Woche der Brüderlichkeit

Gemeinsames Handeln

Wie oft fühle ich mich einsam und nicht gemeinsam in der uns heute umgebenden Judenfeindschaft? Foto: Getty Images / istock

Oft werde ich gefragt, wo Gott in Auschwitz gewesen sei. Und ich pflege darauf zu antworten: Wo war der Mensch? An der extremen Judenfeindschaft in Auschwitz kann man erkennen, wohin blinder Hass, unbeschränkte Heimtücke und Spaß an Grausamkeit führen können. Die Akteure auf der Täterseite in Auschwitz, aber auch zu Hause in der Nachbarschaft wurden nicht als blindwütige Hasser oder Menschenfeinde geboren. Es war eine Gesellschaft, die achselzuckend Freiräume für Gewalttaten entstehen ließ: Der Weg der Opfer begann in der Nachbarschaft. Mensch, wo warst Du?

Hört man an Gedenktagen wie dem 27. Januar oder beim Gedenken an die Opfer des Novemberterrors 1938 die Reden unserer Politiker, aber auch anderer, die in Kirchen und Gesellschaft Verantwortung tragen, dann sind sie alle aktive Kämpfer gegen Antisemitismus. Zu ganz großer Form laufen Politiker auf, wenn es um Judenhass in anderen Parteien geht.

Zu ganz großer Form laufen Politiker auf, wenn es um Judenhass in anderen Parteien geht.

engagement Dennoch gibt es ein breites bürgerschaftliches Engagement gegen Antisemitismus, und die Gesellschaften für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit zeichnen zwei Initiativen mit der Buber‐Rosenzweig Medaille aus, die neue Wege bei der Bekämpfung des Judenhasses gehen. Es gehört zum Kern der Identität der Bundesrepublik Deutschland, dass Politiker und Bürger gemeinsam gegen Antisemitismus sind.

Da fällt mir eine Geschichte ein, die von David Ben Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten des Staates Israel, erzählt, der bei seiner Wahlkampfreise für die erste Knesset in einem Kibbuz nicht müde wird, die großen sozialen Errungenschaften des jüdischen Staates zu preisen. Meldet sich ein Kibbuznik und fragt den Ministerpräsidenten: »Wenn alles so gut ist, wie Sie sagen, warum geht es mir dann so schlecht?«

Mir geht es mit Blick auf unsere Gesellschaft nicht schlecht: Aber wie oft fühle ich mich einsam und nicht gemeinsam in der uns heute umgebenden Judenfeindschaft? Antisemitische Attacken unter Klassenkameraden an Schulen – und Lehrer schauen offenbar achselzuckend weg. So werden Freiräume für Gewalttaten geschaffen, die die Gesellschaft als Ganzes zersetzen.

parallelen Zeigen sich hier Parallelen in Bezug auf die Teilnahmslosigkeit, die Akzeptanz von Judenhass in der NS‐Zeit? Heute antisemitische Attacken, morgen Mobbing gegen andere?

Heute antisemitische Attacken, morgen Mobbing gegen andere?

Rabbiner Steven Schwarzschild sel. A. hat 1971 bei einer Predigt in der Synagoge Pestalozzistraße anlässlich des 300. Jubiläums der Jüdischen Gemeinde zu Berlin den damals achselzuckend zur Kenntnis genommenen antiisraelischen Terrorismus gegen jüdische Einrichtungen weltweit beklagt. Und dass es in arabischen Staaten nur noch extrem wenige Juden, aber eine sichtbare große Zahl von Christen gab. »Wir Juden blasen das Schofar des nahenden und sich wieder nähernden Unheils.« Und er schlussfolgerte: Der Terror gegen jüdische Einrichtungen werde toleriert und die Delegitimierung des Staates Israel mit menschenrechtlichen Positionen begründet.

Heute möchte man hinzufügen: Auch dass zwischen Bosporus und der Straße von Gibraltar Menschenrechte für Andersgläubige nicht einmal als Silberstreif am Horizont erkennbar sind, wird klaglos hingenommen.

kronzeuge Der französische Philosoph Alain Finkielkraut wurde in Paris vor Kurzem zum Ziel einer judenfeindlichen Attacke und kommentierte dies folgendermaßen: »Meine Affäre ist eine Art Kronzeuge: Der moderne Antisemitismus ist keine Spielart des Rassismus, er ist eine Spielart des Antirassismus. Alle Antisemiten heute sind Antirassisten. Sie sprechen im Namen der Menschheit, im Namen aller leidenden Wesen. Und auf diese Weise assoziieren sie den Davidstern mit dem Hakenkreuz.« Mit Rabbiner Schwarzschild könnte man sagen: Morgen wird es die treffen, die heute achselzuckend und teilnahmslos gewähren lassen.

Yakov Hadas‐Handelsman, der frühere Botschafter Israels in Deutschland, wies 2016 auf einen wichtigen Aspekt hin: »Mit großer Skepsis beobachte ich, wenn Menschen, die auf der Straße gegen Flüchtlinge protestieren, plötzlich israelische Flaggen schwenken. Das war in jüngster Zeit gelegentlich zu beobachten. Ausländerfeindliche Menschen sprechen von ›uns Juden und Christen‹ und bezeichnen den Islam als gemeinsamen Feind. Das ist Unsinn.« Richtig ist: Das Wichtigste an der Bekämpfung von Judenfeindschaft ist das gemeinsame Handeln, jedoch nicht um den Preis der Menschenrechte.

Richtig ist: Das Wichtigste an der Bekämpfung von Judenfeindschaft ist das gemeinsame Handeln, jedoch nicht um den Preis der Menschenrechte.

»Mensch, wo bist Du?« ist die rhetorische Frage Gottes, nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben und sich im Paradies verstecken, so als könnte der Allmächtige sie nicht sehen. »Mensch, wo bist Du?«, musste man nach der Befreiung von Nazideutschland fragen, wohl wissend, wer die Täter waren.

Oft lese ich mit Erleichterung, dass aus unseren Reihen deutliche Worte gefunden werden, um wenigstens im Nachgang die Protagonisten zur Klarstellung zu nötigen. Und so stelle ich mir wieder die Frage: »Mensch, wo bist Du?« Denn ich bin immer noch optimistisch, dass auch und vor allem Nichtjuden die in Judenfeindschaft verirrten Protagonisten auf den Weg des gemeinsamen Handelns zurückbringen.

Der Autor ist jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit.

Porträt der Woche

Die Salondame

Yael Nachshon ist Künstlerin und lädt jeden Monat zu kulturellen Begegnungen ein

von Simone Flores  17.08.2019

Freiburg

Quelle des Streits

Eine Stadt überlegt, wie der Missbrauch eines Denkmals beendet werden kann

von Anja Bochtler  17.08.2019

Düsseldorf

Warten auf das Mahnmal

Für die Opfer des Wehrhahn‐Anschlags gibt es keinen Erinnerungsort

von Stefan Laurin  17.08.2019