Porträt der Woche

Geschichten in der Leere

Suria Kassimi ist Künstlerin und beteiligt sich mit einem Projekt am Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

von Annette Kanis  30.03.2021 08:51 Uhr

»Ich finde es wichtig, dass man seine Wurzeln kennt«: Suria Kassimi (63) lebt in Recklinghausen. Foto: Jochen Linz

Suria Kassimi ist Künstlerin und beteiligt sich mit einem Projekt am Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

von Annette Kanis  30.03.2021 08:51 Uhr

Suria Kassimi ist mein Künstlername, lautmalerisch fand ich den Namen schön. Bürgerlich heiße ich eigentlich Maria Walter. Ich bin in einem christlich-jüdischen Haushalt groß geworden, wurde aber eher christlich sozialisiert und war auf einem katholischen Internat. Für meine Mutter war die jüdische Identität immer gebunden an das, was man verschweigt.

Meine Mutter wurde 1934 in Berlin geboren, über die schrecklichen Erlebnisse in ihrer Kindheit hat sie nicht geredet, mit niemandem. Ich habe keine Ahnung, wie sie überlebt hat. Meine Mutter war ein sehr verschlossener Mensch. Ich weiß nicht, was ihr passiert ist, sie hat nie darüber gesprochen.

selbstbewusstsein Ich kann mir vorstellen, dass das schon sehr schrecklich ist, wenn man als ganz kleines Kind bereits gesagt bekommt: Du bist Jude, und das ist schlecht. Woher soll das Selbstbewusstsein kommen? Das ist eine Entwertung, die ist so umfassend. Man behält sie und kämpft wahrscheinlich sein ganzes Leben dagegen an.

Unter therapeutischem Aspekt würde ich sagen, dass sie frühkindlich traumatisiert wurde, und daran ist nicht gearbeitet worden. Die Zeiten damals in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren waren ja auch in den Therapieformen noch viel aggressiver und nicht so sensibel und achtsam wie heute.

So bin ich überhaupt nicht in jüdisches Leben eingebunden worden durch meine Mutter. Und das Interessante oder vielleicht Paradoxe, also durch dieses Verschweigen, dieses Tabuisieren ist es eigentlich ein Teil von Identität geworden. Dadurch war es eigentlich auch erst wirklich präsent. Wenn man etwas nicht sagt, ist es auch gesagt. Das war immer so etwas Dunkles, etwas, worüber man nicht reden darf, woran man nicht rühren darf. Etwas ganz Schreckliches.

Meine Mutter hat sehr darunter gelitten, jüdisch zu sein, sie war traumatisiert.

Solange meine Mutter lebte – sie ist 2006 verstorben –, war das Judentum für mich eigentlich weit, weit weg. Ich hatte überhaupt keinen Bezug. Es gab keine Verwandten, das kam natürlich erschwerend dazu. Das war auch tabuisiert, da wurde auch nicht darüber geredet, was mit Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Onkel passiert ist.

kontakte Es wurden eigentlich auch alle Kontakte, die sie aus irgendwelchen Gründen hatte, nicht zugelassen. Also, meine Mutter hat sich sehr zurückgezogen von allem und, ich glaube, sehr darunter gelitten, jüdisch zu sein.

Jüdischsein ist für mich eine verschwiegene Identität. Obwohl ich mich andererseits sehr dafür interessiere. Von außen betrachtet ist da sehr viel, was ich attraktiv finde: Gemeinschaft, Rituale pflegen. Daher ist das etwas, das mich beschäftigt, auch weil ich es wichtig finde, dass man seine Wurzeln kennt. Aber ich sehe auch das Problem, was durch diese Zeit zwischen 1933 und 1945 passiert ist: dass es eben ganz unterschiedliche Auswirkungen hatte auf Menschen und dass sie das natürlich auch weitergeben in einer anderen Form an die nächste Generation.

