Vortrag

Gedichte für »Yidishe yidn«

Tamar Lewinsky spricht über jiddische Literatur im Nachkriegsdeutschland

von Ellen Presser  28.08.2012 09:15 Uhr

Die Historikerin und Jiddistin Tamar Lewinsky Foto: Rilke Asaël

Tamar Lewinsky spricht über jiddische Literatur im Nachkriegsdeutschland

von Ellen Presser  28.08.2012 09:15 Uhr

Die Historiker Michael Brenner und Andreas Heusler veröffentlichen seit 2008 im Münchner Oldenbourg Verlag die ebenso interessante wie gelehrte Reihe Studien zur Geschichte und Kultur in Bayern. 2011 erschien als siebter Band Unterbrochenes Gedicht. Jiddische Literatur in Deutschland 1944–1950. Herausgegeben hatte das Buch Tamar Lewinsky, Historikerin am Institut für Jüdische Studien in Basel und derzeit Professurvertreterin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Lesung Auf Einladung von Lewinskys Doktorvater Brenner, bei dem sie 2007 mit einer Arbeit über Displaced Poets. Jiddische Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland, 1945–1951 promoviert wurde, war die gebürtige Schweizerin zu Gast im Jüdischen Museum München. Dort läuft als Jahresprojekt 2012 die zweiteilige Ausstellung »Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion«; zunächst mit dem Schwerpunkt auf den Displaced Persons nach 1945 und aktuell mit dem Hauptthema Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990.

Die kulturelle Situation nach 1945 war, resümierte Michael Brenner in seiner Begrüßung, »reichhaltig und kurzlebig«. Dann zitierte er den amerikanischen Literaturwissenschaftler Benjamin Harshav: »In der Behaglichkeit amerikanischer Universitäten konnten sich assimilierte Juden die Frage leisten: ›Wie kann man nach Auschwitz Gedichte schreiben?‹ Yidishe yidn wussten, dass man das kann, immer gekonnt hat und auch muss.«

Wie sehr das zutrifft, machte Lewinsky, die bis 2009 als Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur in München gearbeitet hat, in ihrem Vortrag deutlich. Sie begann mit den titelgebenden Versen Unterbrochenes Gedicht von Meyer-Ber Gutman, entstanden 1944 im Dachauer Außenlager Kaufering IV. Bergen-Belsen ist 1947 der Erscheinungsort seines Gedichtbandes, der diese Totenklage enthält.

20 Stimmen hat Lewinsky zusammengetragen, Gedichte behutsam ins Deutsche übersetzt, ihre bruchstückhaften biografischen Spuren notiert. Ihre jiddische Sprache war vom Untergang bedroht, durch Flucht und Deportation hatten sie alles verloren. Viele waren noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren, also unter dem Eindruck von Gewalt und Revolutionen aufgewachsen. Ihre literarischen Gehversuche hatten in den 20er- und 30er-Jahren begonnen.

BITTERKEIT Nun, erläuterte Lewinsky, wartete man in den DP-Lagern auf die Emigration. Was man aufschrieb, spiegelte die Lebenserfahrung der Autoren und Leser, ihrer Schicksalsgenossen, wider. Alle waren eine »Erinnerungsgemeinschaft«. Themen waren der »Churbn«, der Holocaust, der Versuch einer Rückkehr an die Herkunftsorte, das Leben im DP-Lager und der Blick auf die sie umgebende deutsche Zivilgesellschaft: »Die Texte sind durch Sprache, Ort und Art ihrer Abfassung einzigartig«, stellt Lewinsky fest und verweist auf deren Bitterkeit und Unversöhnlichkeit.

In dem Gedicht Das blaue Kleid von Mates Olitski heißt es: »Wie reizend siehst du in dem Kleid doch aus! / Doch stammt es nicht aus unserem toten Haus?«. Und Gutman stellt sich in dem Poem Auf fremder Erde (1945) die Frage: »Was soll ich denn noch mit dem Leben? / Wenn es öde im Herzen geworden / Ohne Wunsch, ohne Streben«.

Es gibt aber auch Satirisches. Baruch Graubard schreibt launig über sich selbst: »Wie mein Freund Jankl Batlen zum Redakteur wurde«. Die Namen der Verfasser klingen selbst wie pure jiddische Poesie: Shloyme Berlinski, Malke Kelerikh und Mordkhe Libhaber.

Bei der Übertragung der Originaltexte wurde Lewinsky von ihrem Vater Charles unterstützt, der zwar Schriftsteller ist, aber kein Jiddisch spricht. Nur schade, dass der Oldenbourg Verlag die Mehrkosten einer zweisprachigen Ausgabe scheute. Die Ein- und Zweideutigkeiten der Sprache bleiben so beim Lesen verborgen. »Bejner« im Jiddischen bezeichnen Knochen, Beine im Deutschen sind »Fiß«. Eine besondere »nu’e« (jiddisch »Genuss«) hatten indes jene, die bei der Lesung von Tamar Lewinsky dabei waren und beides – Jiddisch und Deutsch – hören konnten.

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