Vortrag

Gedichte für »Yidishe yidn«

Die Historiker Michael Brenner und Andreas Heusler veröffentlichen seit 2008 im Münchner Oldenbourg Verlag die ebenso interessante wie gelehrte Reihe Studien zur Geschichte und Kultur in Bayern. 2011 erschien als siebter Band Unterbrochenes Gedicht. Jiddische Literatur in Deutschland 1944–1950. Herausgegeben hatte das Buch Tamar Lewinsky, Historikerin am Institut für Jüdische Studien in Basel und derzeit Professurvertreterin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Lesung Auf Einladung von Lewinskys Doktorvater Brenner, bei dem sie 2007 mit einer Arbeit über Displaced Poets. Jiddische Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland, 1945–1951 promoviert wurde, war die gebürtige Schweizerin zu Gast im Jüdischen Museum München. Dort läuft als Jahresprojekt 2012 die zweiteilige Ausstellung »Juden 45/90. Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion«; zunächst mit dem Schwerpunkt auf den Displaced Persons nach 1945 und aktuell mit dem Hauptthema Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990.

Die kulturelle Situation nach 1945 war, resümierte Michael Brenner in seiner Begrüßung, »reichhaltig und kurzlebig«. Dann zitierte er den amerikanischen Literaturwissenschaftler Benjamin Harshav: »In der Behaglichkeit amerikanischer Universitäten konnten sich assimilierte Juden die Frage leisten: ›Wie kann man nach Auschwitz Gedichte schreiben?‹ Yidishe yidn wussten, dass man das kann, immer gekonnt hat und auch muss.«

Wie sehr das zutrifft, machte Lewinsky, die bis 2009 als Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur in München gearbeitet hat, in ihrem Vortrag deutlich. Sie begann mit den titelgebenden Versen Unterbrochenes Gedicht von Meyer-Ber Gutman, entstanden 1944 im Dachauer Außenlager Kaufering IV. Bergen-Belsen ist 1947 der Erscheinungsort seines Gedichtbandes, der diese Totenklage enthält.

20 Stimmen hat Lewinsky zusammengetragen, Gedichte behutsam ins Deutsche übersetzt, ihre bruchstückhaften biografischen Spuren notiert. Ihre jiddische Sprache war vom Untergang bedroht, durch Flucht und Deportation hatten sie alles verloren. Viele waren noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren, also unter dem Eindruck von Gewalt und Revolutionen aufgewachsen. Ihre literarischen Gehversuche hatten in den 20er- und 30er-Jahren begonnen.

BITTERKEIT Nun, erläuterte Lewinsky, wartete man in den DP-Lagern auf die Emigration. Was man aufschrieb, spiegelte die Lebenserfahrung der Autoren und Leser, ihrer Schicksalsgenossen, wider. Alle waren eine »Erinnerungsgemeinschaft«. Themen waren der »Churbn«, der Holocaust, der Versuch einer Rückkehr an die Herkunftsorte, das Leben im DP-Lager und der Blick auf die sie umgebende deutsche Zivilgesellschaft: »Die Texte sind durch Sprache, Ort und Art ihrer Abfassung einzigartig«, stellt Lewinsky fest und verweist auf deren Bitterkeit und Unversöhnlichkeit.

In dem Gedicht Das blaue Kleid von Mates Olitski heißt es: »Wie reizend siehst du in dem Kleid doch aus! / Doch stammt es nicht aus unserem toten Haus?«. Und Gutman stellt sich in dem Poem Auf fremder Erde (1945) die Frage: »Was soll ich denn noch mit dem Leben? / Wenn es öde im Herzen geworden / Ohne Wunsch, ohne Streben«.

Es gibt aber auch Satirisches. Baruch Graubard schreibt launig über sich selbst: »Wie mein Freund Jankl Batlen zum Redakteur wurde«. Die Namen der Verfasser klingen selbst wie pure jiddische Poesie: Shloyme Berlinski, Malke Kelerikh und Mordkhe Libhaber.

Bei der Übertragung der Originaltexte wurde Lewinsky von ihrem Vater Charles unterstützt, der zwar Schriftsteller ist, aber kein Jiddisch spricht. Nur schade, dass der Oldenbourg Verlag die Mehrkosten einer zweisprachigen Ausgabe scheute. Die Ein- und Zweideutigkeiten der Sprache bleiben so beim Lesen verborgen. »Bejner« im Jiddischen bezeichnen Knochen, Beine im Deutschen sind »Fiß«. Eine besondere »nu’e« (jiddisch »Genuss«) hatten indes jene, die bei der Lesung von Tamar Lewinsky dabei waren und beides – Jiddisch und Deutsch – hören konnten.

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-jähriger Mann hat am Dienstag vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand gesetzt und den Hitlergruß gezeigt. Die Jüdische Gemeinde zu Gießen vermutet einen antisemitischen Hintergrund

von Michael Thaidigsmann  14.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026

Programm

Lesung, Führung, Erinnerung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Januar bis zum 22. Januar

 14.01.2026

Berlin

»Wie es wirklich war«: Schoa-Überlebende als Hologramme  

Wie es mit dem Erinnern an die NS-Verbrechen weitergeht, wenn diejenigen, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr da sind, wird bei einer Konferenz in Berlin erörtert

von Leticia Witte  14.01.2026

Ignatz-Bubis-Preis

»Den Menschen und dem Leben zugewandt«

Salomon Korn hat die Auszeichnung der Stadt Frankfurt am Main erhalten. Wir dokumentieren hier die Laudatio seines langjährigen Weggefährten Dieter Graumann

von Dieter Graumann  13.01.2026

ZWST

»Wir müssen wütender werden«

Ricarda Theiss, Leiterin des Fachbereichs Frauen, über die Praxis Sozialer Arbeit, Alltagserleben und patriarchalische Machtverhältnisse

von Katrin Richter  13.01.2026

Erinnerungskultur

Bund fördert Projekte zu NS-Zeit und deutscher Teilung

Der Bund fördert in den kommenden Jahren neue Projekte in Gedenkstätten

 13.01.2026

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Bergen-Belsen

Bahn-Neubau: KZ-Gedenkstätte mahnt Abstand zu Gedenkort an

Die Bahn will voraussichtlich mit einem Neubau die Strecke zwischen Hamburg und Hannover ertüchtigen. An den Plänen gibt es auch Kritik. Die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen sieht einen historischen Erinnerungsort in Gefahr

von Karen Miether  13.01.2026