Porträt der Woche

Geschichte aufarbeiten

Esther Graf ist Judaistin, arbeitet in einer Agentur für jüdische Kultur und lebt in Mannheim

von Gerhard Haase-Hindenberg  13.02.2023 12:05 Uhr

»Mittlerweile haben wir auch Büros in Hamburg und Berlin«: Esther Graf (53) lebt in Mannheim. Foto: Philipp Rothe

Esther Graf ist Judaistin, arbeitet in einer Agentur für jüdische Kultur und lebt in Mannheim

von Gerhard Haase-Hindenberg  13.02.2023 12:05 Uhr

Meine Eltern waren sehr engagiert in der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Dort bin ich traditionell jüdisch aufgewachsen, wir haben die Feiertage begangen, und ich war im Religionsunterricht. Nach der Matura studierte ich zunächst Romanistik, habe dann aber zu Judaistik gewechselt. Nach vier Semestern in Wien ging ich an die Hochschule für Jüdische Studien nach Heidelberg.

Danach habe ich zwei Jahre das Jüdische Museum in Hohenems geleitet, ehe ich zurück nach Heidelberg ging, um zu promovieren. Das Thema meiner Dissertation im Bereich jüdischer Kunst war »Die Genrebilder von Moritz Daniel Oppenheim und der Beitrag der Bilder zum Emanzipationskampf der deutschen Juden«.

In meiner Kindheit bin ich beim zionistischen Jugendverein Hashomer Hatzair gewesen. Allerdings war die damit verbundene Identität eher eine kulturelle, weniger eine religiöse. Das hat sich im Laufe meines Studiums dahingehend gewandelt, dass mein Interesse am Religiösen im Judentum größer wurde.

SELBSTSTÄNDIGKEIT Etwa zur Zeit meiner Promotion hat der damalige Rektor, Alfred Bodenheimer, an der Hochschule eine Stelle für Öffentlichkeitsarbeit eingerichtet, und ich habe als Referentin mit ihm diesen Bereich aufgebaut. Schon während meines Studiums in Heidelberg hatte ich meinen nichtjüdischen Mann kennengelernt. Während unser beider Promotion – er in Physik – haben wir geheiratet und zogen nach Mannheim, dort sind die Mieten günstiger.

Eines Tages habe ich beschlossen, mich zusammen mit meiner Freundin Manja selbstständig zu machen. Wir gründeten eine Agentur für jüdische Kultur, die es bis heute gibt, wenngleich wir mittlerweile unsere Aktivitäten etwas zurückgefahren haben, weil sich in unserem Arbeitsleben auch andere Dinge ergeben haben.

Unser Konzept war von Anfang an die Beratung von Institutionen, die Ausstellungen zu jüdischen Themen machen wollen. Wir übernahmen beispielsweise die inhaltliche Betreuung einer Wanderausstellung zum einstigen jüdischen Leben im Kraichgau. Das ist eine Gegend in Baden-Württemberg, wo es sehr viele jüdische Landgemeinden gab, die alle nicht mehr existieren. Wir haben auch Vorträge zu Geschichte, Religion und Kultur des Judentums angeboten und Workshops mit Jugendlichen veranstaltet.

Töchter Im Jahr 1999 wurde in Mannheim unsere erste Tochter geboren, und bald danach bin ich dort in die jüdische Gemeinde eingetreten. 2002 kam dann unsere zweite Tochter zur Welt. Beide haben in Mannheim das Jüdische Jugendzentrum besucht und hatten Religionsunterricht. Es ist eine sehr angenehme, aufgeschlossene Gemeinde in Mannheim.

Im Alter von 46 Jahren habe ich meine Batmizwa nachgeholt.

Im Laufe der Zeit habe ich mich aber religiös anders orientiert. In Mannheim pflegt man den modern-orthodoxen Ritus, bei dem die Geschlechter getrennt sitzen und nur Männer zur Tora aufgerufen werden. Im Februar 2015 veranstaltete die Bildungsabteilung im Zentralrat in Frankfurt ein Seminar zum Thema »Frauen im Judentum«. Da habe ich einen Workshop von Rabbinerin Elisa Klapheck besucht. Sie hat erzählt, wie sie zu ihrem Job gekommen ist, und auch, dass es in Frankfurt einen Egalitären Minjan gibt. Das wollte ich mir gern anschauen.

Schon während des Studiums hatten wir versucht, in Heidelberg eine egalitäre Gruppe auf die Beine zu stellen, was aber nicht geglückt ist. Und so war ich zu Rosch Haschana 2015 zum ersten Mal in Frankfurt dabei, und das hat mir von der Atmosphäre her sehr gefallen.

Einige Zeit später bin ich wieder hingefahren, diesmal zum Gottesdienst am Samstagvormittag. Ich fand es so toll, dass sich neben der Rabbinerin und dem Chasan Daniel Kempin so viele unterschiedliche Menschen daran beteiligen konnten. Männer und Frauen durften alle das Gleiche machen!
So bin ich nach jenem Schabbat-Gottesdienst zur Frau von Daniel Kempin gegangen und habe sie gefragt, wie das denn sei mit dem Leijnen, also mit dem Lesen aus der Tora. Ich wollte wissen, wer das lernen kann. Sie sagte: »Bei uns kann das jeder lernen.«

Ich habe dann bei Daniel Kempin Unterricht genommen. Mein Vorteil war, dass ich durch mein Judaistikstudium schon Hebräisch lesen konnte und während des Studiums Bibeltexte übersetzen musste. Ich hatte also sprachlich überhaupt keine Probleme, dafür am Anfang aber einige musikalische.

