München

Gedenken am Gärtnerplatz

Sommer in der Stadt, in der Mitte des wie eine Piazza angelegten Gärtnerplatzes blühen gepflegte Blumenrabatten. Jeden Abend lassen junge Leute auf den Stufen des Staatstheaters den Tag entspannt ausklingen.

Sie wissen nicht, dass sie sich im Herzen des einstigen ostjüdischen Viertels befinden. Hier lebten und arbeiteten einmal vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis weit in die 30er-Jahre hinein Juden. Ein Zeichen dafür ist die im Innenhof des Anwesens Reichenbachstraße 27 noch im Jahr 1931 fertiggestellte Synagoge. Im Eckhaus Gärtnerplatz 4, heute Klenzestraße 26, wohnte seit der Hochzeit 1911 – 29 Jahre lang – das Ehepaar Leopold und Sabine Schwager.

Das Ehepaar wohnte seit der Hochzeit 1911 – 29 Jahre lang – in dem Eckhaus zur Klenzestraße.

familie Am vergangenen Freitag kamen mehr als zwei Dutzend Familienangehörige und Freunde der Familie vor dem Anwesen zusammen, um ein Erinnerungszeichen für die Eheleute zu setzen. Im Zentrum der Vorbereitung dieses bewegenden Ereignisses stand zum einen die Koordinierungsstelle Erinnerungszeichen mit ihren Mitarbeitern Barbara Hutzelmann und Maximilian Strnad, zum anderen die Enkelin der Deportierten und Ermordeten, Dianne Schwager.

Die 68-Jährige war 1972 zum ersten Mal nach Europa gereist, besuchte Verwandte in Paris und kam damals auch nach München, die Stadt, in der ihr Vater 1913 geboren worden war.

Sie wollte auch wissen, was aus der im selben Haus wie ihre Großeltern wohnenden befreundeten Familie Alois und Lilly Frank (geborene Mandelbaum) und deren Sohn Eugen, der in der NS-Zeit als »Halbjude« galt, geworden war. Dessen Tochter Anneliese und ihre Familie wie auch die Familie Levieux aus Paris kamen gemeinsam mit den Nachfahren der Schwagers nach München, um an das Schicksal von Sabine und Leopold Schwager zu erinnern.

schlüsselerlebnis Es sind Schlüsselerlebnisse, die Dinge ins Rollen bringen. Für Dianne Schwager war es wohl der Dokumentarfilm Menschliches Versagen von Michael Verhoeven aus dem Jahr 2008. Auch der Regisseur kam zur Gedenkstunde am Freitag. Und es war der Kontakt über das Holocaust-Museum in Washington – vor allem zu dem Münchner Historiker Andreas Heusler –, der sich »als Goldmine erwies, was Informationen betraf«, schwärmt Dianne Schwager.

Binnen weniger Tage hatte sie 2016 eine ganze Dokumentation zur Münchner Geschichte ihrer Vorfahren zusammen. Hinzu kam der Kontakt zu Katharina Seehuber, die das Schicksal der Familie Schwager in ihre Dissertation integriert hatte und darüber hinaus zu einer guten Freundin wurde. Am vergangenen Wochenende waren die Schwagers sogar als Gäste ihrer Hochzeit in der Nähe vom Chiemsee geladen.

Andreas Heusler vom Stadtarchiv wurde gebeten, die Situation von Juden ab dem Jahr 1933 historisch einzuordnen.

Andreas Heusler, ein Kenner der jüdischen Geschichte Münchens und im Stadtarchiv dafür in verantwortlicher Position zuständig, wurde gebeten, die Situation von Juden ab dem Jahr 1933 historisch einzuordnen: »Ausgrenzung und allmähliche Entrechtung gingen Hand in Hand und führten schließlich zu öffentlicher Stigmatisierung, wirtschaftlichem Raub und offener Gewalt.« Die Schwagers wie all ihre Leidensgefährten waren »zu rassistisch stigmatisierten sozialen Außenseitern geworden«, berichtet Heusler.

