Thüringen

Gedenken vor Ort

Zum Jahrestag der KZ-Befreiungen wartet Thüringen gleich mit zwei neuen Ausstellungen zum Thema auf. Die Gedenkstätte Buchenwald öffnete am 17. April eine neue Dauerausstellung, und der »Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz« präsentierte am 22. April eine Exposition zum Thema Erfurt und Auschwitz.

»Wir haben uns nicht einmal voneinander verabschiedet«, erinnert sich Eva Fahidi-Pusztai. Ihre Lebensgeschichte, zusammengefasst in einem Drei-Minuten-Text, ist eines der lebendigen Zeugnisse der neuen Ausstellung in der Effektenkammer der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. »Die Art, wie wir voneinander gehen mussten, hat eine Wunde hinterlassen, die auch ein noch so langes Leben nicht schließen kann«, sagt die heute 90-jährige Eva Pusztai. Am Tag der Ausstellungseröffnung war sie Gast der Stiftung. »Es ist meine Ausstellung geworden«, sagt Eva Pusztai auf Deutsch. 750 Objekte und 400 Dokumente sowie 1300 Fotografien beschreiben das Leben in Buchenwald.

Verteilt auf drei Etagen dürfte »Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937–1945« auch Menschen erreichen, für die der Holocaust als eine historische Episode erscheinen könnte, wenn es keine Überlebenden mehr gibt, die Zeugnis über die Gräuel ablegen. Diese Ausstellung hat das Potenzial, dies zu verhindern.

ZYNISMUS Schon der Prolog zur Ausstellung im Erdgeschoss des Gebäudes dürfte für Nachdenken sorgen. Darin wird die Inschrift »Jedem das Seine« erklärt, die ursprünglich zum Grundsatz des Rechts in der Antike gehörte: »Die Gebote des Rechts sind folgende: ehrenhaft leben, den anderen nicht verletzen, jedem das Seine gewähren«. Die meisten Besucher reagieren zumindest erstaunt. Denn sie kennen nur die Inschrift am Lagertor von KZs.

Die neue Ausstellung ist das Ergebnis der mehrjährigen Spurensuche sowohl der fest angestellten Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora um den Historiker Volkhard Knigge als auch der Honorarkräfte. Sie forschten in 220 Archiven, Privatsammlungen, Gedenkstätten, Museen und Universitäten in Deutschland sowie in Österreich, Belgien, den Niederlanden, Israel, USA und Australien. Zudem haben Überlebende und Angehörige private Dokumente oder Objekte der Stiftung zur Verfügung gestellt. Gleiches gilt für künstlerische Arbeiten von Häftlingen wie beispielsweise ein Schachspiel. Die intensive Forschung belegt auch, dass statt der bislang vermuteten 260.000 Gefangenen 277.849 Häftlinge in Buchenwald gelebt und gelitten haben.

Nicht nur Eva Fahidi-Pusztai hat Auskunft über ihre Familie gegeben. An den verschiedenen Audiostationen können die Besucher sich 85 lebensgeschichtliche Porträts sowie 25 Erinnerungsberichte ehemaliger Häftlinge und eingesprochene Auszüge aus Dokumenten einspielen lassen. Zudem haben die Macher der Ausstellung, die Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie Holzer-Kobler-Architekturen Berlin/Zürich, 600 biografische Anmerkungen in die verschiedenen Texte eingebaut.

Besonders beeindruckend dürfte ein Modell des KZ Buchenwald sein. Es ist über das Treppenhaus erreichbar und gibt dank der eingebauten Fenster den Blick auf das Lagergelände frei. Erinnerungen aus jener Zeit werden wach, als Menschen genau dort gequält und ermordet wurden. Menschen zwischen zwei und 16 Jahren. 56.000 Tote gab es hinter jenen 3500 Metern Stacheldraht.

Unwissenheit Die Ausstellung widerlegt in ihrem Epilog eindringlich die Behauptung, dass die Einwohner von Weimar nicht gewusst hätten, was in der Nähe ihrer Goethe- und Schillerstadt geschehen ist. 1000 Frauen und Männer aus Weimar waren von Amerikanern am 16. April 1945, fünf Tage nach der Befreiung also, gezwungen worden, sich das KZ Buchenwald und die ausgemergelten Häftlinge anzusehen.

»Wir haben nichts gewusst«, sagten sie. Einstige Häftlinge widersprachen: »Ihr habt es gewusst. Wir haben neben euch an Maschinen gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.« Es ist eines der neun Schlaglichter, die die Nachkriegsgeschichte beleuchten und nachdenklich machen.

Bewusst haben die Macher der Ausstellung diesmal darauf verzichtet, auf das sowjetische Speziallager nach 1945 hinzuweisen. Auch wenn dieser Teil der Nachkriegsgeschichte zu Buchenwald gehört und erzählt werden muss – diese neue Dauerausstellung wäre dafür der falsche Ort gewesen.

Die Ausstellung des Erinnerungsortes Topf & Söhne bei Erfurt ist erstmals in Deutschland und noch bis zum 27. Januar nächsten Jahres zu sehen. Dass dies just an jenem Ort geschieht, an dem die Verbrennungsöfen von Auschwitz und die Lüftungstechnik für die Gaskammern konstruiert und gebaut wurden, ist stimmig.

Doch die Leiterin des Erinnerungsortes wollte sich nicht damit begnügen, diese bereits unter anderem in Israel, den USA, Großbritannien und Russland gezeigte Exposition nach Thüringen zu holen. Vielmehr suchten sie und ihr Team nach einer Ergänzung aus regionaler Sicht. In Archiven und mithilfe der Universität Erfurt fanden sie tatsächlich neues Material über Täter.