Sängerin Ich bin keine ausgebildete Sängerin, und die eigene Stimme zu ertragen, daran musste ich mich erst gewöhnen. Eines Tages wollte Rabbinerin Klapheck wissen, ob ich meine Batmizwa hatte. Ich habe ihr gesagt, dass es das zu meiner Zeit in Wien noch nicht gab. Da fragte sie: »Willst du sie nicht nachholen?« Ich dachte: Was für eine coole Idee! So habe ich dann im Herbst 2016 im Alter von 46 Jahren meine Batmizwa nachgeholt. Natürlich waren meine beiden Töchter dabei, die ihre Batmizwa-Feiern in Mannheim lange hinter sich hatten, und auch mein Mann. Meine Schwester war dafür extra aus Israel gekommen.

Im Egalitären Minjan gibt es ja die Tradition, dass die Tora von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nachdem die Tora also aus dem Aron Hakodesch ausgehoben wird, übergibt eine ältere Person aus der Familie die Rolle der jüngeren. Meine Eltern haben zwar damals noch gelebt, waren aber nicht mehr reisefähig, und deswegen hat das meine ältere Schwester übernommen. Das war sehr berührend.

Über eine Gestalterin, mit der wir in unserer Agentur zusammengearbeitet hatten, kam ich in Kontakt mit einer sogenannten Geschichtsagentur. Bei dieser bin ich inzwischen in Teilzeit im Bereich Marketing beschäftigt, sodass mir noch genügend Zeit bleibt, um zusammen mit Manja in unserer kleinen Agentur für jüdische Kultur ausgewählte freiberufliche Projekte umzusetzen. Als ich bei dieser Geschichts­agentur zu arbeiten begonnen habe, war sie noch im Aufbau. Heute, knapp zehn Jahre später, sind wir 25 Festangestellte.

Unser Ansatz ist es, dies den Zuständigen in den Unternehmen klar zu sagen: »Lassen Sie diese Zeit sauber aufarbeiten, denn Sie müssen Ihre eigene Geschichte kennen«.

Unser Stammsitz ist in Mannheim, aber mittlerweile haben wir auch Büros in Hamburg und Berlin. Unsere Kunden, vornehmlich Industrieunternehmen, sitzen in Deutschland und Österreich. Mittlerweile bin ich diejenige, die am Längsten dabei ist, und ich finde es nach wie vor toll, Teil dieses Entwicklungsprozesses zu sein.

Historiker Eine Geschichtsagentur macht Folgendes: Da sind zunächst Historiker und Historikerinnen beschäftigt. Mein Chef ist auch promovierter Historiker, und es geht darum, Unternehmen zu unterstützen, etwa bei Jubiläumsvorbereitungen oder bei Archivprojekten. Die Historiker helfen, die Geschichte zu recherchieren und in eine adäquate kommunikative Form umzusetzen. Sei es für ein Buch, eine Social-Media-Kampagne, eine Ausstellung, einen Podcast oder Historienfilm. Was auch immer da gewünscht wird, setzen wir um.

Der andere Bereich, den wir abdecken, ist die Kommunikation innerhalb des Archivbereichs oder auch beim Aufbau eines Archivs, wenn ein Unternehmen so etwas noch nicht hat. Jedes Unternehmen, das etwa sein 100-jähriges Jubiläum feiert, muss sich dabei natürlich auch der Firmengeschichte während der NS-Zeit stellen.

Unser Ansatz ist es, dies den Zuständigen in den Unternehmen klar zu sagen: »Lassen Sie diese Zeit sauber aufarbeiten, denn Sie müssen Ihre eigene Geschichte kennen« – um sie dann, das ist unser Rat, nüchtern und einfach darzustellen. Es gibt eigentlich kein Unternehmen in Deutschland, das, wenn es in der NS Zeit tätig war und Zwangsarbeiter beschäftigte, nicht genauer hingucken müsste. Leider existieren auch Gegenbeispiele, wenngleich nicht bei unseren Kunden.

Archive Manche Firmen haben ihre Geschichte nie richtig aufgearbeitet oder beginnen erst jetzt damit. Aber die meisten Unterlagen liegen in öffentlichen Archiven. Das muss nur ein interessierter Journalist aufgreifen, und schon fällt ihnen das ganz böse auf die Füße. Deswegen raten wir unseren Kunden, immer offen mit der Geschichte umzugehen.

Ich bin zwar nicht mit diesen Projektarbeiten betraut, weil ich von Haus aus keine Historikerin bin, sondern im Bereich des Marketing beschäftigt, aber diese Arbeit mit Indus­trieunternehmen und die Kombination aus geisteswissenschaftlichen Skills und »real business« finde ich sehr reizvoll.

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