffens »Berlin Startup Jews«. Einmal im Monat trommelt Ron Alpar per Facebook die Teilnehmer zusammen. Es sind junge Juden aus aller Welt, die auf verschiedenen Wegen in der deutschen Hauptstadt gelandet sind. Einige von ihnen sind hier geboren, andere im Kindesalter eingewandert oder der Arbeit wegen nach Berlin gezogen. Die meisten der Teilnehmer sind in der Start‐up‐Szene aktiv, entweder als Gründer oder als Mitarbeiter in einem Unternehmen.

Auch der 24‐jährige Ron Alpar hat bereits viele Erfahrungen im Start‐up‐Geschäft gesammelt. Derzeit arbeitet er beim Online‐Versandhändler Zalando. Das Unternehmen mit heute fast 10.000 Mitarbeitern sei das »Paradebeispiel eines Start‐ups«, sagt Alpar begeistert. Seit zwei Jahren sei er dort in der Abteilung Business Development tätig und beschäftige sich mit strategischen Wachstumsthemen.

yogamatte Nebenher organisiert er ehrenamtlich das jüdische Netzwerktreffen Berlin Start‐up Jews. Im Mai fand es zum ersten Mal statt. Treffpunkt ist stets ein Co‐Working‐Space. So auch an diesem Abend. Etwa 40 Gäste sind in der Nähe des Gendarmenmarktes im »Wohnzimmer« des Bürokomplexes rent24 zusammengekommen. Couchgarnituren und Sessel stehen in dem geräumigen Raum zum Entspannen bereit. Auf einem Tisch wird frisch gelieferte Pizza verteilt. Gleich nebenan befindet sich eine Küche – mit Popcornmaschine, Billardtisch, Yogamatte und Computerspielecke.

Nach und nach trudeln die Teilnehmer ein. Unter ihnen ist auch Garry Krugljakow. Er ist in der Start‐up‐Szene kein Unbekannter. Seine erste Gründeridee wurde viel gelobt, ging durch die Medien, scheiterte dann allerdings. Das Produkt hieß »Cookies« – eine App, mit der die Welt des Online‐Bankings revolutioniert werden sollte. Doch am Ende meldete das Unternehmen Insolvenz an. Das war im Oktober 2016. Nach etwas mehr als einem Jahr tüftelt der 28‐Jährige nun an einer neuen Idee. Er sei beim Berliner Start‐up VAI eingestiegen, erzählt er beim Netzwerk‐Treffen.

Ron Alpar hat den erfahrenen Gründer als Gastdozenten eingeladen. Die Besucher hören ihm aufmerksam zu, als er das Geschäftsmodell erklärt. Es wolle kleinen und mittelständischen Unternehmen zu mehr finanzieller Flexibilität verhelfen, sagt er.

minikredit »Nehmen wir zum Beispiel einen kleinen Fahrradladen. Der möchte 100 Räder verkaufen, hat aber nicht das Geld, um die Ware zu kaufen«, sagt Garry Krugljakow. Dabei komme VAI ins Spiel – das Start‐up kaufe die Räder, um sie dem Laden zur Verfügung zu stellen. Es sei eine Art Minikredit. »Innerhalb von bis zu sechs Monaten müssen sie uns das Geld dann zurückzahlen.«

Eine gute Stunde steht der Geschäftsmann der Gruppe Rede und Antwort. Welche Eigenschaften ein Gründer mitbringen sollte, möchte ein Teilnehmer wissen. Man müsse clever und bescheiden sein, gibt ihm Garry Krugljakow mit auf den Weg – und auch etwas verrückt. »Be smart, be humble, be crazy hungry.« Seine Präsentation hält der gebürtige Berliner auf Englisch.

Nicht alle im Raum wollen später dieses Risiko eingehen. Ruth und Valeria sehen sich eher in einer Festanstellung. Sie sind erstmals beim Netzwerktreffen dabei, Ruth studiert in Berlin Kommunikationswissenschaft, Valeria macht in Potsdam gerade ihren Master in Betriebswirtschaftslehre. Beide haben bereits in Start‐up‐Firmen gearbeitet. »Mir gefallen dort die flachen Hierarchien, der offene Umgang untereinander und die familiäre Atmosphäre«, erklärt die 22‐jährige Ruth die Vorteile.

risiko Dennis, 25 Jahre, hat sich hingegen bereits ins Gründerdasein hineingestürzt. Seine Großmutter verstehe nicht, warum er dieses Risiko eingehe, sagt er und lacht. Seit einem Jahr arbeitet Dennis in einem kleinen Team daran, Geld mit seinem Projekt zu verdienen, das im Bereich Abfallentsorgung tätig ist. Er sieht etwas müde aus. All seine Energie steckt in der Idee. »Ich bin Fulltime‐Gründer«, sagt Dennis.

Garry Krugljakow hat mittlerweile seine Präsentation beendet. Mit Applaus bedanken sich die Zuhörer bei ihm. Im Anschluss bleibt Zeit, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Hungrige greifen noch einmal zur Pizza oder holen Popcorn‐Nachschub aus der Küche.

Ron Alpar blickt zufrieden in die Runde. Die sechste Ausgabe des Netzwerktreffens ist bald geschafft. Die ersten beiden Veranstaltungen habe er ganz allein auf die Beine gestellt, dann habe er den Zentralrat der Juden mit ins Boot geholt. Dort beantragt er nun monatlich einen kleinen Zuschuss, um Essen und Getränke für 40, 50, 60 Mann nicht aus eigener Tasche zahlen zu müssen.

nachfrage Wenn die Nachfrage nach dem Treffen weiterhin so wächst, träumt er bereits davon, es deutschlandweit zu organisieren. Die Start‐up‐Szene – insbesondere in Berlin – sei zwar groß, doch einen Fokus auf jüdische Gründer habe es bisher noch nicht gegeben. »Es gibt viele smarte jüdische Leute in der Start‐up‐Szene, die meisten kennen sich aber gar nicht untereinander«, sagt der 24‐Jährige. Das will er ändern. Bisher sind seinem Netzwerk 230 Mitglieder beigetreten, Tendenz steigend.

Die kleine Gründergemeinde aus Start‐up‐Experten und -Anfängern ist füreinander da. »Wir leben den Community‐Gedanken«, sagt Ron Alpar, »wenn einer gewinnt, gewinnen wir alle.«

Religion spiele bei »Berlin Start‐up Jews« allerdings keine vordergründige Rolle. »Ich wäre der Letzte, der einen Nichtjuden aus der Runde ausschließt«, sagt der Initiator. Doch der Schwerpunkt sei eben jüdisch. Etwas Tradition müsse deshalb auch sein. Das siebte Netzwerktreffen am 20. Dezember plant Ron Alpar daher als Chanukka‐Party. »Die soziale Komponente ist mir genauso wichtig«, sagt der Organisator.

erfolgsstory Er sieht in seiner Gruppe großes Potenzial. »Von Sologründern bis hin zu Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern haben wir alles dabei. Das macht das Netzwerk so wertvoll«, sagt der gebürtige Frankfurter. Vielleicht stecke hinter einer der vielen Geschäftsideen die nächste große Erfolgsstory im Stil von Google oder Facebook – zwei Unternehmen jüdischer Firmengründer, die die Welt verändert haben.

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