9. Mai

Geschichten vom Sieg

»Das ist mein Weg«, sagt Efim Grinberg schlicht. Dabei gleitet seine Hand kurz über die 20 Orden, die er sich an sein dunkelblaues Jackett mit Nadelstreifen geheftet hat. Er legt diese Auszeichnungen nur einmal im Jahr an, am 9. Mai, wenn er in die Jüdische Gemeinde und in das ukrainische Konsulat eingeladen ist, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen, mit denen an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert werden soll.

»Aber auf dem Weg dorthin ziehe ich immer meinen Mantel über die Orden, aus Diskretion und Rücksicht gegenüber meinen Nachbarn und Freunden«, sagt er verschmitzt. Sie hätten Kontakt zu vielen Deutschen geschlossen, erzählt der 91‐Jährige, und seine Frau Bella nickt bestätigend. »Manchmal laden sogar ehemalige deutsche Soldaten uns russisch‐jüdischen Veteranen ein, und dann erzählen wir uns gegenseitig, was wir im Krieg erlebt haben. Hauptsache, wir sind Menschen«, fährt er nach einer Pause fort: »Hitler, Stalin – das war nie mein Geschäft.«

Früher als andere hat Efim Grinberg lernen müssen, was Willkür und totalitäre Herrschaft bedeuten. Denn 1937 wurden seine Eltern in einen Gulag verschleppt. Dass sein Vater aus Wien stammte, genügte, ihn in den Augen Stalins höchst verdächtig erscheinen zu lassen. Sie kehrten nie in ihre Heimatstadt Kiew zurück, sodass Efim mit 15 Jahren zu arbeiten begann, um sich und seine kleine Schwester zu ernähren.

Stalingrad Am Krieg hat er vom ersten Tag an teilgenommen, er war 19, als deutsche Panzer in der Sowjetunion einrollten, und wurde sofort eingezogen. Kurze Zeit später hatte er schon das Kommando über 160 Leute inne. Efim Grinberg hat Kiew verteidigt, hat in Stalingrad gekämpft und Warschau befreit. Und er wurde mehrere Male schwer verwundet, zuletzt durch einen Bauchschuss so schwer, dass der Krieg für ihn im August 1944 zu Ende war. In Sicherheit war er trotzdem nicht, denn nun erhielt er die Aufgabe, in einer Fabrik in Moskau defekte Waffen, Raketen und Granaten auf mögliche explosive Teile zu untersuchen.

Hochdekoriert, von seinen Verwundungen schwer gezeichnet, hat Grinberg nach dem Krieg die Schule nachholen müssen, hat studiert und dann 30 Jahre lang als Lehrer am Technikum gearbeitet. Gab es eine Entschädigung für den Verlust seiner Gesundheit, eine materielle Anerkennung für seine Heldentaten? Er macht eine verächtliche Geste, so lächerlich war der Betrag, den er erhielt.

stolz Judenfeindlichkeit – »diese deutsche Krankheit gelangte erst nach Kriegsende in die Sowjetunion«, meint Eduard Rozental rückblickend. »Während des Krieges spielte der Zusammenhalt in der Roten Armee eine große Rolle. Wir jüdischen Soldaten waren sogar stolz darauf, Juden zu sein.« So sei in seiner Einheit ein Witz darüber kursiert, was das beste Mittel gegen Antisemitismus sei: »Steckt alle Juden ins Militär, und sie werden so tapfer kämpfen und so gute Kameraden sein, dass niemand mehr etwas gegen sie sagen kann.«

Tatsächlich haben Schätzungen zufolge mehr als 600.000 Juden im Zweiten Weltkrieg der Roten Armee angehört, 60.000 Juden schlossen sich den Partisanen an. Es gab 92 jüdische Generäle in der Artillerie, 33 bei der Luftwaffe, 26 bei den Panzern und 15 jüdische Admiräle bei der Marine.

Auch Rozental, Jahrgang 1923, hat »gegen den Faschismus« gekämpft, wie er sagt; er war bei der Luftwaffe. Nach acht Monaten an einer Militärakademie, in der er im Schnelldurchlauf zum Kampfflieger ausgebildet wurde, schickte man den damals 18‐Jährigen an die Front. Als Pilot und Navigator ist er viele Einsätze geflogen, hat seine Maschine, auch wenn sie von zig Einschüssen schwer beschädigt war, immer wieder sicher nach Hause gebracht.

Bomben Rozental hat bei Moskau, in der Nähe von Leningrad und im Baltikum die deutschen Invasoren bekämpft. Mit den Bombenangriffen sollte er ihre Panzer zerstören, sollte deutsche Stellungen und Militärstützpunkte dem Erdboden gleichmachen. Rozental hat auch Bomben über Berlin abgeworfen. »Das war ein Auftrag, und ich habe ihn erledigt«, sagt er mit fester Stimme. »Ich war Bomber und habe meine Arbeit gut gemacht.«

Zumal er wusste, was auf dem Spiel stand: »Uns allen war klar: Wenn Hitler gewonnen hätte, würde in Russland kein einziger Jude am Leben bleiben. Deshalb mussten wir kämpfen. Bis zum bitteren Ende. Oder bis zum Sieg.«

Boris Gelfand träumte davon, Militärpilot zu werden. Doch sagte man ihm, er solle zunächst normalen Dienst am Boden ableisten und erst später die Flugakademie besuchen. Aber der Krieg machte alle Pläne zunichte. Gelfand landete bei der Luftabwehr und wurde als Späher ausgebildet, der feindliche Flieger am Himmel ausfindig machen sollte.