»Wir verstehen diese Ausstellung als Dialog sowohl mit Blick auf die polnische Perspektive als auch die Thüringer Sicht«, sagt Schüle. Für sie bleiben KZ und Vernichtungslager Auschwitz das Symbol für den Holocaust schlechthin. Die konkreten Geschichten, die in der Ausstellung nachzulesen und mit Bildmaterial visualisiert sind, dürften auch den Nachgeborenen Brutalität und Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten nachvollziehbar machen.

Dabei wurden – was heute kaum noch bekannt ist – polnische Einwohner die ersten Opfer von Auschwitz. Sie waren in der Untergrundbewegung aktiv. Später kamen überwiegend Juden aus Polen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, aber auch Sinti und Roma sowie sowjetische Kriegsgefangene. Insgesamt 1,3 Millionen Menschen wurden in dieses größte Vernichtungslager verschleppt, 900.000 kamen sofort in die Gaskammern und wurden in jenen Öfen verbrannt, die von Erfurter Ingenieuren und Handwerkern bei Topf & Söhne entworfen, gebaut und repariert wurden.

Erklärungen All das beschreiben die Erzähltafeln sehr eindrücklich. Die Wissenschafts-Volontärin Verena Bunkus hatte die Originaltafeln übersetzt. Sie war vor zehn Jahren während ihres freiwilligen sozialen Jahres in Oswiecim und forscht nun als Geschichtsstudentin am Erfurter Erinnerungsort. Eine jener Lebensgeschichten, die die Ausstellung vorstellt und anhand derer die Bezüge zur Erfurter Stadtgeschichte hergestellt werden, ist die von Heinrich Messing.

Der vermeintliche Kommunist hatte gemeinsam mit der Belegschaft von Topf & Söhne am 1. Mai 1937 für mehr Gerechtigkeit demonstriert. Als jemand ihn dabei filmte, zerrte er sich seinen Hut vor das Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Recherchen des Landeskriminalamts Thüringen haben jetzt in Vorbereitung auf die Ausstellung ergeben, dass es sich bei dem Mann mit Hut auf einem Foto tatsächlich um jenen Heinrich Messing handelt. »Bislang war es nur eine Vermutung, jetzt ist es erwiesen«, freut sich Annegret Schüle.

Nur sechs Jahre nach dieser Demonstration ging Messing als Reisemonteur nach Auschwitz und installierte die Lüftungstechnik jenes Kellerraums, in dem sich die Häftlinge entkleiden mussten. Unmittelbar nach dem Krieg wird Messing zunächst Mitglied im Betriebsrat. Zwei Jahre nach seinem Einsatz in Auschwitz wechselt er in Erfurt zur Kriminalpolizei. Um die Topf-Monteure von Auschwitz zu decken, verweigert die Erfurter Polizei die Unterstützung bei den Ermittlungen gegen Inhaber Ernst Wolfgang Topf, der inzwischen in Wiesbaden eine neue Firma J. A. Topf & Söhne gegründet und sich auf den Bau von Krematoriums- und Abfallvernichtungsöfen spezialisiert hatte.

Heinrich Messing stellte derweil 1951 einen Antrag, als »Kämpfer gegen den Faschismus« anerkannt zu werden, dem auch stattgegeben wurde. Als Messing 1985 stirbt, erhält er einen Platz im Ehrenhain auf dem Erfurter Friedhof. Diesen Platz hat er noch heute, obwohl man ihm nachsagt, dass er in der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit gearbeitet, seine Wohnung als Treffpunkt zur Verfügung gestellt und seine Nachbarn belauscht haben soll.

BILDUNG
»Diese Ausstellung ermöglicht eine gemeinsame deutsch-polnische Erinnerungspolitik«, sagt Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Er ist angetan von der Wanderausstellung des Museums Auschwitz-Birkenau im Erinnerungsort Topf & Söhne. Es seien genau diese Geschichten, die gemeinsame dunkle Geschichte zwischen Erfurt und Auschwitz deutlich machen. Im kommenden Jahr wird deshalb die Dauerausstellung des Erinnerungsortes Topf & Söhne auch in Oswiecim zu sehen sein.

Darüber hinaus wird der Erinnerungsort in den nächsten Monaten ein pädagogisches Begleitprogramm zur Ausstellung anbieten. Es reicht von Führungen über Tagesprojekte für Schulklassen bis hin zu Diskussionen über Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus heute. Auch ein zweiwöchiges internationales Jugendcamp im Museum Auschwitz-Birkenau wird gemeinsam mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste vorbereitet. »Das ist gut. Rassismus darf keinen Platz finden«, begrüßt Schramm diese Initiativen.

Dresden

Gedenken an Pogromnacht

Nora Goldenbogen appelliert, Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten mahnend wachzuhalten

 10.11.2019

Konstanz

Neue Synagoge eingeweiht

Zentralratsvizepräsident Lehrer: »Zeichen für jüdische Zukunft«

 10.11.2019

Porträt der Woche

»Ich bin der Letzte«

Max Schwab ist Gemeindeältester in Halle und erlebte die Pogromnacht 1938

von Tobias Kühn  10.11.2019

Saarbrücken

Gegen alle Widerstände

Jahrelang kämpfte die Gemeinde für ein angemessenes Schoa-Mahnmal

von Lisa Huth  10.11.2019

Berlin

Gedenken im Gemeindehaus

Bundespräsident Steinmeier und der Regierende Bürgermeister Müller erinnerten an die Opfer der Novemberpogrome

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  09.11.2019

Halle

Jüdische Gemeinde wünscht sich Ruhe

Vorsitzender Max Privorozki: »Können kein normales Gemeindeleben mehr führen«

 09.11.2019