Limmud

Große Familie im Kleinen

Die Stadt Eberswalde in Brandenburg ist nicht unbedingt der einladendste Ort der Welt. Trotz des sonnigen Wetters sind die Straßen leer, ein Hauch von Geisterstadt weht. Ein paar Kilometer weiter aber, im Wald in einer Erholungsanlage am Werbellinsee, blüht das Leben, jüdisches Leben. Kleine Kinder mit Kippot tollen lautstark durch die Gegend. Die Erwachsenen sitzen in der Sonne, trinken Kaffee und unterhalten sich, auf Deutsch, Englisch, Russisch, Hebräisch. Zum vierten Mal findet Limmud, das mehrtägige jüdische Lernfestival in Deutschland, statt.

Gegründet hat sich der deutsche Limmud-Verein 2006, nach englischem Vorbild. Während der viertägigen Lernkonferenz gibt es Seminare, Workshops und Diskussionen zu jedem erdenklichen Thema, das mit Judentum und Israel zu tun hat: Pornografie und rabbinische Literatur, die Rolle von Musik in der modernen israelischen Gesellschaft, das alte Weihnachtsdilemma. Geleitet werden die Veranstaltungen von den Teilnehmern selbst.

respekt Die ehrenamtlichen Limmudniks haben sich hehre Ziele gesteckt: Das gemeinsame Lernen soll den Teilnehmern helfen, ihr Judentum reicher zu erfahren. Und zwar wirklich allen – dem Atheisten ebenso wie dem Orthodoxen. Und wo es sonst manchmal Zwist und Abgrenzung gibt, herrschen hier Respekt und Achtung. Die Lichtschalter sind wegen des Schabbats festgeklebt. Als es am Samstag kein heißes Wasser mehr gibt, weil am Vorabend beim Diskutieren zu viel Tee getrunken wurde, beschwert sich niemand, dass jetzt kein neues Wasser gekocht wird.

»Wo auch immer Sie sich auf Ihrem jüdischen Weg befinden und egal, in welche Richtung Sie gehen, mit uns kommen Sie einen Schritt weiter«, versprechen die Organisatoren. Und eine der zahlreichen freiwilligen Mitarbeiterinnen vergleicht die Veranstaltung mit der TED-Konferenz, wo einmal im Jahr wichtige Vertreter aus Technik, Kunst und Design zusammenkommen und Ideen austauschen. Limmud, stellt sie mit großen Augen fest, ist das jüdische TED.

Ohne diesen Enthusiasmus der Beteiligten gäbe es Limmud nicht. Von den in diesem Jahr rund 500 Teilnehmern sind ein paar Dutzend hinter den Kulissen aktiv. Und trotz der Förderung durch den Zentralrat der Juden, dem European Jewish Fund, der UJA-Federation Of New York und dem L. A. Pincus Fund aus Israel ist der Verein auf Spenden und Ehrenamt angewiesen. Es geht um die Zukunft.

Perspektiven
In einer Veranstaltung zum Thema »Juden in Deutschland – Deutschland in den Juden?« wird über die schwierige Existenz als deutscher Jude diskutiert. Viele der Älteren, die kurz nach der Schoa oder davor geboren worden sind, fühlen sich unwohl, sich »deutsch« zu nennen. Die junge Generation hingegen ist gespalten: Für die einen ist es eine Selbstverständlichkeit, bei der Fußball-WM fürs deutsche Team zu jubeln. Die anderen sehen keinen Grund, auch noch deutsch sein zu müssen, wenn man schon jüdisch ist. Mit seltener Offenheit werden auch schmerzhafte und unbequeme Dinge ausgesprochen. Das ist Austausch auf dem Limmud: lebhafte Diskussionen.

Dem Gespräch über Israel und Palästina oder dem Konflikt zwischen Moderne und Orthodoxie einen offenen Raum zu bieten: Vereinsvorsitzende Toby Axelrod sieht das als Auftrag von Limmud. Ebenso wie die Integration: Juden aus den deutschprachigen Ländern, Russland, Israel, Großbritannien und den USA sind gekommen, das kann die Kommunikation erschweren. Hier helfen vier Dolmetscher aus. Die jungen Teilnehmer haben eh keinerlei Verständigungsprobleme. Und die Sprache, in der sich dann manche auf der Wiese oder am See unterhalten, ist international. Am nächsten Tag wundert sich Toby Axelrod dann lachend, wieso die Tanzfläche der Limmud-Party so leer war.

Polizeischutz Manchmal dringt das ungemütliche Außen dann doch ein. Rund um die Uhr ist ein Polizeiwagen vor dem Gelände postiert. In den ersten Jahren waren die Organisatoren besorgt, ob sich ein Ort wie Eberswalde zum Treffpunkt für eine jüdische Veranstaltung eignet. Und als am letzten Tag bei einer Diskussionsrunde Regisseur Dani Levy, Sängerin Sharon Brauner und Komiker Oliver Polak von einer Gymnasiastin gefragt werden, wie sie sich verhalten soll, wenn ein Mitschüler einen Witz über brennende Juden macht, fällt die Stimmung kurz. Viele Teilnehmer bekennen: »Wir werden die Kippa absetzen, wenn Limmud vorbei ist.«

Das höchste Ziel des Limmuds bleibt unausgesprochen: Für ein paar Tage ein kleines jüdisches Paradies schaffen, in dem sich jeder wohlfühlt und gleichzeitig ganz bewusst und offen jüdisch sein kann. Am Schabbat-Abend werden orthodoxe und liberale Gottesdienste gehalten. Wenn Toby Axelrod dann über das Gelände geht und aus unterschiedlichen Richtungen Gebete hört, fühlt sie sich an ihren Großvater erinnert, der ihr davon erzählt hat, wie er einst durchs Schtetl ging und die Luft von Schabbat-Gesängen erfüllt war. Das möchte Limmud sein – ein kleines Wunder.

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