Man spürt seine Empathie, die weit über wissenschaftliches Interesse hinausgeht, wenn er resümiert: »Keiner von uns kann beurteilen, wie es sich anfühlt, wenn alle sozialen und nachbarschaftlichen Kontakte nach und nach abbrechen.« Und er setzt nach: »Anzuklagen sind nicht nur die Täter. Schuldig sind auch jene, die es den Tätern ermöglichten, unbehelligt zu bleiben.«

»arisierung« Dianne Schwager stellte ihre Großeltern vor, die aus kleinen Orten stammten, Leopold aus Bad Kötzting in Bayern, Sabine aus Unterhaid in Böhmen. Sie hatten einiges gemeinsam – ihre Väter, früh verwitwet, heirateten erneut, und so kamen Halbgeschwister hinzu. Die Firma »Leopold Schwager Lederhandlung und Schäftefabrikation« fiel 1939 durch »Arisierung« Gerhard Fiehler, dem Bruder des Münchner NS-Bürgermeisters Karl Fiehler, zu.

Die Kinder waren im Ausland – der ältere Sohn Erwin war in die USA emigriert, von wo er vergeblich die Auswanderung der Eltern betrieb, der jüngere Karl nach Palästina. Leopold Schwager blieb die Verschleppung nach Dachau nach der Pogromnacht ebenso wenig erspart wie der Umzug mit seiner Frau in ein sogenanntes Judenhaus 1940 und die Deportation am 20. November 1941 nach Kaunas, wo die Schwagers fünf Tage später ermordet wurden. Ihre Visa nach Kuba vom 3. November 1941 nebst Schiffspassage nützten ihnen nichts mehr, denn es gab seit Mitte Oktober den Erlass eines Emigra­tionsverbots.

Schuldig seien auch jene, die es den Tätern ermöglichten, unbehelligt zu bleiben, sagte Heusler.

Die rührige Nachfahrin der Schwagers suchte alle nur möglichen Orte auf, die ihr etwas über die Geschichte ihrer Großeltern verraten konnten: die Gräber der Urgroßeltern väterlicherseits auf dem Neuen Israelitischen Friedhof, den einstigen Firmensitz in der Fliegenstraße hinter dem Sendlinger-Tor-Platz, den Gedenkstein der ehemaligen Hauptsynagoge, in welche die Großeltern zu den Hohen Feiertagen gegangen waren und wo ihr Vater Barmizwa gefeiert hatte.

briefe Dianne Schwager und ihr Bruder Gary wissen vieles über das Schicksal der Großeltern aus rund 500 Briefen, die ihr 1992 verstorbener Vater Erwin mit seinen Eltern austauschte und in seinen letzten Lebensjahren ins Englische übersetzte. Da er in seiner Jugend leidenschaftlich fotografierte und die Bilder mit sich nahm, existieren rund 2000 Fotos vom jüdischen Leben aus den späten 20er- und 30er-Jahren. Sie wurden in einer gemeinsamen Aktion vom Holocaust-Museum in Washington und dem Münchner Stadtarchiv digitalisiert und harren der wissenschaftlichen Auswertung.

Stadtrat Florian Roth, der künftig jeden Morgen, wenn er seine Tochter zum Kindergarten bringt, an dem Erinnerungszeichen für Leopold und Sabine Schwager vorbeikommen wird, resümierte, dass die Stadt seit Beginn des Projekts im Juli 2018 bereits 24 Gedenkstelen für 49 Personen errichtet hat. Weitere 80 sind in Vorbereitung.

Eine davon war bereits am Vortag Alexander Lubranczyk (1854–1942) gewidmet worden, der am 3. August im KZ Theresienstadt ermordet wurde. An der Zeremonie in der Ohmstraße 20 nahmen Nachfahren der 1939 emigrierten Tochter Gertrud teil, die aus Chile und den USA angereist waren.

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