Meine erwachsene Tochter zum Beispiel ist da ganz offensiv. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, sie schreibt sehr viel über Rassismus und Antisemitismus und beschäftigt sich mit diesem Thema im Rahmen ihres Studiums und ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Das finde ich wirklich toll.

STUDIUM Mein Studium begann 1975 in Berlin an der Hochschule der Bildenden Künste mit Malerei, Film und Performance. Ich hatte das Glück, die Letzte in der Klasse von Fred Thieler zu sein, auch wenn ich nie wie er informell gearbeitet habe. Ich war immer an erkennbaren Motiven interessiert. Berlin ist toll, kann aber auch irgendwie anstrengend sein. Nach dem Studium zog ich 1983 nach Düsseldorf, um in Bochum Kunstgeschichte, Soziologie und Politikwissenschaft zu studieren. Ich konnte aber ein sehr günstiges, von der Hochschule subventioniertes Atelier in Berlin behalten.

Die 80er-Jahre waren vor allem wild, das war eine Zeit, die mir nicht so lag. Die 70er-Jahre waren eher meins – mehr introvertiert und spirituell. Die 80er-Jahre fand ich zu laut, zu grell, zu bunt, was die Kunst anging. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum ich weiter studiert habe. Der andere Grund war, dass ich einfach auf der Suche war. Wissen war immer ganz wichtig für mich, das hat auch nie aufgehört. Ich schloss also das Magisterstudium ab und machte dann noch eine Ausbildung in Kunsttherapie.

1989 wurde meine Tochter geboren, da war ich auch erst einmal ganz raus aus der Kunst. Ich wollte ganz Mutter sein, das genießen. Das war auch toll. Als sie dann flügge wurde, ging sie nach Berlin, und ich fing wieder an mit der Kunst.

RUHRGEBIET Von der Kunst zu leben, ist total schwer, aber ich muss sagen, ich bin recht bescheiden, und so geht es immer irgendwie. Neben der freien Kunst arbeite ich manchmal als Kunsthistorikerin in Museen, schreibe Texte für Kunstkataloge und habe auch bis vor Kurzem als Kunsttherapeutin gearbeitet. Es ist oft mühsam, aber ich bin zufrieden.

Als mir meine Wohnung in Düsseldorf wegen Eigenbedarfs nach 25 Jahren gekündigt wurde, habe ich überlegt, wo man günstig und schön wohnen kann. So kam das Ruhrgebiet ins Spiel, und ich bin in Recklinghausen gelandet. Hier öffnet sich alles zum Münsterland. Ich mag die Gegend sehr, Felder, Wiesen, ein paar Hügel, so hell und licht. Alle haben gesagt, du bist verrückt, du kannst doch nicht mit 57 Jahren umziehen in eine Stadt, wo du keinen kennst, aber für mich war das gut.

Ich habe das Glück, dass Menschen irgendwie auf mich zugehen. Und ich habe das Gefühl, dass ich nicht verloren gehen kann.

Ich bin das so gewohnt, mich eigenständig irgendwo hinzubegeben und zu schauen, was da ist. Und ich bin gut aufgenommen worden, was die Kunst angeht. Die Sparkasse hat sofort Bilder gekauft, die Presse hat sich interessiert, und ich hatte recht schnell eine erste Ausstellung. Ich habe das Glück, dass Menschen irgendwie auf mich zugehen. Und ich habe das Gefühl, dass ich nicht verloren gehen kann. Ich kann dann auch warten und habe so eine gewisse Gelassenheit.

MASKE Mein aktuelles Projekt heißt »Hinter der Maske«. Es sind Arbeiten, die ich primär im Internet veröffentliche. Das Projekt ist vielschichtig: Zum einen sind wir jetzt zwangsläufig maskiert, das ist das Offenkundige, schon befremdlich genug, zum anderen hat man auch als Mensch vielfach eine Maske auf, diese sogenannte »social mask«, und dahinter verbirgt sich eben auch einiges.

