Holocaust

Gedenken am Gleis 17

Am Denkmal »Gleis 17« im Grunewald ist am Donnerstagmittag der ersten Deportation von Juden am 18. Oktober 1941 gedacht worden. Damals wurden 1.251 Juden vom Bahnhof Grunewald in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Es folgten zahlreiche weitere Verschleppungen in den Osten. Von insgesamt 160.000 Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Berlin wurden 55.000 von den Nationalsozialisten ermordet.

»Dieses dunkle Kapitel wird auf ewig mit der Geschichte Berlins verbunden bleiben«, sagte der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz in seiner Eröffnungsrede. Das Denkmal am früheren Güterbahnhof klage an, ermahne aber auch, »nie wieder so etwas zuzulassen«. Auch heute noch müsse sich die Gesellschaft die Frage stellen, warum damals nicht mehr Menschen Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet und Juden geholfen hätten. »Das sind wir den Opfern schuldig«, sagte Schmitz.

Gesellschaft Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, betonte, dass es während der NS-Zeit in Berlin durchaus – wenn auch wenige – Menschen gab, die Juden gerettet hätten. »Mit dieser Gedenkveranstaltung wollen wir auch an diese Helfer erinnern«, sagte Joffe. Gerade die Ereignisse der vergangenen Monate würden zeigen, wie wichtig es sei, für eine offene Gesellschaft und gegen Rassismus zu kämpfen. »Die Gesellschaft muss sich ein Vorbild an diesen Helfern nehmen und wieder Werte wie Anteilnahme und Mut leben, um Menschen in Not zu helfen.«

Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron berichtete in ihrer Gedenkrede von der NS-Zeit, die sie in Berlin in einem Versteck überlebte. »Ich frage mich bis heute, mit welchem Recht ich mich damals versteckt habe, während andere deportiert und umgebracht wurden«, sagte die 90-Jährige. Dieses Gefühl der vermeintlichen Schuld habe sie zuweilen so sprachlos gemacht, dass sie nicht mehr von ihrem Schicksal berichtete. »Doch immer, wenn mir jemand sagte: ›So vergessen Sie doch! Das Ganze ist doch schon so lange her!‹, wusste ich, dass ich weiter machen musste.« Nicht, um mich zu rächen, erklärte sie, sondern um die Wahrheit zu erzählen.

Schicksal Eine andere Frage bereite ihr indes seit geraumer Zeit große Unruhe: »Wie wird es sein, wenn ich und andere Zeitzeugen nicht mehr selbst von unserer leidvollen Geschichte berichten können? Wer wird dann von unserem Schicksal erzählen? Wird man sich noch an uns erinnern?«, fragte Deutschkron.

Darauf gaben Schüler der Ernst-Abbe-Oberschule Neukölln eine Antwort. In Zusammenarbeit mit der Schwarzkopf-Stiftung und der Gedenkstätte »Stille Helden« erinnerten sie an Juden, die in den 1930er-Jahren ihre Schule besucht hatten und vom Bahnhof Berlin-Grunewald deportiert wurden. In den vergangenen Monaten hatten sie im Archiv Neuköllns recherchiert und verschiedene Lebensläufe zusammengetragen.

»Wir haben über den Holocaust schon viel im Unterricht gesprochen«, sagte eine Schülerin, die das Leben von Günther Becker vorstellte. »Aber wenn man sich noch einmal selbst damit beschäftigt, merkt man erst einmal, wie viele Menschenleben von den Nazis wirklich ausgelöscht wurden. Ihnen wollen wir hier und heute gedenken. Nur wer vergessen wird, ist wirklich tot.«

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