Mehrfach, so erzählt der 91‐Jährige, habe er bereits vor dem 22. Juni 1941, dem Tag des Einmarsches der deutschen Truppen, deutsche und finnische Flugzeuge entdeckt. »Aber es war uns bei Androhung der Todesstrafe verboten, etwas gegen sie zu unternehmen.« Noch galt der Nichtangriffspakt. »Für die Deutschen eine ideale Gelegenheit, unsere Militärbasen auszuspionieren«, sagt Gelfand bitter. Denn dass es zum Krieg kommen würde, hätten sie schon lange vorher gewusst.

Genugtuung Boris Gelfand hat die Einkesselung von Leningrad miterlebt. 630 Tage lang wurde die Stadt belagert. »Für die deutsche Generalität war es sehr wichtig, Leningrad zu erobern. Sie hatten die Einladungskarten für die Siegesfeier schon gedruckt.« Doch seine Einheit, die der Marine zugeordnet war, aber bei der Infanterie an Land kämpfte und als besonders tapfer galt, »hat ihnen diese Feier vermasselt«, sagt Gelfand trocken, wobei in seiner Stimme andeutungsweise auch grimmige Genugtuung mitschwingt.

Rachel Schor‐Tschudnovskaja, 94 Jahre alt, lebhaft, mit vielen kleinen, rotbraunen Locken, die munter mitnicken, wenn sie erzählt und ihren Kopf dabei bewegt, ist eher zufällig zu einer Kriegsheldin geworden. Sie studierte damals Medizin und absolvierte gerade ein Praktikum in einem weißrussischen Krankenhaus, als Hitlers Truppen in Russland einmarschierten. »Da bekamen wir den Befehl: ›Sie gehen an die Front, Sie müssen die Verwundeten versorgen. Für uns sind Sie jetzt Ärzte.‹«

Typhus Angst habe sie gehabt, erzählt die alte Dame, als sie den ersten verletzten Soldaten behandeln sollte. »Aber er hat einfach angefangen, mit mir zu flirten«, erinnert sie sich und lacht noch heute über diese kleine, unbeschwerte Begegnung inmitten von so viel Grauen und Leid. Später hatte Schor‐Tschudnovskaja die Aufgabe, in den eingetroffenen Zügen voller Soldaten diejenigen ausfindig zu machen und in einer Quarantänestation zu behandeln, bei denen verdächtige Typhus‐Symptome beobachtet werden konnten. Dafür, dass sie die Truppe vor einer Epidemie bewahrt hat, wurde sie später mit zwei Orden ausgezeichnet.

Boris Gelfand, Eduard Rozental, Rachel Schor‐Tschudnovskaja und Efim Grinberg – sie alle haben im Krieg Verwundungen davongetragen, die sie bestimmt noch heute täglich daran erinnern, was Deutsche ihnen angetan haben. Und sie alle leben heute – ausgerechnet – in Deutschland. Weil ihre Kinder hierhergegangen sind, in der Hoffnung auf bessere Arbeitsmöglichkeiten und mehr Wohlstand, und weil sie in ihrer Nähe sein wollten.

Freundschaft Für Rozental ist das kein Problem: »Ich habe gegen Faschisten gekämpft, nicht gegen das deutsche Volk«, stellt er fest. Und Bella Grinberg sagt, sie möchte mindestens 100 Jahre alt werden, so schön und angenehm findet sie ihr Leben jetzt, hier in Frankfurt. Nur Rosa Schor‐Tschudnovskaja ist mit Beklemmung nach Deutschland eingereist.

Zumal ihr Bruder ihr zum Abschied gesagt hatte: »Wir werden uns niemals wiedersehen, denn ich werde dich dort nicht besuchen.« Er kam dann doch, zu ihrem 80. Geburtstag, und unterhielt sich Stunden lang mit einem Mann, der bei der deutschen Wehrmacht gekämpft und ein Bein verloren hatte. »Vielleicht hast du auf mich oder ich auf dich geschossen«, sagte Rachels Bruder zu ihm. Die beiden wurden Freunde.

Sieger, Besiegte, das scheint im Leben der vier Veteranen keine große Rolle mehr zu spielen. Doch das stimmt nicht ganz. An einem Tag im Jahr ist alles anders: am 9. Mai. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 hatte der deutsche Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel im sowjetischen Hauptquartier in Berlin‐Karlshorst die Kapitulationsurkunde unterzeichnet und damit den Sieg der Roten Armee über die Wehrmacht und Hitlerdeutschland bestätigt.

»Das ist für mich der größte und höchste und schönste Feiertag des ganzen Jahres«, schwärmt Eduard Rozental, und alle anderen nicken zustimmend. Rozental kann sich auch noch genau an den Moment erinnern, als er vom Ende der Kämpfe erfuhr: »Der Kommandeur reichte mir wortlos ein Glas mit einer klaren Flüssigkeit. Ich hielt das für Wasser, bis ich davon trank und merkte, dass es Alkohol war. Fragend habe ich meinen Vorgesetzten angeblickt, und er nickte und sagte: »Ja, es ist vorbei. Wir haben gewonnen.«

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