Vielleicht ist es auch so, dass durch Corona ganz viel zum Vorschein kommt, was man vorher nicht gesehen hat. Seien es Sozialverhalten, Verantwortungsgefühl, Gemeinwohlorientierung, Rücksicht und der Umgang damit, sich persönlich zurückzunehmen und vielleicht auf einiges zu verzichten.

Ich konnte trotz Corona sehr viele Projekte realisieren, obgleich die Schutzmaßnahmen den Kunstbetrieb und den Kulturbetrieb ja sehr stark betroffen haben. Gemeinsam mit einem Mitstreiter hatte ich in Recklinghausen einen Kunstverein gegründet, als ich hierhergezogen war. Jedenfalls hatten wir in den vergangenen Monaten ein von der Stadt gefördertes Projekt, das normalerweise im Atelier als Performance mit Live-Musik und Objekten an der Wand stattgefunden hätte, ins Internet verlegt. Ich habe dafür Videominiaturen mit Musik gemacht.

Außerdem hatten wir vom Verein zwei Formate mit dem Titel »Open Windows«. Eine Künstlerin aus Bochum und ein Künstler aus Dortmund haben die beiden Schaufenster meines Ateliers mit Installationen bespielt. Ich selbst hatte ein Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen sowie ein von der Stadt gefördertes Fotografieprojekt. Insofern ist alles sehr gut gelaufen. Ich war konzentriert mit mir im Atelier, hatte und habe wenig Kontakte.

MISCHPOKE In der nächsten Zeit befasse ich mich mit einem Kunstprojekt, das in Düsseldorf anlässlich einer Ausstellung zu »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« gezeigt werden soll. Unter dem Obertitel »Geliebte Mischpoke – ohne euch fehlt uns was« wurden mehrere Künstler eingeladen, sich zu beteiligen. Bei mir wird es um Orte jüdischen Lebens gehen, die verlassen sind und umdefiniert wurden, um Leerflächen.

Das ist natürlich analog zu meinem eigenen Erleben zu sehen: Ich habe den Zugang eher zu diesen Leerstellen, die irgendwie nicht mehr da sind, als zum aktiven jüdischen Leben von heute. In der glatten Oberfläche dieser glänzenden Bilder spiegelt sich der Betrachter selbst im Bild. In der Leere stecken viele Geschichten.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

1700 Jahre jüdisches Leben

Gute Fragen an den Zentralrat

Auf der Plattform gutefrage.net beantwortet der Dachverband heute Fragen zum Judentum

 08.12.2021

Kunst

Kunst liegt in der Familie

Tochter, Mutter, Großmutter – eine Ausstellung in Frankfurt

von Eugen El  08.12.2021

Bombenfund

Jüdisches Krankenhaus in Berlin wird evakuiert

Am Sonntag wird eine 250 Kilo schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gelände entschärft

 08.12.2021 Aktualisiert

»#systemrelevant«

Mittendrin in der Gesellschaft

Die Miniserie der Regisseurin Yael Reuveny zeigt den Alltag von Juden in Deutschland

von Ralf Balke  07.12.2021

Deutschland

»Ein großer Erfolg«

Der Präsident des Zentralrats zieht eine positive Bilanz des Jubiläumsjahrs zu 1.700 Jahren jüdischem Leben

 07.12.2021 Aktualisiert

München

Jahrestag, Literatur, Restitution

Meldungen aus der IKG

 06.12.2021

Ausstellung

Berliner erzählen von ihrem »jüdischen Berlin«

Im Frühjahr hatte sich das Centrum Judaicum mit der Frage »Was ist Ihr jüdisches Berlin?« an alle Berliner gewandt

 06.12.2021

Nordrhein-Westfalen

Veranstalter ziehen positive Bilanz des Jubiläumsjahrs »1.700 Jahre jüdisches Leben«

Generalsekretärin des Vereins: »Das große Interesse hat uns überwältigt«

 06.12.2021

Corona

Doppelt schutzbedürftig

Kinder mit Einschränkungen leiden während der Pandemie besonders stark – so wie Daniel aus Villingen

von Christine Schmitt  05.12.2021